Philosophie der Geschichte

 

Zu reden ist nicht von der Naturgeschichte, die mit dem Big Crunch enden mag, oder sich ins Unendliche zieht; wo ohnehin zuvor die Sonne erlahmen und der Erde kein Licht mehr spenden wird. Sondern gemeint ist die Geschichte der menschlichen Gemeinschaften.

Im Prinzip startet diese mit dem ersten Auftritt des homo sapiens auf der Bühne unseres Planeten; jedoch gibt es eine umfassende Selbstreflexion der Geschichte durch den Menschen wohl erst seit der Zeit der frühen Hochkulturen vor maximal ungefähr 5000 Jahren, in denen dann auch bereits Schrift und Schreibgeräte zur Verfügung standen, die jede Geschichtsschreibung voraussetzt.

Geschichte wird von Historikern erforscht, beschrieben und interpretiert. Während die geschichtlichen Ereignisse vielschichtig sind, von vielen widerstrebenden Interessen und Protagonisten getragen und von anderen, vorvergangenen Ereignissen wesentlich mitbestimmt, kann Geschichtsschreibung naturgemäß immer nur aus einer oder wenigen Perspektiven heraus erfolgen und nie den vollständigen Ablauf des Geschehens wiedergeben. Umgekehrt heißt das: die Totalität einer geschichtlichen Epoche kann durch ein einzelnes Narrativ nicht vollständig erfasst werden, sondern ist zu definieren als der Limes der Gesamtheit aller möglichen Narrative.

Nietzsche hat behauptet, es gebe 3 Arten von Geschichtschreibung, eine monumentalische, eine antiquarische und eine kritische, je nachdem ob der Historiker "dem Tätigen und Strebenden, dem Bewahrenden und Verehrenden oder dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen zuneigt".

Bei jeder dieser 3 Vorgehensweisen droht jedoch die eigentliche Geschichte gegenüber den Interessen des Betrachters in den Hintergrund zu treten. Dass der Geschichtsschreiber die Geschichte durch seine eigene Brille sieht und daher seine Darstellung teilweise verfälschend ist, mag als Binsenweisheit durchgehen. Nach meiner Meinung muss ein guter Historiker aber versuchen, sich und seine eigenen Zeitläufe und Interessen so weit wie möglich in den Hintergrund treten zu lassen. Sicherlich wird ihm das nicht vollständig gelingen; doch als Ideal sollte er dies im Auge behalten: eine Geschichte zu entwerfen, die sich selbst gehört; und zusammen mit der ergänzenden Arbeit anderer Geschichtsforscher aus unterschiedlichen Perspektiven ein annähernd objektives Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Wer Geschichtsschreibung anders versteht, betreibt sie eher als eine Form von Propaganda - um nichts anderes handelt es sich bei den von Nietzsche beschriebenen Typen.

Man sollte sich klarmachen, dass die Sicht auf eine geschichtliche Ereignisfolge a priori von mehreren, ganz unterschiedlichen Seiten beeinflusst wird:

-von den damaligen Beweggründen der geschichtlich handelnden Protagonisten

-von der Interessenlage der Geschichtsschreiber, die ihre eigene Weltsicht und Gegenwart darin spiegeln

-von einer eventuell existierenden übergeordneten Universalität, einem tieferen Sinn oder gar einem auf eine Vollendung der Menschheit zielenden Telos

-vor allem aber von der Rezeption durch den späteren Leser, der sich aus Berichten und Beschreibungen verschiedener Historiker, die selber höchst unterschiedlichen Epochen angehören können, ein Bild von den ursprünglichen Ereignissen zu machen versucht.

Eine der Hauptfunktionen eines guten 'dienenden' Historikers besteht darin, zum Nutzen jenes späteren Lesers gegenüber den ursprünglichen Protagonisten zurückzutreten und seine eigenen Interessen soweit als möglich aus der Sache herauszuhalten. Erst dann wird dem (eventuell Jahrhunderte) späteren Leser mit seinem ganz anderen kulturellen Hintergrund, der am Zeitgeist und der Weltsicht des Historikers im allgemeinen wenig Interesse hat, eine halbwegs neutrale Dokumentation der ursprünglichen Ereignisse zur Verfügung stehen.

Da ich die Möglichkeit eines Telos (und einer Universalgeschichte) an späterer Stelle weitgehend negativ beurteilen werde, sollte dieser Historiker erst recht nicht versuchen, die ursprünglichen geschichtlichen Ereignisse zusammen mit seiner eigenen Zeit als Teil einer Universalgeschichte zu präsentieren.

Ebenso wenig darf man die Geschichte als ein Buch auffassen, aus dem man abschreiben könnte. Wenn überhaupt, ist sie ein verworrenes und verwirrendes Konvolut, zu welchem zahllose Autoren Beiträge geliefert haben, ein Amalgam aus unzähligen Ereignissen, die jeweils vielerlei Ursachen und teilweise spontanen oder zufälligen Charakter haben. Es hat allerdings immer Geschichtsschreiber gegeben, die aus der Geschichte eine Erzählung zu machen wussten, indem sie eine Sequenz einzelner Ereignisse auswählten, nacherzählten, ausschmückten und gemäß eigener subjektiver Erfahrung, Weltanschauung oder einfach ihres gesunden Menschenverstandes (um)interpretierten. Auf diese Weise sind fast alle bedeutenden Ereignisse der jüngeren Geschichte von einem ganzen Kontinuum aus Erinnerungen, Beschreibungen und psychologischen Analysen überdeckt und haben so einen bestimmten, durchaus spezifisch geschichtlichen Charakter erhalten. Allerdings mit der Konsequenz, dass jeder spätere Leser die Geschichte anders sehen kann, und sich höchstens aus der Schnittmenge der vielen Zeugen und Interpreten korrekte Bilder der damaligen Wirklichkeit herauskristallisieren.

Ein Problem für die neuere Geschichte: es kommt relativ häufig vor, dass Historiker die wahren Ereignisse aus ideologischen Gründen verfälschen. Im Gegenzug ist es hier aber möglich, dieser Tendenz mit vielen Funden, Fotos und Filmausschnitten und den Aussagen von Augenzeugen entgegen zu wirken.

Hinsichtlich der alten Geschichte kommt es ebenfalls zu Verfälschungen der geschichtlichen Wahrheit, aber meist nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil nicht genügend Quellen zur Verfügung stehen, was Raum lässt für Spekulation und Vermutung, und weil das wenige, was zur Verfügung steht, meist selektiv ist und die Gewichte gegenüber der historischen Wahrheit verschiebt.

Obwohl alle geschichtlichen Ereignisse singulär sind und sich die Geschichte niemals genau wiederholt, hat man doch in manchen Situationen ein deja-vu Gefühl, das sich auf gewisse Strukturähnlichkeiten menschlicher Gesellschaften zurückführen lässt, die sich wiederum aus der Ähnlichkeit menschlicher Reaktionen in gewissen Situationen und aus anderen relativen Grundkonstanten des Daseins ergeben. Wie später diskutiert, darf man aber keinesfalls so weit gehen, hier eine Parallelität aller Kulturen oder gar eine vollständige Gleichheit der Geschichte zu postulieren.

Die Strukturähnlichkeiten reichen immerhin aus, um gewisse strukturalistische Methoden zu rechtfertigen, mit deren Hilfe sich die Geschichte analysieren lässt. Wenn es etwa um Unterdrückung geht, sind die konkreten Formen der Herrschaft historisch unterschiedlich, und hängen zum Beispiel auch vom Stand der technischen Entwicklung ab, doch gewisse Grundkonstanten bleiben über alle Zeitalter erhalten. Ebenso hat sich das Verhalten autoritärer sogenannter 'großer Männer', die sich der aggressiven Impulse ihres Egos nicht enthalten können und damit leicht Kriege auslösen oder zumindest ihre Nation immer wieder in unangenehme Situationen gegenüber den Nachbarn bringen, wohl seit der Antike nicht wesentlich verändert.

So gibt es zwar keine festen Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte, aber doch Ähnlichkeiten, partielle Isomorphien und wiederkehrende Tendenzen, die durchaus vorhersagbar sind. Diese 'Gesetze' der Politik, aber auch der Kultur, auch wenn es sich im engeren Sinn nicht um zwingende Gesetzmäßigkeiten handelt, sind meist nicht sehr kompliziert, denn sie folgen oft denselben einfachen Mustern. Schwierigkeiten in der Vorhersage resultieren hauptsächlich aus unklaren und variablen Randbedingungen, wie beispielsweise die Vielzahl der Einflüsse und Akteure, überraschende Zufälle usw - vor allem jedoch ergeben sie sich aus dem Stand der Produktivkräfte, der in jeder geschichtlichen Epoche definitiv anders ist.

Grundsätzlich verhält es sich mit dem Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungen nicht viel anders als mit dem Wetter - man kann einigermaßen verlässliche Vorhersagen für kürzere Zeiträume (etwa 10 Jahre, etwa eine Generation von Menschen oder von technischen Anlagen) machen, aber nicht für längere. Daher ist auch die Entwicklung der Produktivkräfte und der Technik nicht genau vorhersagbar. Erst in dem Moment, wo sich eine Neuerung wie das Internet abzeichnet, kann man versuchen, seine Folgen auf die Gesellschaft abzuschätzen. Zu erforschen bleiben ferner die Rolle des kollektiven Unbewussten, die Psychologie der Eliten, wenn sie einem Krieg zuneigen, oder die der Massen, wenn sie den für die ganze Nation fatalen Fehler machen, einen schlechten Anführer zu wählen.

Wenn man sich für die groben Entwicklungszüge der Geschichte interessiert, scheint es auf den ersten Blick vernünftig zu sein, statt von objektiven Zuständen von den Interessen einzelner, beherrschender Akteure auszugehen und zu versuchen, daraus Vorhersagen für die Zukunft zu gewinnen. Nehmen wir einmal an, ein solcher Akteur, nennen wir ihn A=Hitler, habe (i) mit welchen Methoden auch immer in einem Staatswesen die Macht an sich gerissen, und (ii) es gehe ihm um ein Ziel Z, etwa Z=seine Nation groß machen (was immer er darunter genau versteht und natürlich geht es ihm dabei auch darum, sich selbst und seine Paladine groß herauskommen zu lassen und bestens zu versorgen). (iii) Er glaubt, dass er Z nur erreichen kann, wenn er ein gewisses Ereignis E herbeiführt, zum Beispiel E=einen Krieg und (iv) er macht sich tatsächlich daran, E herbeizuführen.

Oft ist es dann aber leider so, dass er zwar E herbeigeführt hat, aber am Ende das Gegenteil seines Ziels Z erreicht, in diesem Fall heißt das, dass Deutschland nach dem Krieg am Boden lag. Der obige Versuch einer historisch-logischen Vorhersage vermag also zwar die einfach gestrickte Psychologie eines Politikers und Massenmörders richtig widerzuspiegeln, ist aber für den realen Ausgang der Ereignisse nicht wirklich erhellend. Geschichte ist eine verworrene Gesamtheit von vielen einzelnen Individualzielen, zu der gewiss Führungsfiguren mehr beitragen als Mitläufer, und in dem beschriebenen Fall waren eben einige andere Akteure, vor allem im Ausland, beteiligt, deren Ziele denen Hitlers entgegenstanden und die sich am Ende durchgesetzt haben. Immerhin kann man hier im Nachgang begreifbar machen, warum ein Mensch, der mit allen seinen Nachbarn Streit anfängt, beinahe notwendig am Ende scheitern muss.

Von daher lässt sich sagen, dass ein streng historisch-logischer Ansatz doch verworfen werden sollte zugunsten eines eher narrativen Ansatzes, in dem der Historiker die Ereignisse schildert und nebenbei zu plausibilisieren versucht. Dieser Zugang weist zwar auch verschiedene Schwachstellen auf, unter anderem, dass gewöhnlich eine zu beschränkte und subjektive Auswahl unter den Ereignissen getroffen wird, und dass auch plausible Argumente Gesetze und Normen voraussetzen, die beim narrativen Zugang meist nicht systematisch benannt werden, wird aber bei der Deutung der Geschichte normalerweise nicht so weit daneben liegen wie der historisch-logische Ansatz.

Unter den narrativen Geschichtszugängen muss man diejenigen, wo das Sammelsurium der Ereignisse nur erzählt und dabei mit 'gesundem Menschenverstand' plausibel gemacht wird, von denen unterscheiden, die in allem Geschehen eine einzige tiefere, allgemein zusammenhängende und zumeist nach oben gerichtete Entwicklungslinie auszumachen meinen. Ein solches Konzept, das in einer absoluten Form von manchen Hegelianern vertreten wird und im Grunde einem teleologischen Geschichtsbild entspricht, muss als unbewiesen und rein fiktiv angesehen werden, besonders unter Berücksichtigung der biologischen Ursprünge und Beschränkungen des Menschen und der Tatsache, dass dessen erstes und dauerndes Augenmerk immer der Erfüllung seiner Primärbedürfnisse diente und dienen wird.

Allerdings entspricht - wie so vieles andere bei Hegel - auch der Verwirklichungsprozess des absoluten Geistes, als den er die Geschichte deutet, einem bei der Betrachtung der historischen Epochen naheliegenden Gedanken, der sich in Wahrheit hauptsächlich aus dem offensichtlichen technischen Fortschritt seit der neolithischen Revolution ergibt. Eine eher materialistische Geschichtsphilosophie sieht sich dann der Frage gegenüber, warum sich die ganzen Umwälzungen von der Landwirtschaft bis hin zur Digitalisierung über 100000 Jahre Zeit gelassen haben, bevor sie ca 5000 AC endlich einsetzten. Dazu später mehr.

Dass es eine Rückkopplung zwischen dem technischen und dem sozialen Fortschritt gibt, steht außer Frage. Zudem beeinflusst die sich daraus ergebende Ausprägung des Fortschritts im Verlauf der Generationen unsere Gene, und wird von ihnen beeinflusst. Wenn wir dies alles jedoch nur hermeneutisch konstatieren oder wie Hegel diese Konstatierung bloß in eine andere Diktion (die des Hegelschen Geistes) übersetzen, heißt das noch lange nicht, dass wir die Gesetze des Fortschritts verstanden haben. Hegel ist ja durchaus auf der Suche nach einer Dynamik des Geistes, doch wer genauer darüber nachdenkt, stellt fest, dass diese Dynamik vor allem durch technisch-naturwissenschaftliche Neuerungen und ihre soziale Umsetzung in der Geschichte angetrieben wird. Die technischen Neuerungen aber verdanken wir dem so genialen wie beschränkten (Ingenieurs-)Geist der menschlichen Gattung. Ein davon unabhängiger, sie im Gegenteil sogar determinierender wie auch immer gearteter 'absoluter' Geist ist reine Einbildung.

Die Folgen, die das menschliche Handeln in der Geschichte zeitigt, sind Erscheinungsweisen der menschlichen Intelligenz, die sich in der Kollektivität der menschlichen Gesellschaften vielleicht zu einem 'Weltgeist' überhöhen lässt. Es bleibt aber dabei, dass dieser Weltgeist sich aus nichts anderem zusammensetzt als den vielen, teils antagonistisch, teils kooperativ, miteinander kommunizierenden menschlichen Gehirnen, und dass auch die sie verbindende Kommunikationsstruktur Prinzipien folgt, welche sich letztlich aus den Gesetzen für die physikalische Materie ergeben, denen damit auch der 'Weltgeist' samt seinen Entwicklungsmöglichkeiten unterworfen ist.

Die Geschichte hat noch eine weitere Eigenschaft, die sie teleologischen Ansätzen und Heilshoffnungen entzieht: sie ist widersprüchlich, und zwar in einer Weise, die jede positive Dialektik widerlegt. Auch dies gründet auf ihrer Verhaftung in der biologischen und physikalischen Umwelt, die an-sich weder gut noch böse, sondern zuallererst sinnfrei ist, jedenfalls ohne einen Sinn-an-sich für den Menschen. Und es führt nicht erst seit dem Atomzeitalter dazu, dass einer Gesellschaft in kritschen Momenten ein Untergang drohen kann, der jeden bis dahin erreichten Fortschritt zunichte macht.

Dabei ist weiters zu bedenken, dass die vielen Opfer, die die Geschichte seit Anbeginn gekostet hat, niemals kompensiert werden können. Zwar werde ich später argumentieren, dass sich zum Ende aller wissenschaftlichen Erkenntnis hin, falls die Gesetze der Natur vollständig decouvriert sind, ein bis heute versteckter Sinn der menschlichen Existenz und auch des Kosmos offenbaren könnte. Aber dies führt keineswegs dazu, dass auch nur ein Opfer von Kriegen, die in der Vergangenheit im Namen irgendeines Fortschritts geführt worden sind, gerechtfertigt werden kann.

Eine weitere Folge ist, dass es für den Fortschritt keine Garantie gibt. Zwar leben wir in einer Zeit, in der Wohlstand, Bequemlichkeiten und Freiheitsrechte zuzunehmen scheinen; doch können wir selbst in den westlichen Staaten beobachten, dass die ökonomische Stabilität und unsere ohnehin nur sehr begrenzten Freiheiten immer wieder bedroht sind, sei es durch machthungrige Politiker oder bedrohliche Einflüsse von außen.

Zwar scheint es in manchen historischen Momenten, als habe sich die 'List der Vernunft' am Ende durchgesetzt; doch ist dieses Bonmot nach meiner Meinung nicht anders zu bewerten als auf der ökonomischen Ebene jene Idee vom Kapitalismus, die davon ausgeht, dass die Wirtschaft am besten floriert, wenn man den Unternehmern möglichst freies Spiel lässt, weil damit der Gesellschaft als Ganzer geholfen sei.

Tatsächlich kommt unter allen Arten des Handelns und Wirtschaftens die kapitalistische den menschlichen Eigenschaften, Erwartungen und seinen natürlichen egoistischen Lebenswünschen am nächsten. Trotz ihrer vielen Defizite hat es ja auch in der Geschichte keine Zeit gegeben, wo es so vielen Menschen besser ging als in der gegenwärtigen Marktwirtschaft. Der Vergleich von Hegels Geschichtsphilosophie mit dem Ideal des Kapitalismus zeigt aber das Risiko, in das man sich begibt, wenn man der 'List der Vernunft' allzu naiv vertraut. Der Kapitalismus ist untrennbar verknüpft mit wiederkehrenden ökonomischen Krisen, während denen er - zumeist mit dirigistischen Maßnahmen - wieder aufs rechte Gleis gestellt werden muss. Und er hat bei weitem nicht allen Menschen Glück gebracht.

Darin geht es seinen Opfern wie den vielen 'Kollateralschäden', die die 'List der Vernunft' bereits in Hegels Epoche gezeitigt hat, zum Beispiel den ungezählten Toten der europäischen Kriege zwischen Napoleon I und Wilhelm II, die von den Eliten jeweils bereitwillig in Kauf genommen und wohl auch von Hegel gebilligt wurden(?), als Tribut an den Fortschritt der menschlichen Gattung und der Selbstverwirklichung des Weltgeistes. Was für eine List sollte das auch sein, wenn noch heute in relativ entwickelten Ländern wie Russland immer wieder Diktatoren an die Macht kommen und an der Macht bleiben, die Opposition unterdrücken und überhaupt das Wohl des ganzen Volkes einem einzigen Ego ausgeliefert wird. Ist es nicht vielmehr das alte, immer gleiche Spiel, das Herren und Knechte wahrscheinlich schon zu Zeiten der Urmenschen erlernt haben?

Es handelt sich bei Hegels Visionen offenbar um ein inhumanes Geschichtsbild, in dem weniger das Individuum, sondern hauptsächlich die Gattung Mensch zählt, der es im Durchschnitt immer besser geht, und für die der preußische Staat eine Art ideales Gemeinwesen verkörpert. Dieser ist nicht ganz zufällig Hegels Brotgeber, und so ist die scheinbar objektive Vernunft des Philosophen mit subjektiven Partikularinteressen aufgeladen, die überspitzt formuliert zu einer Hypostasierung der Dynamik einer auf Macht fixierten Affenhorde führen.

Man muss sogar auch feststellen, dass alle Ideen von der unbeschränkten Autorität der Vernunft nicht erst seit Hegel eine Kehrseite aufweisen, die sie den Herrschaftsideologien von Priestergesellschaften ähnlich machen. Denn solche Ideen sind eigentlich Dogmen und müssen als solche von Individuen vertreten und glorifiziert werden, die von dieser Repräsentationsfunktion materiell profitieren. Mit gelehrten Worten erklären sie die Idee zum Absoluten, und also insbesondere zur absoluten Autorität. Sie behaupten, die Idee zwinge sie dazu, das Partikulare der Individuen der Gattung zu opfern, damit sich ihr Allgemeines durchsetze. Die Geschichte ende, wenn das Absolute wiederhergestellt sei, erklärt Hegel, müsse jedoch allerlei dialektische Winkelzüge durchlaufen, bevor sie auf eine höhere Stufe gehoben werden könne.

In Wirklichkeit ist das alles nur vorgeschoben. In Wirklichkeit sind die Ideen für die einen nur eine leidenschaftliche Einbildung und für die anderen das Mittel, um die Schlüssel zur Herrschaft zu gewinnen und zu erhalten.

Die hegelsche Dialektik ist in Wahrheit Identitätsdenken, hier bin ich mit Adorno d'accord, in dem das Besondere bruchstellenlos vom Allgemeinen vereinnahmt wird. Hegel missachtet nicht nur die Opfer der Geschichte, sondern es ist die komplexe Realität selbst, die im schlechten Denken untergeht. Hegels Dialektik ist die Methode eines preußischen Professors, sich die Welt schön zu reden. In Wirklichkeit muss Dialektik anders gedacht und von ihrer erpressten Versöhnung befreit werden. Sie muss immer bereit sein, zugunsten eines offenen Diskurses auf die positive Synthesis zu verzichten. So wie die Geschichte selbst auch offen ist.

Trotz dieser Argumente fasziniert die Vorstellung eines durch ein wahrhaft Absolutes bedingtes Endes der Geschichte noch immer viele Denker. Gehlen und Fukuyama haben behauptet, dass wir bereits in einer Endzeit leben, im Sinne eines Sieges der liberalen Demokratien über totalitäre Systeme. Die monistischen Denkformen hätten sich überlebt, und wir seien eingetreten in ein Stadium nach der Moderne, das von einem prinzipiellen Pluralismus getragen sei. Dass diese Behauptung jeglicher Grundlage entbehrt, erkennt man bei einem Blick auf China und auf all jene Länder, die sich neuerdings wieder autoritären Herrschaftsformen zuwenden.

Was diese Autoren als liberale Endzeit wahrnehmen und begrüßen, ist nur der örtlich begrenzte Augenblickseindruck unserer nach einem anti-autoritären Jahrzehnt wieder erstarrenden westlichen Gesellschaften, die dank der errungenen Freiheiten und des ununterbrochenen technischen Fortschritts zur Zeit einen guten Lauf haben. Dem stehen verschiedene immer stärker werdende geschichtsvergessene Strömungen gegenüber, und es ist schwierig vorauszusehen, wer sich am Ende - dann aber auch wieder nur für endliche Zeit - im Westen durchsetzen wird, der autoritäre oder der eher liberale Ansatz.

Zur Wahrheit über die liberale Wohlstandswirklichkeit gehört auch, dass sie in unzusammenhängende Einzelbereiche zerfasert, die alle ihren eigenen, mehr oder weniger gerechtfertigten Geltungs- und Wahrheitsanspruch haben, aber in keiner absoluten übergeordneten Metaerzählung zusammengezwungen werden können. Anders ausgedrückt, wir alle leben und arbeiten in verschiedenen 'Szenen' und auf der Grundlage unterschiedlicher Paradigmen und Sichtweisen, die von der modernen Welt unter Einbeziehung von alten magischen oder ideologischen Untertönen allesamt neu generiert worden sind. Dass diese Paradigmen ausfransen, ineinander übergehen oder sich teilweise widersprechen, hängt auch damit zusammen, dass die Realität eben komplex ist und dabei doch immer besser gehandhabt wird, während die genannten Untertöne dem früheren Stand des menschlichen Nichtwissens entsprechen.

Neuerdings bügelt die immer stärkere Verflechtung und Globalisierung des Handels und der Kulturen die Unterschiede tendenziell wieder aus. Die Globalisierung führt also möglicherweise zu einem Effekt, der der zuvor verworfenen Vorstellung einer Universalgeschichte neue Nahrung gibt, aber nicht derart, dass sich in der bisherigen Menschheitshistorie eine solche erkennen ließe, denn es ist nicht einzusehen, warum man, um ein extremes Beispiel zu nennen, die alten Hünengräber in der Lüneburger Heide und das heutige Japan zu einer Universalgeschichte zusammenfassen sollte, sondern so, dass sich von der Moderne ausgehend in der Zukunft eine solche entwickeln könnte. Momentan ist in dieser Hinsicht noch nichts Endgültiges entschieden. Wir werden später noch einmal auf die Thematik Telos und Universalgeschichte zurückkommen.

Verschiedene Historiker des letzten Jahrhunderts haben Aufstieg und Fall großer Kulturen verglichen und hierbei manche Strukturähnlichkeit festgestellt. Solche Ähnlichkeiten basieren vielfach auf der Ähnlichkeit der menschlichen Reaktionen in gewissen Situationen, die wiederum auf die näherungsweise gleiche genetische Ausstattung und Selbstähnlichkeit der Menschen zurückgeht. Auch gewisse Grundkonstanten und Merkmale von Herrschaft und Unterdrückung, die sich seit dem Altertum nicht wesentlich geändert haben, gehören in diesen Bereich. Statt einen linearen Progress anzunehmen, stellen eher pessimistisch eingestellte Autoren geschichtliche Ereignisse daher gern als Teil einer Kreis- oder Wellenbewegung dar, wo der Kreismetapher die Wiederkehr des Ewiggleichen repräsentiert.

Aus Strukturähnlichkeiten auf Gleichheiten in der Geschichte zu schließen, scheint jedoch eine überzogene Schlussfolgerung. Die Unterschiede zwischen der antiken Sklaverei, der Ausbeutung der Arbeiter im Manchesterkapitalismus und die Herr-Knecht Beziehungen in der modernen Angestelltengesellschaft sind trotz der genannten Ähnlichkeiten beträchtlich. Die Geschichte wiederholt sich nicht, und zwar in erster Linie, weil sich die Produktivkräfte weiterentwickeln und in zweiter Linie, weil sich jeweils unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen eher zufällig durchsetzen können und andere dafür zurücktreten.

Deshalb sind auch die Entwicklungskurven von Hochkulturen höchstens ähnlich, aber nicht gleich. Dabei stellt das materialistisch-objektive Element, das dem permanenten Fortschritt der Technik innewohnt, ein entscheidendes Moment von Entwicklung dar, das geschichtliche Kreisbewegungen von vornherein ausschließt. Man denke etwa an die Einführung des Telefons oder des Internets, oder an das Gleichgewicht des Schreckens, das seit der Erfindung der Atombombe existiert, alles Entwicklungen, die dem Lauf der Geschichte völlig neue Richtungen vorgegeben haben. Gewiss ändern sich auch soziale Einstellungen im Verlauf der Zeit. Dabei kann es aber schon eher zu Kreisbewegungen kommen, indem etwa von der öffentlichen Meinung jahrzehntelang eine autoritäre, danach aber eine laissez-faire Kindererziehung propagiert wird, bevor man später wieder zum autoritären Stil zurückkehrt. Es sind die technischen Neuerungen, die in vielen Fällen Rahmenbedingungen völlig verändern und damit eine nachhaltige Änderung der gesellschaftlichen Entwicklung und der individuellen Einstellungen erzwingen.

Anzumerken bleibt, dass sich solche 'Zwänge' in einer liberalen Gesellschaft auf das statistische Mittel beziehen, während das einzelne Individuum frei entscheiden kann, ob es einem Trend folgt oder nicht. So halten sich bzgl der Kindererziehung sicherlich nicht alle Eltern an die Empfehlungen des Zeitgeistes. In solcher Freiheit liegt übrigens die wahre Resistenz gegen jede Form des gesellschaftlichen Nihilismus (während man den natürlichen Nihilismus, der sich aus einer vermuteten Sinnlosigkeit unserer physikalischen und biologischen Existenz ergibt, wohl niemals überwinden wird).

Es gibt in der Historie immer wieder den großen Einzelnen, der in der Lage ist, den Lauf der Geschichte zu ändern und etwa auch einer Nation zum Aufstieg zu verhelfen. Jedoch würden auch die Taten solcher 'Übermenschen' nur zu erweiterten zyklischen Bewegungen der Geschichte führen, wenn sie sich nicht auf die durch den technischen Forschritt veränderten Rahmenbedingungen ihrer Epoche stützen könnten. Zudem muss angemerkt werden, dass 'große' Einzelne, so sehr sie oft von der Nachwelt heroisiert worden sind, der Menschheit allzu oft Rückschritt und Untergang und gar keinen Segen gebracht haben. Denn leider folgen die Massen meist eher den Anführern, die sie unter Heils- oder Beuteversprechen in einen Krieg schicken als jenen, die in dieser Hinsicht wenig zu bieten haben.

Der Blick der Philosophie auf die Fakten der Geschichte

Da es die meiste Zeit hauptsächlich ums Überleben ging, sind viele Fakten der Menschheitsgeschichte vom Standpunkt der Philosophie eher banal:

-Hunderttausende Jahre geschah nicht viel, außer dass sich unsere Vorfahren als Jäger und Sammler gerade so über Wasser hielten. Sie lebten in kleinen Gemeinschaften, wussten nicht, was hinter den mannigfachen Erscheinungen der Realität steckt und fragten vielleicht auch nicht danach. Wenn überhaupt, gaben sie sich mit magischen Ritualen zufrieden, um ihre Götter zu besänftigen.

-In der Steinzeit (-12000 bis -2500) wurden die Menschen langsam sesshafte Bauern. Durch diese Entwicklung, die von der Geschichtsforschung als 'neolithische Revolution' bezeichnet wird, konnten sie sich besser vermehren, ihre Siedlungen wurden größer, und sie mussten sich an komplexere Sozialstrukturen und Hierarchien gewöhnen. Es bildete sich wahrscheinlich eine Priesterkaste (Megalithenkultur).

-In der Bronzezeit/Antike (-2500 bis +500) findet man die ersten Hochkulturen. Zusätzlich zu den Priestern gab es Krieger, Kaufleute, Wissenschaftler, Künstler usw. Krieger, weil es viel schützenswertes Gut gab, das die Krieger entweder verteidigten oder zu rauben trachteten. Kaufleute zum Austausch von Waren, und einen neuen zahlenmäßig noch kleinen Überbau aus Wissenschaftlern und Künstlern, der sich jedoch nie vollständig von der Priesterkaste emanzipieren konnte.

-Das Mittelalter (500-1500): an den Fürstenhöfen entwickelte sich das höfische Leben. Diener und Höflinge als neue soziale Gruppierung. Die katholische Kirche als starke universelle Institution, aber auch Reibereien zwischen kirchlicher und weltlicher Macht.

-Die Neuzeit, beginnend mit Renaissance und Aufklärung (1500-heute). Viele neue Erfindungen, Entdeckung neuer Kontinente. Der Einfluss der Kirchen wurde zurückgedrängt.

-Die Moderne (1900 bis heute). Der Mensch ist nicht mehr zu harter körperlicher Arbeit gezwungen.

Wenn wir, wie später diskutiert, die technische Entwicklung als entscheidend für die Geschichte ansehen, so charakterisieren die Altsteinzeit Faustkeil und Speer, das Neolithikum Ochsenpflug und Ackerwagen und die Antike zusätzlich verschiedene Gerätschaften aus Bronze. Im Mittelalter gibt es außerdem Brille, Anspanngeschirr, Schubkarre, Spinnrad und Windmühle. Erst die Renaissance fügt dem eine Vielzahl komplizierter mechanischer Erfindungen hinzu.

Alle diese Techniken haben eines gemeinsam: sie nutzen mechanische, gravitative Effekte, während Erfindungen im Bereich der Elektrizität und des Magnetismus erst in der Zeit der Aufklärung ab 1750 zu verzeichnen sind und denen der Mechanik seither den Rang abgelaufen haben. Vom Standpunkt des technischen Fortschritts, der für den kulturellen Fortschritt den Rahmen darstellt, kann also noch eine andere Einteilung der menschlichen Geschichte vorgenommen werden, und zwar

-bis 1750 das mechanische Zeitalter der Gravitation und

-ab der Zeit der Aufklärung das elektromagnetische Zeitalter.

-Mit der Erfindung des Kernreaktors 1942 beginnt eigentlich ein drittes Zeitalter der Kernkräfte, das aber noch sehr in den Kinderschuhen steckt.

Bei allen genannten Einteilungen fällt auf, dass die Ereignisse und Zeitspannen um so ausführlicher dargestellt werden, je näher sie der Gegenwart sind, die Geschichte also um so geringer gewichtet wird, je weiter sie in der Vergangenheit liegt. Das ist verständlich, aber eigentlich nicht zielführend, bezieht sich doch die wohl wichtigste Frage im Zusammenhang mit der Geschichte der Menschheit auf eine sehr frühe Entwicklung: warum kam es nach über 100000 Jahren des Menschseins relativ plötzlich zur neolithischen Revolution? Auch wenn dieser Prozess ein paar tausend Jahre gedauert hat, vollzog er sich im Vergleich zu den mindestens 100000 Jahren vorher, in denen die Menschen Jäger und Sammler blieben, relativ schnell. Es gehörte dazu nicht nur technisches Wissen, das ein Jäger sich grundsätzlich immer hätte aneignen können, sondern die Menschen mussten auch lernen, in größeren sozialen Einheiten zu leben. Vielleicht halfen sakrale Riten, die im Neolithikum anscheinend eine größere Rolle gespielt haben als zuvor (erkennbar an den Menolithen, Hünengräbern und den ersten Tempeln der Geschichte), den Zusammenhalt zu stärken.

Eine konsistente Erklärung, warum die neolithische Revolution anscheinend unabhängig gleichzeitig in Südchina und im Nahen Osten einsetzte, gibt es bis heute nicht. Ich tendiere zu der Ansicht, dass es es sich um ein Zusammenspiel von genetischen und äußeren Faktoren handelte. Eine kleine Mutation, die den Menschen dazu bringt, lieber auf dem Feld zu stehen als wilden Tieren hinterher zu laufen, wechselwirkt mit dem Umstand, dass die Beutetiere seltener werden und dass man Ideen für den Ackerbau erlernen und weitergeben kann. Hat dieser Ackerbau erst einmal eingesetzt, befördert er weitere genetische Selektionen, wie zum Beispiel eine geringere Körpergröße bei den Bauern im Vergleich zu den Jägern.

In der Steinzeit gab es noch keine Kriegerkaste und daher weniger Kriege als in der Bronzezeit/Antike. Erst ab dieser Zeit finden Archäologen zerstörte Dörfer mit vielen eingeschlagenen Schädeln. Wohlhabende Dörfer wurden für Räuberbanden ein lohnendes Ziel, die durch Raub, Mord und Erpressung am Reichtum der Bauern zu partizipieren versuchten. Bedrohte Gemeinden wehrten sich mit Kriegsknechten und Stadtmauern. Der Ursprung des Rittertums.

Im Mittelalter, an den Königs- und Fürstenhöfen und in den Adelshäusern, bildete sich eine neue Schicht, die Höflinge. Diese bereicherten sich zusammen mit den Fürsten an den Bauern, die gnadenlos ausgebeutet wurden und dadurch weniger Nachkommen durchbringen konnten. Um zu überleben und eventuell selbst in die Reihen des Adels aufzusteigen, mussten Höflinge keine großen Körperkräfte besitzen, sondern mit diplomatischem Geschick und Unterwürfigkeit dienend um die Gunst des Königs buhlen. Hinzu kamen die Händler, die Waren verkaufen wollten, und also gute Verkäufer und Dealmaker sein mussten. Nota bene, dass auch der Ritteradel, wenn er seine Räuberschar gut und effektiv führen wollte, eine hohe Sozialkompetenz benötigte.

Die Zeit der Moderne: Fortschritt und Stillstand im Wechsel

Die Geschichte vom Ende des preußischen Kaiserreiches bis heute kann als fortgesetzte Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Progressiven gelesen werden. Dabei haben die Konservativen normalerweise eine stabile strukturelle Mehrheit von beinahe 2:1 auf ihrer Seite, und nur in jenen Momenten, wo die von dieser Mehrheit gewählte eher rechtsgewirkte Elite schwerwiegende Fehler macht, wechselt ein potenziell liberaler Teil der konservativen Wähler die Seite und verschafft den Linken beziehungsweise Progressiven eine Mehrheit, die jedoch recht volatil ist, da die Wechselwähler sich im allgemeinen zuviel erhoffen und daher bei der nächsten Wahl meist wieder abspringen.

Auch in Zeiten, wo geburtenstarke Jahrgänge erwachsen werden und nach eigenen intellektuellen und materiellen Perspektiven suchen, haben Progressive gute Karten, wenn sie sich die natürliche Unruhe und Experimentierfreudigkeit der Jugend zunutze machen können.

Hier ein kurzer Abriss der politischen Veränderungen in Deutschland seit dem 1. Weltkrieg:

1914-1918: Fehler und Selbstüberschätzung der konservativen Eliten, den 1. Weltkrieg zu beginnen. Sie sind Hauptverantwortliche für Millionen Tote, Verstümmelungen und Hungersnot.

1918-1925: Unter Geburtswehen Machtübernahme durch die Progressiven, hauptsächlich die SPD.

1925-1933: Weil man der ökonomischen Hypotheken des Krieges nicht Herr wird, schwingt das Pendel zurück zu den Rechten, die in ländlichen Gebieten die Mehrheit nie verloren haben.

1939-1945: Die extreme Rechte mit Revanchegelüsten übernimmt das Ruder und fährt Deutschland an die Wand. Abermillionen Tote in ganz Europa, viele Städte durch Luftangriffe zerstört.

1946-1966: Trotzdem erhalten die Progressiven kein Mandat zur Regierung, sondern die Amerikaner besinnen sich auf die moderate Rechte, weil die im kalten Krieg nützlicher ist.

1966-1976: das anti-autoritäre Jahrzehnt, wo alles durchlüftet und scheinbar für immer entstaubt wird; im Hintergrund bleiben die alten Hierarchiestrukturen jedoch unangetastet, die Mächtigen schlucken von nun an ein bisschen Kreide, und manche sind sogar fasziniert vom Aufruhr der Jugend.

1977-heute: man fährt die Durchlüftung zurück, restauriert unmerklich, wobei diejenigen Reformelemente aus der 68er Periode bestehen bleiben und ausgebaut werden, die den Ablauf des Lebens in einer liberalen Gesellschaft vereinfachen, also: möglichst keine Diskriminierungen, Gleichstellung von Mann und Frau usw

Im Ganzen erkennt man eine Wellenbewegung, die vor allem am Anfang von starken Ausschlägen nach links und rechts gekennzeichnet ist, bei fortgesetzter ökonomischer Stabilität aber zusehends schwächer wird und zu konvergieren scheint - bis die Eliten der imperialen Mächte, heute USA, China und Russland wieder einen verhängnisvollen Fehler begehen...

Fortschritt, Telos, Universalgeschichte

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