Substanz

 

Substanz ist das Eine, woraus alles besteht. Sowohl die Natur als auch der Geist bestehen aus diesem Einen, nur erscheint uns der Geist subjektiv als etwas Anderes, Besonderes. In Wirklichkeit besteht er aus Hirnmasse, d.h. er ist letztlich aus demselben Material geformt wie der Rest der Natur. Unser Bewusstsein ist ein Teil der Substanz, allerdings einer, der sich habituell zu einem sich als sozio-biologisches Individuum empfindenes Etwas abnabelt, um die übrigen Teile nicht nur wahrzunehmen, sondern sie auch zu erkennen, d.h. zu begreifen, nach welchen Prinzipien sie funktionieren. Wir können uns teilweise, aber nie vollständig, von der Welt lösen, um die Welt aus einer halbwegs objektiven Perspektive zu analysieren. Wie dieses 'halbwegs' genau zu verstehen sei, haben Philosophen und Physiker wie Kant und Heisenberg aus ihren je verschiedenen Blickwinkeln beschrieben.

Die Substanz samt den auf sie und in ihr wirkenden Kräften ist die Ursache für alles, was wir sind und wahrnehmen und worin wir sind. Doch welches ist die 'Ursache' der Substanz? Wie und wodurch ist sie entstanden? Diese Frage kann zu diesem Zeitpunkt, bei diesem Stand der Experimentierkunst, niemand verlässlich beantworten. Es kann nur gesagt werden, durch welche Ursachen bzw Wechselwirkungen die Substanz bewegt, d.h. in Form und Gestalt verändert werden kann - zum Beispiel durch die Zufuhr von Energie. Allerdings ändert sich bei solchen Aktionen nie ihre substantielle Identität und Existenz.1

Die Rede ist hier also nicht von der 'Substanz' eines einzelnen Dinges, eines Tisches zum Beispiel, im Sinne einer charakteristischen Eigenschaft dieses Tisches, die ihn etwa von einem Stuhl unterscheidet. Dies bezeichne ich eher als Funktion denn als Substanz, da sie für den Menschen, nicht aber für die Materie an sich von Bedeutung ist. Von der Substanz her unterscheidet sich ein Tisch nicht von einem Stein oder von einem anderen begrenzten Stück Materie. Im Vergleich dazu sind charakteristische Eigenschaften, insbesondere von Gebrauchsgegenständen, etwas Subjektives, den Dingen vom menschlichen Bewusstsein auferlegtes, was mit der Substanz, die ich meine, nichts zu tun hat. Auch in der Biologie gibt es solche Funktionen, die sich die DNS 'ausdenkt', d.h. durch trial and error im Laufe der Evolution entwickelt, um ihren Fortbestand zu sichern. (Dieser wird jedoch nach allem, was wir wissen eines Tages ziemlich jämmerlich zu Ende gehen, spätestens wenn in der Sonne der Brennstoff verbraucht ist.)

Substanz ist auch nicht die Eigenschaft eines chemischen Elementes, welches es von anderen Elementen unterscheidet, sondern das Zentrale, Gemeinsame aller Elemente, die aus Leptonen und Quarks und einer noch tiefer liegenden, universellen Schicht von Materie bestehen. Der Begriff der Substanz meint hier also etwas Grundlegenderes, was allen Dingen gemeinsam ist und auch die materielle Basis für unsere Bewusstseine darstellt, welche über sie nachdenken.

Die Idee der einen Substanz ist dem Monismus verwandt, der von einem einzigen Grundprinzip ausgeht, welches die Dynamik des Kosmos bestimmt. Obwohl der Monismus meist einen Atheismus vertritt, weist er Ähnlichkeiten mit dem Monotheismus auf, wobei letzterer allerdings auch nicht-naturwissenschaftliche Phänomene zulässt.

Solange es das theoretische Denken gibt, hat es versucht, die Phänomene der Welt nach einfachen Grundprinzipien zu ordnen. Nicht nur, weil es mit diesem Versuch recht erfolgreich war, sondern auch, weil das Denken selbst einfache Antworten bevorzugt, liegen Monismus oder Monotheismus ihm nahe.

Jedenfalls erzeugt das Einheitsprinzip des Monismus eine einheitliche Grundbe-schaffenheit der Wirklichkeit, deren Träger man die Substanz nennen würde. Als Naturalisten geht es mir in erster Linie um die Vorrangstellung des Trägers über das Prinzip, da die Substanz etwas Materielles ist, ein Prinzip hingegen etwas Gedachtes. Natürlich ist auch der Substanzbegriff als Begriff nur etwas Gedachtes, aber er pointet eben auf etwas Materielles.

Weiterhin hat die Idee von der Substanz den Vorteil, dass sie die Existenz von mehrerlei Prinzipien erlaubt - und von unterschiedlichen Facetten, aufgrund derer man die Vielfalt der Welt verstehen kann. Damit löst sie das Grundproblem des Monismus, der ja aus seinem Einheitsprinzip heraus alle in der Welt auftretenden Differenzen generieren muss. Denn es wäre schlecht abstrakt, zu behaupten, die erste Differenz sei durch den Gegensatz zwischen Sein und Nichts gegeben und daraus ließen sich alle anderen durch Iteration gewinnen. Auch durch Hinzufügen des ebenso abstrakten Konzeptes des Werdens lässt sich die reale Vielfalt der Welt definitiv nicht erzeugen.

Wenn umgekehrt mehrere unterschiedliche Prinzipien existieren, stellt sich die Frage, wodurch denn diese in einer gemeinsamen Welt zusammengehalten werden. Darin sehe ich allerdings kein Problem, solange sie den verschiedenen Facetten der Substanz entsprechen, welche die eine Welt bildet. Allein die Tatsache, dass sie in einem (mindestens) 3-dimensionalen Raum existiert, stellt eine Facette dar, die ein konsequenter Monismus nicht verstehen kann. Wenn sie in einem solchen Raum auch noch als große Anzahl von mehrerlei Erscheinungen (Anregungen) auftritt, entstehen nichtlineare Vielteilcheneffekte, die den scheinbaren Widerspruch zwischen einfacher Basisstruktur der Substanz und dem komplizierten Gewebe unserer Welt auflösen.

Aus der Endlichkeit und Wandelbarkeit der materiellen Erscheinungen darf man auf keinen Fall schließen, dass dies auf einem Urprinzip beruht, dem eine größere Rolle zukommt als der Substanz. Sondern Sein, Erscheinung und Interaktionen der Substanz müssen zusammen betrachtet werden. Es ist doch ganz einfach: es gibt eine Substanz, eine besondere Teilchenart, die mit sich selbst in Wechselwirkung tritt, derart, dass sie eine Art kristalliner Gesamtstruktur bilden, die den Kosmos ausfüllt bzw ausmacht, und deren Anregungen alle Erscheinungsformen der Materie liefern. Die Gravitationswechselwirkung, die Einstein als metrische Verformung interpretiert hat, entspringen einer Elastizität des kosmischen Kristalls. Auch der Mensch, sein Gehirn und Gedanken sind Konglomerate dieser Anregungen.

Bemerkung: diese realistische, materialistische Sichtweise steht natürlich im Gegensatz zu jeder Form von Idealismus und Antinaturalismus, wo das Individuum im Mittelpunkt steht und im Extremfall seine Reflexionen und Wahrnehmungen das Maß aller Dinge sind. Eine solche Welt allerdings wäre chaotisch, unerklärbar, schlimmer noch nicht existenzfähig. Offensichtlich darf man daher das oberste Prinzip nicht im Kopf suchen, sondern muss sich an die Informationen der Wahrnehmung halten. Der Kopf stellt nur die Begriffe bereit, ohne die natürlich diese Informationen nicht gefiltert und weiter ausgeforscht werden können - will sagen: ohne Begriffe geht es natürlich nicht.

Anmerkungen

1 Das gilt z.B. in dem von mir vorgeschlagenen Weltmodell für die von der sog. Tetronmaterie gebildete Substanz.