Substanz, Ontologie

 

Substanz ist das Eine, woraus alles besteht. Sowohl die Natur als auch der Geist bestehen aus diesem Einen, nur erscheint uns der Geist subjektiv als etwas Anderes, Besonderes. In Wirklichkeit besteht er aus Hirnmasse, d.h. er ist letztlich aus demselben Material geformt wie der Rest der Natur. Unser Bewusstsein ist ein Teil der Substanz, allerdings einer, der sich habituell zu einem sich als sozio-biologisches Individuum empfindenes Etwas abnabelt, um die übrigen Teile nicht nur wahrzunehmen, sondern sie auch zu erkennen, d.h. zu begreifen, nach welchen Prinzipien sie funktionieren. Wir können uns teilweise, aber nie vollständig, von der Welt lösen, um die Welt aus einer halbwegs objektiven Perspektive zu analysieren. Wie dieses 'halbwegs' genau zu verstehen sei, haben Philosophen und Physiker wie Kant und Heisenberg aus ihren je verschiedenen Blickwinkeln beschrieben.

Die Substanz samt den auf sie und in ihr wirkenden Kräften ist die Ursache für alles, was wir sind und wahrnehmen und worin wir sind. Doch welches ist die 'Ursache' der Substanz? Wie und wodurch ist sie entstanden? Diese Frage kann zu diesem Zeitpunkt, bei diesem Stand der Experimentierkunst, niemand verlässlich beantworten. Es kann nur gesagt werden, durch welche Ursachen bzw Wechselwirkungen die Substanz bewegt, d.h. in Form und Gestalt verändert werden kann - zum Beispiel durch die Zufuhr von Energie. Allerdings ändert sich bei solchen Aktionen nie ihre substantielle Identität und Existenz.1

Die Rede ist hier also nicht von der 'Substanz' eines einzelnen Dinges, eines Tisches zum Beispiel, im Sinne einer charakteristischen Eigenschaft dieses Tisches, die ihn etwa von einem Stuhl unterscheidet. Dies bezeichne ich eher als Funktion denn als Substanz, da sie für den Menschen, nicht aber für die Materie an sich von Bedeutung ist. Von der Substanz her unterscheidet sich ein Tisch nicht von einem Stein oder von einem anderen begrenzten Stück Materie. Im Vergleich dazu sind charakteristische Eigenschaften, insbesondere von Gebrauchsgegenständen, etwas Subjektives, den Dingen vom menschlichen Bewusstsein auferlegtes, was mit der Substanz, die ich meine, nichts zu tun hat. Auch in der Biologie gibt es solche Funktionen, die sich die DNS 'ausdenkt', d.h. durch trial and error im Laufe der Evolution entwickelt, um ihren Fortbestand zu sichern. (Dieser wird jedoch nach allem, was wir wissen eines Tages ziemlich jämmerlich zu Ende gehen, spätestens wenn in der Sonne der Brennstoff verbraucht ist.)

Substanz ist auch nicht die Eigenschaft eines chemischen Elementes, welches es von anderen Elementen unterscheidet, sondern das Zentrale, Gemeinsame aller Elemente, die aus Leptonen und Quarks und einer noch tiefer liegenden, universellen Schicht von Materie bestehen. Der Begriff der Substanz meint hier also etwas Grundlegenderes, was allen Dingen gemeinsam ist und auch die materielle Basis für unsere Bewusstseine darstellt, welche über sie nachdenken.

Die Idee der einen Substanz ist dem Monismus verwandt, der von einem einzigen Grundprinzip ausgeht, welches die Dynamik des Kosmos bestimmt. Obwohl der Monismus meist einen Atheismus vertritt, weist er Ähnlichkeiten mit dem Monotheismus auf, wobei letzterer allerdings auch nicht-naturwissenschaftliche Phänomene zulässt.

Solange es das theoretische Denken gibt, hat es versucht, die Phänomene der Welt nach einfachen Grundprinzipien zu ordnen. Nicht nur, weil es mit diesem Versuch recht erfolgreich war, sondern auch, weil das Denken selbst einfache Antworten bevorzugt, liegen Monismus oder Monotheismus ihm nahe.

Jedenfalls erzeugt das Einheitsprinzip des Monismus eine einheitliche Grundbeschaffenheit der Wirklichkeit, deren Träger man die Substanz nennen würde. Als Naturalisten geht es mir in erster Linie um die Vorrangstellung des Trägers über das Prinzip, da die Substanz etwas Materielles ist, ein Prinzip hingegen etwas Gedachtes. Natürlich ist auch der Substanzbegriff als Begriff nur etwas Gedachtes, aber er pointet eben auf etwas Materielles.

Weiterhin hat die Idee von der Substanz den Vorteil, dass sie die Existenz von mehrerlei Prinzipien erlaubt - und von unterschiedlichen Facetten, aufgrund derer man die Vielfalt der Welt verstehen kann. Damit löst sie das Grundproblem des Monismus, der ja aus seinem Einheitsprinzip heraus alle in der Welt auftretenden Differenzen generieren muss. Denn es wäre schlecht abstrakt, zu behaupten, die erste Differenz sei durch den Gegensatz zwischen Sein und Nichts gegeben und daraus ließen sich alle anderen durch Iteration gewinnen. Auch durch Hinzufügen des ebenso abstrakten Konzeptes des Werdens lässt sich die reale Vielfalt der Welt definitiv nicht erzeugen.

Wenn umgekehrt mehrere unterschiedliche Prinzipien existieren, stellt sich die Frage, wodurch denn diese in einer gemeinsamen Welt zusammengehalten werden. Darin sehe ich allerdings kein Problem, solange sie den verschiedenen Facetten der Substanz entsprechen, welche die eine Welt bildet. Allein die Tatsache, dass sie in einem (mindestens) 3-dimensionalen Raum existiert, stellt eine Facette dar, die ein konsequenter Monismus nicht verstehen kann. Wenn sie in einem solchen Raum auch noch als große Anzahl von mehrerlei Erscheinungen (Anregungen) auftritt, entstehen nichtlineare Vielteilcheneffekte, die den scheinbaren Widerspruch zwischen einfacher Basisstruktur der Substanz und dem komplizierten Gewebe unserer Welt auflösen.

Aus der Endlichkeit und Wandelbarkeit der materiellen Erscheinungen darf man auf keinen Fall schließen, dass dies auf einem Urprinzip beruht, dem eine größere Rolle zukommt als der Substanz. Sondern Sein, Erscheinung und Interaktionen der Substanz müssen zusammen betrachtet werden. Es ist doch ganz einfach: es gibt eine Substanz, eine besondere Teilchenart, die mit sich selbst in Wechselwirkung tritt, derart, dass sie eine Art kristalliner Gesamtstruktur bilden, die den Kosmos ausfüllt bzw ausmacht, und deren Anregungen alle Erscheinungsformen der Materie liefern. Die Gravitationswechselwirkung, die Einstein als metrische Verformung interpretiert hat, entspringen einer Elastizität des kosmischen Kristalls. Auch der Mensch, sein Gehirn und Gedanken sind Konglomerate dieser Anregungen.

Bemerkung: diese realistische, materialistische Sichtweise steht natürlich im Gegensatz zu jeder Form von Idealismus und Antinaturalismus, wo das Individuum und seine Reflexionen und Wahrnehmungen das Maß aller Dinge sind. Eine solche Welt allerdings wäre chaotisch, unerklärbar, schlimmer noch nicht existenzfähig. Offensichtlich darf man daher das oberste Prinzip nicht im Kopf suchen, sondern muss sich an die Informationen der Wahrnehmung halten. Der Kopf stellt nur die Begriffe bereit, ohne die natürlich diese Informationen nicht gefiltert und weiter ausgeforscht werden könnten. Das heißt: ohne Begriffe kein Naturverständnis.

Es ist also die Substanz NICHT wie bei Aristoteles das Wesen eines Dinges - weil dieses Wesen etwas rein Gedachtes ist und daher von verschiedenen Betrachtern verschieden redefiniert werden kann. Sondern die Substanz ist eben das Meer der Tetronen und Tetraeder, auf denen sich die konkreten Dinge als Konglomerate von Anregungen bewegen können. Da es real ist, ist dieses Meer aber auch nicht reine Potentialität - oder höchstens in dem Sinne, dass es den verschiedensten Anregungsformen erlaubt, sich auf ihm auszubreiten.

Auch nicht sollte man das Gesetz, welches die Bildung des Tetraedermediums beschreibt, ein erstes und oberstes Prinzip nennen, nur weil es wegen der homogenen Verteilung der Tetronen an jedem Punkt des Raumes wirksam ist. Ein Prinzip und ein Gesetz setzen ein Gehirn voraus, das diese innerhalb eines begrifflichen Rahmens formuliert. Nur wenn die Begriffe 'Prinzip' und 'Gesetz' so verstanden werden, dass sie Zeiger auf ein entsprechendes systematisches Verhalten der Materie sind, das sich wiederum aus der Repetition und dem Vorhandensein einer Vielheit von dem Gesetz folgenden kleinsten Einheiten (den Tetronen) ergibt, kann man weiter voranschreiten und versuchen, dieses Verhalten genauer zu verstehen. So könnte etwa hinter jenem 'Prinzip' eine unbekannte neue Wechselwirkung verborgen sein, die durch ein bisher unbekanntes Bindeteilchen mit durchaus komplexen Eigenschaften hervorgerufen wird. D.h. das, was man zuvor als ein oberstes Prinzip angesehen hatte, erweist sich im Verlauf der Erkenntnisgeschichte als ziemlich vermittelt.

So wie der menschliche Geist von der Natur getrennt aber letztlich doch mit ihr verbunden und von ihr abhängig ist, gibt es eine aus Bewusstseinen zusammengesetzte gesellschaftliche Substanz des Menschen, die mit der physikalischen Substanz scheinbar nichts zu tun hat. Descartes hat diese Art der geistigen Substanz als res cogitans bezeichnet, und er hat hiermit durchaus eine bedeutsame wengleich relativ triviale Feststellung getroffen. Denn die Trennung von hyle und morphe nimmt das Gehirn vor. Die Dinge an sich, so sehr sie anthropologisch die Entwicklung unseres Geistes mitbestimmt haben, sind für dieses zunächst eine große Brache, die benutzt und erkannt werden will, aus möglichst vielen, unterschiedlichen Blickwinkeln, und dazu bedarf es einer res cogitans.

Das heißt nicht, dass ein Ding-an-sich strukturlos wäre. Sondern nur um die Struktur an sich zu erkennen und ihr einen Namen zu geben, bedarf es des Verstandes. - Was eigentlich eine Trivialität ist, da die Einführung und Verwendung von Bezeichnungen und Definitionen natürlich ein System des Denkens voraussetzt. So sind auch die Seinsstrukturen-an-sich des Ding-an-sich, da sie nichts Sprachliches oder Begriffliches enthalten, von anderer Art als die vom Verstand benutzten, jene Seinstrukturen freilegenden Methoden.

Obwohl diese DIFFÉRENCE, wie von verschiedenen Philosophen besonders der Moderne hervorgehoben, dem Menschen eine Reihe von Chancen bietet, sowohl im Hinblick auf sein eigenes Ich als auch seinen Umgang mit der Welt, darf man den menschlichen Geist und dessen Substanz auf keinen Fall zum Maß aller Dinge erklären, nur aufgrund der im Grunde Selbstverständlichkeit, dass wenn ein Ich die Welt betrachtet, es diese Welt distanziert durch seine Augen hindurch wahrnimmt, und dass es sie nach Prinzipien ordnet und damit beschränkt, die der Natur des Verstandes, der aufgrund seines Entstehens von praktischer Art ist, entsprechen.

Der Mensch konstituiert die Welt, doch nicht die Welt-an-sich, sondern eine, die ihm durch sein Gehirn und seine Wahrnehmung gezeigt wird, und eine, die er aufgrund seiner Vorurteile und -erfahrungen schon kennt und zu sehen meint. Genaugenommen sind diese Aussagen trivial, sie beschreiben nur, wie Hirn und Bewusstsein funktionieren. Anders könnte es gar nicht sein, denn anders hätte der Mensch gar nicht entstehen und überleben können. Das eigentliche, vermutlich unlösbare Geheimnis liegt darin, woher die außermenschliche Welt, d.h. die Welt-an-sich und ihre oben beschriebene Substanz stammen.

Man kann bestenfalls hoffen, die Vorgänge in dem Ding-an-sich unseres Kosmos näherungsweise und funktional zu verstehen. Das ist viel und wenig zugleich. Um zur Erkenntnis zu gelangen, bedarf es beider 'Substanzen', der abgeleiteten des Geistes und der fundamentalen der Materie; und innerhalb der ersteren drittens uns SUBJEKTE DER FREIHEIT, ohne die keine Erkenntnis wäre. Erkenntnis und Freiheit finden vollständig im Medium der Materie statt, zu dem letztlich auch unsere Gehirne gehören. Das eigentlich substantielle bleiben das materielle Universum und seine gesetzliche Dynamik, auf dessen Grundlage sich alles abspielt, die materielle Dynamik und auch der erkennende Geist.

Immerhin können die Subjekte der Freiheit begrenzt aber real in diesen Kosmos eingreifen. Denn dieser steht ihnen als OBJEKTIVES Phänomen gegenüber, das sie immer besser erkennen.

Damit die Substanz sich zu einer Welt entwickeln kann, werden noch Raum und Zeit benötigt.

Zum einen muss sich die Substanz, wie wir sie kennen, in etwas ergießen, dessen Dimension a priori nicht feststeht. Dieses nennen wir Raum und beschreiben es durch Koordinaten und Koordinatenachsen. Seine Natur ist unklar; möglicherweise besteht sie in nichts anderem als eben dieser Koordinatisierbarkeit. Immerhin wissen wir aber, dass Raum benötigt wird, damit die Substanz sich ausfalten kann. A priori stehen vielleicht beliebig viele Dimensionsachsen zur Verfügung; doch wenn die Substanz nun einmal die Eigenschaft hat, sich beim Ergießen nur in 3 der Dimensionen auszudehnen - was sich aus der Dynamik ihres tetronischen Kristallisationsprozesses ergibt - werden alle Lebewesen, die als Anregungen auf der Substanz entstehen, nur diese 3 Dimensionen wahrnehmen.

In der modernen Physik, besonders bei hohen Energien, hat es sich eingebürgert, Raum und Zeit zusammen zu denken. Die Relativitätstheorie hat bewiesen, dass Räumliches und Zeitliches sich vermischen lässt, ineinander transformiert werden kann. Man könnte dadurch zu der - allerdings irrigen - Annahme verleitet werden, zu glauben, Raum und Zeit seien von durchaus verwandter Natur, und tatsächlich wird in der Relativitätstheorie häufig von einem Raumzeitkontinuum gesprochen, was die scheinbare Ähnlichkeit von Raum und Zeit insinuieren soll. Das Zusammenspiel von Raum- und Zeitkoordinaten, wie wir es in Lorentztransformationen kennen, auf denen alle Konzepte der Relativitätstheorie aufbauen, hat aber vor allem damit zu tun, dass wir in einer Welt der Wellenanregungen leben und selber aus solchen Anregungen bestehen. Die Wellengleichung, deren Symmetriegruppe die Lorentzgruppe ist, verschränkt bekanntlich Raum und Zeit in wohldefinierter Weise, ohne dass diese beiden Konzepte von ihrer Natur her etwas miteinander zu tun haben müssten.

Das ist auch den meisten Physikern klar, wenn sie die Zeit oder zumindest ihre Gerichtetheit mit der Entropie und dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in Verbindung bringen2. Die kosmische Zeit entwickelt sich parallel zum Anstieg der Entropie, also in Richtung auf immer wahrscheinlichere Zustände, ein Faktum, dass sich unmittelbar aus der wahrscheinlichkeitstheoretischen Basis der Boltzmannschen Thermodynamik ergibt; und man kann daraus immerhin auf die notwendige Orientierung der Zeit, also die Existenz eines Zeitpfeiles schließen.

Die Behauptung allerdings, Thermodynamik und Entropie reichten völlig aus, um das Wesen der Zeit zu verstehen, ist falsch. Das erkennt man am besten anhand der Betrachtung von elementaren Teilchenprozessen, bei denen die Entropie keine wesentliche Rolle spielt. Auch ist bekannt, dass bei solchen Elementarprozessen eine Orientierung des Zeitpfeils nicht a priori vorgegeben werden muss. Jeder dieser Prozesse kann auch zeitlich rückwärts verlaufen (modulo Vertauschung von Teilchen und Antiteilchen, CPT-Theorem).

Wir wissen nicht, was das Wesen der Zeit ist; möglicherweise besteht es in nichts anderem als ihrer Koordinatisierbarkeit. Immerhin wissen wir aber, dass Zeit benötigt wird, damit die Substanz und besonders ihre Anregungen sich entwickeln können. Und dass wir nur eine Zeitkoordinate sehen, könnte einzig daran liegen, dass sich der Prozess des sich entwickelnden Universums sich eben einen einzigen, eindimensionalen Weg seiner Entwicklung suchen muss.

Zusammengefasst können Zeit, wie auch Raum, als 'Umgebungsbedingungen' für die prozesshafte Entwicklung bzw Entfaltung der einen Substanz begriffen werden.

Sein/Seiendes - Ontologie Natur

Der Begriff des Seienden umfasst sowohl unser Bewusstes und Unbewusstes als auch die äußere Welt, welche (in jeder realistischen Philosophie) unabhängig von diesem Bewusstsein existiert. Zum Sein gehört also nicht nur alles Denk- und Vorstellbare, das sich in unseren Köpfen abspielt, sowie unsere normale tägliche Umgebung sondern auch all das, was außerhalb der direkten Wahrnehmung liegt und gewissermaßen jenseits der Ränder unseres persönlichen und physikalischen Kosmos existiert.

Im Ganzen unterscheide ich 2 plus 2 grundlegende Seinskomponenten:

(1a) Das Unbewusste, welches all jene Gehirnprozesse umfasst, an denen das Bewusstsein zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht beteiligt ist

(1b) Das subjektive oder Ich-Bewusstsein der Gehirne, das durch Interaktion mit anderen Bewusstseinen einen objektiven Charakter gewinnt und zusammen mit ihnen und der kulturellen Umgebung die menschliche Gesellschaft bildet. Jedes Ich definiert sich zugleich antagonistisch und einträchtig im Verhältnis zu den anderen Bewusstseinen, was den beiden Polen von Individualismus und Kollektivität entspricht. Seine 'Existenz' ist das Resultat der subjektiven Innenperspektive eines aus organischen Molekülen aufgebauten Gehirns. Alle möglichen emotionalen Zustände und Fähigkeiten wie Empathie, Verliebtsein oder Angst verleihen ihm 'gefühlt' einen anderen Charakter als der Summe von Strömen und Eiweißmolekülen, aus denen es gebildet ist, und dieses Muster des sich subjektiv anders Fühlens setzt sich in der Wahrnehmung der äußeren Welt fort. So bedeuten uns z.B. Musikstücke mehr als die Abfolge von Geräuschen, aus denen sie ja eigentlich nur bestehen.

(2a) Auch wenn sie auf der Ebene von Ich und Inter-Subjektivität ein eigenes Leben führen, gehören das Bewusste und das Unbewusste als Teil des aus organischem Material bestehenden Gehirns zur Gesamtheit der Materie im Kosmos. Die Erscheinungsformen der Materie entsprechen verschiedenen Anregungen (=Schwingungsmoden) der einen Substanz, welche den Kosmos vollständig ausfüllt. Obwohl die Materie in Formen so fest wie Diamant vorkommt, ist ihre Festigkeit nur relativ. Letztlich sind alle diese Anregungszustände nur flüchtige, wandelbare Schatten, die sich jederzeit auflösen lassen. Metaphorisch ausgedrückt: wir und alle Materie sind nicht die Bäume eines Waldes, auch nicht die Blätter eines Baumes, ja nicht einmal der Wind, der durch die Blätter rauscht. Sondern wir sind das Rascheln der Blätter.

(2b) die Substanz als das fundamentale Material des Daseins ist elastisch, besitzt aber eine diskrete Substruktur aus inneren Tetraedern, das heißt sie wird von einer sich wiederholenden Sequenz von vier Fundamentalobjekten, den sogenannten Tetronen gebildet. Deren Eigenschaften spiegeln sich in den Eigenschaften der Anregungszustände, aus denen wir zusammengesetzt sind.

Für die Untersuchung des Ich-Bewusstseins und der Gesellschaft ist (2b) allerdings völlig unerheblich. Ohnedies haben die Inhalte des Gehirns (1a,1b), die in der Form von Eiweißmolekülen vorliegen und nur für uns dies und jenes bedeuten, eine andere Seinsbasis als das reale Sein der Materie, das ein einfaches So-Sein darstellt, in dem das Funktionieren und selbst die Abgrenzung von 'Gegenständen' zunächst gar nicht vorkommen, weil sie bereits eine Beimischung unseres Wahrnehmungswillens und unserer von Interessen gesteuerten Erkenntnis sind. Das Ich-Bewusstsein entspricht gewissermaßen einem laufenden Softwareprogramm, dessen reale Basis im Computer völlig unabhängig von der Bedeutung und Funktion, die das Programm haben mag, als System von Magnetisierungen von Speichermaterial existiert, welches in dieser Analogie die Rolle der Eiweißmoleküle im Gehirn einnimmt.

Auf diese Weise kann man einsehen, dass sich die Menschen zusätzlich zur physikalischen Wirklichkeit eine eigene, kollektive Bewusstseinsrealität imaginieren. Ohne dass man seine naturalistische Grundhaltung aufgeben müsste, ist in dieser Nebenrealität Platz für ideelle, moralische, egozentrische, betriebswirtschaftliche usw Konzepte und etwa auch für das Böse als vom Menschen zu verantwortendes Handeln.

Jene Gefühle der Verlorenheit und Unversöhntheit in und mit der Welt, die den Ausgangspunkt der meisten kritischen und existentialphilosophischen Theorien bilden, gehören ebenfalls zum Ich-Bewusstsein als Teil dieser imaginierten und letztlich unvollständigen, doch für uns essentiellen Nebenrealität, in die am Ende der Tod als physisches Finale hineinbricht, von dem es keine Heilung geben kann. Nicht einmal unserer Gattung wird es vergönnt sein, auf immer zu überleben. Wie alle anderen wird auch sie am Ende vom Globus verschwunden sein.

Aus dieser Sicht wird offenbar, dass es kein objektives geschichtliches Telos geben kann und angebliche Gesetzmäßigkeiten wie die des historischen oder dialektischen Materialismus, die derartiges behauptet haben, nur eingebildet sind. Auch Hegels Weltgeist ist nichts als eine kollektive Selbsttäuschung philosophischer Köpfe. Es gibt zwar durchaus auch Gesetze, denen die gesellschaftliche Entwicklung folgt, weil es auch in Soziologie und Ökonomie Ursachen und Wirkungen gibt, aber diese sind meist nicht so zwingend wie in den Naturwissenschaften. Und sie lassen sich aushebeln, durch technische Innovationen beispielsweise oder eine spontan aufkommende neue Geistesströmung. Daher gibt es zwar einen Fortschritt in der Geschichte zu konstatieren, doch ist er ständig vom Entgleisen bedroht und zu jedem konkreten Zeitpunkt unklar, in welche Richtung er führt.

Darin liegt allerdings auch ein Basiselement der Freiheit, zumindest für die 'Eliten' einer Gesellschaft. Diese können nicht nur zwischen verschiedenen Fortschrittsoptionen wählen, sondern der Welt auch weitgehend ihren Stempel aufdrücken. Der Druck der Machthaber und der Traditionen ist es auch, der den Einzelnen meist so handeln lässt, wie die Gesellschaft von ihm erwartet. In welchem Sinne er trotzdem noch als Individuum frei ist, wird später im Teil über Existenzphilosophie erörtert.

An dieser Stelle will ich stattdessen zur allgemeinen Seinsproblematik zurückkehren, die auch das Sein der Materie (2a+2b) umfasst. Das Sein ist diejenige Eigenschaft des Seienden, bezüglich der sich alle oben aufgezählten Komponenten der Wirklichkeit gleichen und die es uns erlaubt, sie zu einem Gesamtkosmos der Realität zusammenzufassen, der 'Welt'. Eine Frage in diesem Zusammenhang, die sich die abendländische Philosophie seit jeher gestellt hat: ist diese Eigenschaft mehr als ein oberflächliches, ziemlich triviales Ordnungsmerkmal oder reicht sie in tiefere Schichten der Psyche und der Materie hinein? Und verweist sie darüber hinaus sogar in eindeutiger Weise auf ein zentrales Grundprinzp als notwendige und hinreichende Bedingung für die Eigenschaft des Seienden, zu sein - also auf eine monistische Struktur im Sinne einer einen Substanz?

Ich würde diese Fragen verneinen, jedenfalls insoweit sie implizieren, dass die Seinsebenen (1ab) und (2ab) identisch sind oder einen gleichberechtigten gemeinsamen Ursprung haben. Wie bereits früher diskutiert, liegt stattdessen eine Hierarchie der Seinsebenen vor, d.h. (1ab) ergibt sich aus der Subjektivität des Bewusstseins innerhalb der durch (2ab) gegebenen physikalischen Realität. Zwar wird das Erkennen derselben durch (1ab) modifiziert, nicht aber ihr Wesen beziehungsweise ihr Sein.

Wie aber können sich auf dem Hintergrund der einen Substanz Materie und Bewusstsein bilden? Mein Standpunkt ist ja, dass es die eine Substanz in Form der Tetronmaterie (2b) durchaus gibt. Während die Materie aus Anregungen der einen Substanz besteht, schaffen unsere Bewusstseine 'nur' eine imaginierte Seinsebene, die für-uns ist und die es uns allerdings erlaubt, zu denken und z.B. die Grundprinzipien der physikalischen Dynamik der Materie und ihrer Substanz zu erkennen. Ich habe das 'nur' in Anführungsstriche gesetzt, weil dies natürlich eine äußerst wichtige Funktion ist, da der gesamte Rest der existierenden Materie nur tot herumliegt (oder hitzig-aufgeregt durch die Raumzeit wirbelt) und sozusagen nichts mit sich anzufangen weiß. Solange nämlich die Wirklichkeit nur existiert, ohne erkannt zu werden, gibt es nichts außer dem (fraglos wahren) So-sein der Materie. Dieses So-sein ist zwar Folge einer komplizierten physikalischen Dynamik, doch diese 'bedeutet' wenig, solange niemand sie erkennt und nutzbar macht.

Das Monismus-Pluralismus-Problem stellt sich auf der Seinsebene von Bewusstsein und Gesellschaft anders als in der Physik. Während dort durch die Tetronen eine monistische Struktur vorgegeben ist, kommt hier ein Einheit stiftendes Prinzip dadurch zustande, dass alle menschlichen Gehirne ähnlich strukturiert sind und sich zu einer kommunikativ interagierenden Menge, der Gesellschaft, zusammenschließen können. Allerdings ist diese Einheit nicht völlig undurchlässig, es handelt sich um eine dialektische Einheit, in deren Rahmen Gegensätze ausgelebt werden und sich andauernd Freiräume und Spannungsfelder bilden, indem sich zum Beispiel Einzelne oder auch Gruppen von den Anderen abzugrenzen versuchen, ein subtiler Prozess, der zwar produktiv sein kann aber für beide Seiten nicht unkritisch ist, da er zu Zerfall und Auflösung und zum gewaltsamen Tod von Individuen führen kann.

In vielen Philosophiekonzepten seit Platon hat das Allgemeine, Umfassende und Einheitliche (beispielsweise eine Gattung) einen höheren ontologischen Rang als das Spezielle, Vereinzelte und Komplexe (beispielsweise ein einzelnes sinnlich wahrnehmbares Objekt). Aufgrund der später diskutierten Bedeutung von Randbedingungen und multikausalen Vielteilcheneffekten lehne ich diese Ansicht als einseitig ab. Sie entsteht ohnehin nur aufgrund des landläufigen Missverständnisses, welches Pointer auf Dinge mit den Dingen-an-sich verwechselt. Innerhalb der menschlichen Bewusstseine sind sowohl das Allgemeine als auch das Spezielle nur Denkstrukturen(=Pointer), die - von den Eiweißen abgesehen, als die sie abgespeichert sind - zunächst gar keine ontologisch-materielle Existenz aufweisen.

Es ist auch nicht so, dass das Allgemeine in einem kausalen Sinne oder gar ontologisch das Besondere bewirkt und dass es aus diesem Grunde jenem übergeordnet wäre. Sondern die Wirkungen kommen im Besonderen durch Besonderes zustande. Ein wichtiger Faktor ist natürlich die Replikation, d.h. die praktisch unendliche Wiederholung von Basiselementen (z.B. Atomen und Molekülen). Zum anderen spielen beim Verhalten des Besonderen die genannten Vielteilcheneffekte in der Form des ungeregelten Zufalls und der Freiheit hinein. Wie die Natur den Kosmos im Speziellen ausgestaltet hat, lässt sich also aus einem allgemeinen Prinzp kausal nicht ableiten. Man kann höchstens ganz allgemein sagen, es sind Materiehaufen hingeworfen, die sich als Galaxien organisieren. Um das anschaulich zu begreifen, muss man nur in den Himmel der Sterne und auf die Erde der Wölfe schauen: da sieht man, welch ungeordnetes Chaos anstelle einer Wohlordnung des Allgemeinen unsere Welt ist.

Dieser konkret spezielle Kaffeesatz des Daseins ist im ethischen oder ästhetischen Sinn vielleicht böse und unvollkommen, doch als Wirklichkeit ist er wahr, hermetisch, unleugbar materiell und vollständiger als unsere Gedanken, die sich irren können und oft in inkonsistenten Weltbildern zuhause sind. Manche haben noch das Glück, als allgemein verbreitete Ideen für Generationen im Bewusstsein der Gesellschaft Bestand zu haben, und einige sind so stationär, für Jahrhunderte zu überdauern, im Idealfall, weil sie der Wahrheit über die Dinge-an-sich sehr nahe kommen. Im allgemeinen ist jedoch der Inhalt unserer Köpfe voller ungereimter Einbildungen, aus unpräzisen Begriffsfiguren schlampig zusammengefügt, und damit alles andere als vollkommen.

Zum anderen existiert das aus Begriffen, Abstraktionen und Universalien zusammengesetzte Allgemeine nur in unseren Köpfen. - Allerdings können wir mit seiner Hilfe Regeln und Gesetze und weitere nützliche Einsichten über die Dynamik der materiellen und sozialen Welt herleiten. Denn auch wenn diese Welt der geistigen Wesenheiten nur im Kopf existiert, haben doch die meisten Erkenntnisse, am Anfang und am Ende eine Beziehung zur Wirklichkeit. Als Pointer reflektieren sie Eigenschaften der Wirklichkeit, und wenn wir sie analysieren, liefern sie uns nicht selten nützliche Verhersagen für das Verhalten der Materie und, sofern sie Gesellschaft oder Individuen betreffen, auch des Geistes.

In der Konsequenz dieses Kapitels lässt sich festhalten, dass die häufig vorausgesetzte Hierarchie zwischen allgemeinen Ideen oben und der speziellen Materie unten gewissermaßen auf den Kopf gestellt werden muss. Aristoteles hat einen Anfang gemacht, indem er die Ideen der platonischen Ideenlehre als Wesensbegriffe der sinnlich erfahrbaren Einzelgegenstände interpretiert. Dabei darf man ihm allerdings nicht allzu weit folgen, da er die Begriffe fälschlicherweise in das Innere der Dinge verlegt. Er will sie universell machen, aber übersieht, dass sich die fraglos vorhandene Universalität einfach aus dem genetisch bedingten ähnlichen Aufbau der die Welt betrachtenden Gehirne ergibt. Tatsächlich existieren die Begriffe zuallererst in unseren Köpfen und pointen nur auf etwas, was in den Dingen-an-sich liegt. Primär liegen sie im Bewusstsein, betreffen und reflektieren aber gewisse Seinsaspekte der materiellen und psychischen Dinge. Das ist eben genau die Art und Weise, wie wir in der Welt sind und in die Realität eingreifen können.

Zu guter Letzt sei noch betont, dass alle hier diskutierten Punkte unter dem Gesichtspunkt der beiden Seinsebenen (1ab) und (2ab) - dem physikalischem Sein und dem imaginierten Bewusstsein der menschlichen Köpfe - analysiert worden sind. Diese beiden Ebenen finden sich übrigens in unterschiedlicher Form bei vielen Autoren, etwa bei Descartes und dessen Zwei-Substanzen-Lehre mit einer ausgedehnten und einer denkenden Substanz. Auch die beiden 'Seinsregionen' Sartres lassen sich hier wiedererkennen, wobei er als Existenzialist dem Sein des Bewusstseins (des ich, des Anderen und der Gesellschaft) eine viel wichtigere Rolle zumisst als dem physikalischen Sein. Das physikalische Sein erschöpft sich bei ihm in einer Gesamtheit von vordergründigen Erscheinungen, aus denen die materielle Wirklichkeit besteht, wohingegen das Bewusstsein eine Auslegung von sich und der Welt, ein Seinsverständnis, besitzt. Auf der erkenntniswissenschaftlichen Ebene entspricht dies der obigen Feststellung, dass die Welt ohne Erkenntnis nur da-liegende Substanz wäre.

1 Das gilt z.B. in dem von mir vorgeschlagenen Weltmodell für die von der sog. Tetronmaterie gebildete Substanz.

2 Es hat Versuche gegeben, auch die Raumkoordinaten thermodynamisch zu begründen. Diese Idee wird aber nur von einer Minderheit der Physiker geteilt, und würde auch nicht notwendig bedeuten, dass Raum und Zeit von verwandter Natur sind.