Und was ist unser Ziel? Die friedliche
Liebe der Freiheit und Gleichheit und
die Herrschaft jener ewigen Gerechtigkeit,
welche eingemeisselt ist nicht in Marmor
oder Stein, sondern in die Herzen aller Menschen.

Franz. Nationalversammlung, 1791
 
 



 

Betr. Erkenntnistheorie:
 

Die Probleme der Philosophie erscheinen erst mit dem Denken. Solange die Wirklichkeit nur existiert, ohne erkannt zu werden, besitzen die Dinge diese oder jene Eigenschaft, und es gibt nichts ausser diesem fraglos wahren So-sein der Materie. Dies wird uns am eindringlichsten auf gewissen Photos der NASA vorgefuehrt, mit einsamen Marslandschaften, die sich bis zur Unendlichkeit erstrecken.

Sobald die Wirklichkeit aber von einem Bewusstsein wahrgenommen wird, gehoert diese Erscheinung nicht mehr zum reinen So-sein der Materie. Noch die krudeste Wahrnehmung und selbst eine triviale Sinnestaeuschung koennen zu tiefsinnigen Reflexionen Anlass geben, mehr noch: da die Materie ihre eigentliche Substanz und Wesenseigenschaften fuer uns hinter einer Fassade aus Erscheinungen verbirgt, ist der Zweifel an der Qualitaet unserer je aktuellen Wahrnehmung die Grundlage fuer jedes philosophische und wissenschaftliche Fortkommen. Dies Fortkommen ist die Bewegung zur Wahrheit.

Ueber Wahrheit
 
Realitaet ist eine Illusion,
die durch Mangel an Alkohol entsteht.
irische Saeuferweisheit
 

Die Wahrheit ist eigentlich die wichtigste Grundlage fast aller Kategorien, vor allem natuerlich der Erkenntnis, in der sie zuweilen (aber nicht immer) aufscheint und die sie erst wesentlich macht. Nach ihr trachte man mehr als nach Wissen und Verstehen.

Doch scheint sie schwer zu finden, ja moeglicherweise ist sie eine Schimaere, eine Fata Morgana des Verstandes, die uns einen imaginaeren Idealzustand des Geistes vorgaukelt. - Und doch, selbst in ihrer virtuellen Existenz bleibt sie eine unerlaessliche Richtschnur, wenn sich die Erkenntnis nicht in Beliebigkeit verlieren soll. 

Die Wahrheit ist eine aeusserst vielschichtige Qualitaet. Sie verbindet die Einsicht in sich selbst mit dem Guten und mit einem dritten, kosmischen Element. Auch das Wissen, d.h. die geronnene Erkenntnis, hat sein Gutes, aber nur insofern es zweckgenutzt werden kann, sonst ist es billiges Spiel. Die Luecke zwischen Zweck-Interesse-Egoismus und dem ethischen Antrieb wird eben von der Wahrheit geschlossen.

Uebrigens ist sie ein ewiger Vorgang, da hinter der ersten Erkenntnis, so genau sie auch verifiziert worden ist, das zweite Warum steht, und hinter der zweiten Antwort das dritte Warum usw bis ins Unendliche. Wenn ein Ingenieur die Ursache eines Schadens gefunden hat, ihn behebt und seine Maschine wieder zum Laufen bringt, weiss er meist nur ungefaehr, woran es gelegen hat.

Die tieferen Gruende werden ihm in vielen Faellen verborgen bleiben und ihn auch nicht interessieren, solange das System wieder funktioniert. Dazu muesste er ueber die Mechanik hinausgehen und weitergehende Untersuchungen ueber die innere Struktur der Materie anstellen. Er wuerde ueber die Chemie zur Elementarteilchenphysik und zu immer feineren Erkenntnissen gelangen, immer mehr Wissen anhaeufen und immer neue Fragen wuerden sich auftun. Die Gesamtheit dieses Vorganges ist die (unendliche) Suche nach der Wahrheit.

So arbeiten Wissenschaft und Philosophie, und so ist es auch mit dem theoretischen Wissen der Mathematik, das in manchen Teilbereichen keinen Bezug auf die reale Welt nimmt. Doch das ist nur scheinbar der Fall.

Denn jede Mathematik rekurriert zuletzt auf Zahlen und Geometrie. Gewiss, diese sind Erfindungen des Kopfes und in der realen Welt SO nicht zu finden, sind Idealkonstruktionen, die ein eigenes Leben fuehren. Doch ein Wesenszug der Realitaet und der menschlichen Intelligenz besteht darin, dass sich solche inneren Entitaeten mit aeusseren Gegenstaenden verknuepfen lassen (und dabei praktikable Handlungsschemata herauskommen, welche zuletzt und zuerst der Arterhaltung dienen). 

Und wo ist jene ideale Welt zu finden? In unseren Hirnen natuerlich, wo auch die Gesellschaft existiert, als ein allgegenwaertiger kollektiver Bewusstseinszustand, der mit den Mitteln des Verstandes die Naturwelt lenken und beherrschen will. Wie Meinungen, Theorien, sozialen Empfindungen und Gefuehlen ueberhaupt kommt ihr eine Wirklichkeit jenseits der natuerlichen Realitaet zu.

Gewiss ist das 'Existieren' eines gedanklichen Musters von anderer Art als das eines realen Objektes, da es nicht in der aeusseren Wirklichkeit, sondern im Kopf entworfen wird. Und doch darf in beiden Faellen von Existenz die Rede sein - nicht nur weil unsere Gedanken auf denselben kleinsten Einheiten (Atome, Molekuele, Stroeme) wie die realen Objekte fussen, sondern weil die Wahrheit der Materie auch nur in Erscheinungen kodiert ist. - Dass Ideen wahr oder falsch (oder in einer mehrwertigen Logik auch ein drittes oder viertes) sein koennen, ist eine Eigenschaft, die ihnen anhaftet ... wie die Farbe der Rose. 

Auch wenn diese Welt der Univeralien, der geistigen Wesenheiten, nur in unseren Koepfen existiert, haben doch die meisten Erkenntnisse, am Anfang und am Ende eine Beziehung zur Wirklichkeit. Wenn ich sage "Hamburg liegt noerdlich von Muenchen", ist der Begriff des Nordens eine Denkfigur des Kopfes, jedoch eine, die einem bestimmten Zusammenhang in der aeusseren Wirklichkeit entspricht. Die Staedte Hamburg und Munechen moegen als Zusammenfassungen von Haeusern und Siedlungen nur Interpretationen und geistige Gegenstaende sein, doch sie sowohl wie der Begriff des Nordens entsprechen realen Zusammenhaengen, zwischen denen die Eigenschaft "noerdlich von" eine wiederum reale Beziehung stiftet. So koennen wir indirekt, indem wir Begriffe und Entitaeten unseres Bewusstseins benutzen, wahre oder falsche Relationen zwischen realen Dingen behaupten und damit unser Verstaendnis der Welt befoerdern.

Uebrigens bildet das Denken bestaendig solche Muster - darin besteht geradezu sein Wesen - ... und es wendet sie auch auf sich selber an, indem es Metabegriffe formt, deren Sinngehalt sich nicht in der Anwendung auf aeussere Objekte, sondern auf solche des Geistes erschliesst.

Von der Beschraenktheit des Verstandes

Unsere Gehirne sind alle von aehnlicher Struktur (so dass wir einander verstehen und mitteilen koennen) und von der millionenjahrelangen Ausrichtung auf die Naturwelt gepraegt. Aufgrund dieser spezifischen Anpassung sind durchaus Erkenntnisse denkbar, die der menschlichen Intelligenz per se verschlossen bleiben. Unsere Ratio ist wie ein fruchtbarer Garten voll schoener Blumen und Nutzpflanzen, der von einer hohen Mauer umgeben ist. So viele Gewaechse wir auch zuechten, ueber jene eine Huerde werden wir nie hinauskommen. 

Was jedoch einmal in unser Denken Eingang gefunden hat, weil es der Evolution und den Gesetzen der Umwelt nicht gaenzlich zuwiderlaeuft, mit dem kommen wir besser zurecht als mit allen komplexen unmittelbaren Zwaengen der Aussenwelt; denn es ist geglaettet und idealisiert und direkt in unseren Koepfen verfuegbar, es kann beliebig zerlegt und gewendet werden und gehoert dem Intellekt allein. Die theoretische Physik zum Beispiel macht ausgiebig Gebrauch von 'Gedankenexperimenten', um den Schwanz der Eidechse zu fassen zu kriegen, die man Natur nennt.

Auch jenes Wissen, welches wir von der Natur ansammeln, erfahren wir nur innerhalb idealisierter Vorstellungen (Modelle) von ihr, und die Saetze, die im Rahmen solcher Modelle formuliert werden, haben im besten Fall einen Wahrheitswert wie Saetze der Mathematik (in minderen Faellen sind sie 'halbe' Wahrheiten, bedenkenswert nur als Stufen auf dem Weg zum Wissen). Die mathematische Gewissheit ist die Elle, an der sich die anderen Wissenschaften messen lassen, ohne sie je zu erreichen.

Ein wichtiges Prinzip der Mathematik ist das Induktionsgesetz, wo man aus zwei Nachweisen - erstens, dass eine Aussage fuer n=0 und zweitens, dass, wenn sie fuer ein n gilt, sie auch fuer n+1 gilt - folgert, dass die Aussage fuer jedes n richtig ist. Solche apriorischen Denkgesetze gibt es in der Mathematik, der Logik und der Modellbildung zuhauf, und sie gelten dort in einem sehr strengen Sinn (auch wenn man selbst dort, um die Erkenntnis voranzutreiben, mitunter seltsame Spruenge des Denkens in Kauf zu nehmen hat), man kann geradezu sagen, dass es strenge apriorische Erkenntnisse nur zwischen den geistigen Wesenheiten geben kann.

Mit immer subtileren Methoden versucht die Wissenschaft, die Gleichgewichtszustaende der Welt und ihre Stoerungen zu verstehen, doch obwohl man sich alle moegliche und unmoeglichen Denkfiguren dafuer zurechtlegt, erreicht doch die Beweiskraft in diesen Faellen niemals die Qualitaet jener mathematischen Schluesse.  

Der Mensch ist haeufig versucht, Denkgesetze wie das Induktionsprinzip in der physikalischen Wirklichkeit anzuwenden. Er geht z.B. davon aus, dass bestimmte Naturerscheinungen, wie das taegliche Aufgehen der Sonne oder das Kraehen des Hahnes am Morgen, sich andauernd wiederholen, oder allgemeiner gesagt, wenn er mehrere Erscheinungen oft genug im Zusammenhang hat auftreten sehen, kommt er zu dem Schluss, dass sie immer im Zusammenhang auftreten werden, und beginnt nach Gruenden dafuer zu suchen - oder nach solchen, die dagegen sprechen und die 'Gesetzmaessigkeit' eines Tages stoeren koennten.

Sein Vorgehen laesst sich als 'schwache' oder unvollstaendige Induktion bezeichnen und ist (wie die Existenz des menschlichen Verstandes ueberhaupt) Folge einer relativen Stabilitaet der Welt, in der sich die meisten Dinge und Phaenomene, zumindest innerhalb unseres beschraenkten Erfahrungshorizontes, gleichbleiben oder wiederholen. Jede Erkenntnis von 'Gesetzmaessigkeiten' setzt eine konstant-verlaessliche 'gesetzmaessige' Welt voraus. In einem voellig chaotischen Universum wuerde ein wie immer geartetes intelligentes Wesen das schwache Induktionsprinzip nicht fuer wahr oder apriorisch geltend halten, schon allein, weil sich dieses Prinzip nicht entdecken liesse.

Ich sehe am Himmel 3 Sterne, von denen mir je 2 gleichen Abstand zum dritten haben. Dass sie ein gleichseitiges Dreieck bilden, obschon bei genauerer Messung dies sich als Illusion herausstellen wuerde, ist meine Meinung, wie die, alles Wirkliche sei vernuenftig, auch wenn es sich noch so absurd und irre gebaerdet. Sie ist es vermoege der Stetigkeit und relativen Stabilitaet unserer Umgebungswelt, anderswie und in einer anderen Welt liesse sich nicht (vernuenftig) handeln.

Zwar ist nicht jede Erscheinung moeglich, aber rein hypothetisch denkbar waere in jedem Moment prinzipiell alles, bis hin zum Weltuntergang, aufgrund eines Naturgesetzes, das uns bisher entgangen ist. Keine streng mathematische Logik kann dem widersprechen, und die physikalischen Modelle und Gesetze, mit denen wir die Behauptung des hier und jetzt drohenden Unterganges widerlegen, koennten falsch sein. Koennten; denn jenes Geheimnis der Natur aber, dass nicht alles sofort moeglich ist (und nicht nur aufgrund subjektiver Sichtweisen), ist Teil der sogenannten Objektivitaet, mit der ihre Erscheinungen uns gegenuebertreten, ist Folge der seit Aeonen kalten, flachen Welt, deren heutige Ewigkeit mit der Urknalltheorie nur unzureichend beantwortet ist.

Denn gewiss, wenn ein Punkt genug Energie akkumuliert und damit zur Explosion kommt, fliegt alles weit auseinander und verteilt sich als feiner Nebel im Nichts. Doch wie kam der Punkt zu seiner Energie, wie kam das Nichts?

Vieles was wir ueber die aeussere Natur erkennen, leiten wir aus dem Induktionsprinzip und anderen streng nur in Logik und Mathematik gueltigen Denkgesetzen ab, z.B. aus dem Satz vom Widerspruch, dass ein Ding nicht zugleich eine bestimmte Eigenschaft haben und nicht haben kann. Aber auch hier ist es wie mit dem Induktionsprinzip, dass jener Satz in der Logik (wenigstens in der traditionellen Logik) zwar unzweifelhaft, in der aeusseren Wirklichkeit aber nur in dem Masse gelten kann, wie wir die Objekte der wirklichen Welt nach den Erfordernissen der Logik uns zuschneidern. Meist sind die Begriffe, mit denen wir operieren und die wirkliche Welt zu beschreiben versuchen, nicht ganz so eindeutig bestimmt wie die Aussagen der Logik, und, was man eine 'Eigenschaft' nennt, nicht so klar definiert. Reale Dinge koennen Eigenschaften, wie zum Beispiel die Farbe 'rot', nicht nur ganz oder gar nicht, sondern 'in einem gewissen Masse' besitzen, und wir gewinnen durchaus an Erkenntnisfaehigkeit, wenn wir in der Wirklichkeit auf begrenzte und wohldurchdachte Weise das enge Korsett der zweiwertigen Logik verlassen.

Von dieser ist ohnedies seit Goedel bekannt, dass sie unvollstaendig ist und unbeweisbare (wahre) Aussagen zulaesst, wie die es Kreters Epimenides, alle Kreter seien Luegner. Diese Unvollstaendigkeit haengt mit ihrer diskreten Natur zusammen, denn sie laesst sich auf die natuerlichen Zahlen und deren Unvollstaendigkeit abbilden. Vollstaendige Muster wie die Geometrie oder die reellen Zahlen oder das wirkliche, wilde Denken vermeiden solche Inkonsistenzen, indem sie neben Wahrheit und Falschheit ein kontinuierliches Spektrum von Kategorien zulassen.

Ausserdem gehe ich davon aus, dass die Art unseres Denkens (und Sprechens) genetisch weitgehend festgelegt ist. Kulturelle Praegungen und individuelle Unterschiede sind sicher nicht zu leugnen, aber vermutlich sind die meisten Denk-(und besonders Kommunikations-)strukturen in den Koepfen und Genen aller Menschen fest verdrahtet, gerade auch die komplizierteren, ganz gleich mit welcher Lautfolge sie sie aeussern, und ob wir beim Verneinen nicken oder mit dem Kopf schuetteln. Wir sind daher prinzipiell gar nicht in der Lage, alle moeglichen Logiken zu benennen, zu verstehen oder zu verwenden, sondern nur diejenigen, die uns angeboren sind. Da es also hoechstwahrscheinlich vernunftmaessige Systeme gibt, die uns prinzipiell nicht zugaenglich sind, weder sprachlich noch in Gedanken, koennten wir beim Kontakt mit Ausserirdischen eines Tages ganz schoen Probleme bekommen.

Immerhin teilen wir mir den Ausserirdischen denselben Himmel und dieselben Sterne. Selbst wenn wir ihr Denken und ihre Sprache verstehen würden: Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen des Daseins werden daher auch sie nicht haben. Damit meine ich zum Beispiel die einfache und fundamentale Frage nach dem letzten Grund und wie überhaupt ein Etwas möglich sein kann, das nicht aus anderen, kleineren Entitaeten 'aufgebaut' ist. Wie ich später erläutern werden, ist die Entstehung von Materie aus dem Nichts durchaus denkbar. Jedoch ist dieses kein absolutes, reines Nichts, sondern ein qualifiziertes, dass die Informationen über die möglichen Materieformen und ihre Wechselwirkungen bereits implizit enthält.

Dagegen stellen sich unserem Verständnis des Urgrundes bzw der endgültig kleinsten Bausteine der Materie erkenntnisphilosophische Einwände entgegen. Salopp formuliert: man kann nichts begründen, ohne etwas vorauszusetzen. Man braucht immer weitere Gründe, oder wenigstens ein Paradigma, um zu immer weitergehenderen Schlüssen zu kommen. Aber vielleicht ist der Urgrund ja so ein Paradigma, ein einfachsten Prinzip, das wir nur im Moment, in Zeiten des sogenannten Standardmodells der Elementarteilchen, allerdings noch nicht verstanden haben.

Eine Metapher ueber das menschliche Bewusstsein

Der menschliche Geist macht sich gern zum Nabel der Welt. Er aehnelt darin einem Linux-system, das die korrekte Rangfolge zwischen Hardware und Software verschleiert, indem es die Software als root vor alle Hardware setzt: root/festplatte_1 ist dann so ein Hardware-Device, waehrend in 'Wirklichkeit' root auf einer der Festplatten angesiedelt ist. So erzeugt sich menschliche Geist die Realitaet als Begriff root/realitaet und dichtet dieser fundamentale Prinzipien root/prinzipien an, wie zum Beispiel das Prinzip der Schoepfung aus dem Nichts, das der Eichsymmetrie oder das der ewigen Wiederholung, in der Form root/prinzipien/prinzip_der_eichsymmetrie usw.

Dabei sind die Dinge an sich vermutlich dumm und wollen von Prinzipien gar nichts wissen. Im Extremfall besitzen sie nur genuegend Kontinuitaet, damit Prinzipien in sie hinein interpretiert werden koennen. Das heisst, in Wirklichkeit stehen die Dinge an sich an erster Stelle, und das Bewusstsein mit seinen Neuronen und Ganglien ist nur eines ihrer Untersysteme: dinge_an_sich/bewusstsein, unter dem die Prinzipien anzusiedeln sind als dinge_an_sich/bewusstsein/prinzipien, und zwar in ihrer materiellen Form als Proteine, Hirnstroeme usw. Diese gehoeren zu der anthropologischen Entwicklung des Menschen, die der Erkenntnis und dem Aufstellen von Prinzipien dadurch Fortbestand garantieren, dass sie erstens gemeinsam verstanden werden koennen, dass heisst sich in den Hirnen die gleichen oder aehnliche Proteine bilden, wenn das betreffende Prinzip diskutiert wird, und dass es sie zweitens bei naechster Gelegenheit zu Aktionen nutzen kann, die ihm das Ueberleben und die Vervielfaeltigung seiner DNS erleichtern. Verstaendlich, dass so ein Ding sich gern als root sehen wuerde.

Instinkt und Vernunft

Ich wuerde sogar soweit gehen, den Verstand des Menschen als eine Sonderform seiner Instinkte aufzufassen. Instinkte koennen bekanntlich in unterschiedlichen Auspraegungen auftreten, mit denen sie in der Lage sind, auf gegebenen Zustaenden des Bewusstseins zu operieren (d.h. auf aeussere Umstaende, die diese Zustaende hervorrufen, zu reagieren). Zum Beispiel reagiert der Fluchtinstinkt J_F auf den Bewusstseinszustand, der durch einen Feueralarm A hervorgerufen wird, wenn dieser vermittelst der Ohren und Nervenbahnen in unser Gehirn gelangt und dort in elektrochemische Signale umgewandelt wird. Die Reaktion J_F(A) besteht im unwillkuerlichen Ducken, sich Umsehen oder gleich die Beine in die Hand nehmen und Davonlaufen bzw, genauer, besteht J_F(A) aus denjenigen Zustaenden des Gehirns, die diese Bewegungen ausloesen. In analoger Weise operiert die Vernunft J_V auf solchen Bewusstseinszustaenden, die aus logischen Problemen L sich ergeben. J_V(L) ist ein Bewusstseinszustand, der normalerweise als Produkt unserer Intelligenz und der Problemstellung aufgefasst wird, im Idealfall also die Loesung des Problems darstellt.

Genaugenommen wird unser Handeln zu jedem Zeitpunkt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, von mehreren Polen bestimmt. Vernunft, Emotionen, Instinkte usw. Notabene die Vernunft im engeren Sinne hat eine weit geringere Bedeutung als gemeinhin angenommen. Metaphorisch ausgedrueckt, liegt sie in dem grossen, weitraeumigen, vielgestaltigen Universum der Gefuehle wie ein toter Hering in der Sahnesauce. Es ist oft interessant zu beobachten, wie Vernunft und Gefuehle als Player sich abloesen, und zwar, ohne dass besondere Brueche sichtbar werden. Das Gehirn macht das automatisch, ohne die Vernunft um Erlaubnis zu fragen. Eine rationale Revisionsinstanz gibt es gewoehnlich nicht; die Vernunft ordnet sich den Leidenschaften und Instinkten bereitwillig unter. Erfindet gar Argumente, um deren Auswuechse zu rechtferigen. Und wiegt sich hinterher noch in dem Glauben, dass sie die treibende Kraft im Bewusstsein ist. Der Mensch erklaert sich zu etwas Besonderem, den Tieren ueberlegen, weil er meint, seine Instinkte im Zaum halten und mit dem Verstand steuern zu koennen. In Wirklichkeit sind die sogenannten wilden Instinkte von selber im Zaum, sind gar nicht so ungestuem wie gemeinhin angenommen. Siehe die Tiere, deren Handeln und Leben i.a. in durchaus wohlgeordneten Bahnen verlaufen. Umgekehrt steckt hinter der Vernunft als Quelle der Kultur und der Zivilisation gar nicht so viel wie man meinen koennte, stecken nur die mehr oder weniger schematischen Operationen J_V(L), die uns mit unseren Apparaten umgehen helfen. Denn unsere vielgepriesene Kultur besteht in Wirklichkeit nur aus ein paar Apparaten und aus ganz viel Tralala. Apparate sind Gegenstaende, die bei ihrer Produktion so eingestellt werden, dass sie bei ihrer Verwendung durch ein Entropie-Tal laufen, an dessen Ende etwas Nuetzliches oder als nuetzlich Interpretiertes herauskommt. Dies kann eine ungeheuer arbeitsintensive Aufgabe oder, wenn es sich um die Reparatur einer Maschine handelt, mit deren Macken man sich auskennt, sehr einfach sein. In jedem Fall aber stehen nur ein paar schematische Operationen dahinter, die mich daran zweifeln lassen, ob man die menschliche Zivilisation wirklich als etwas Hoeherwertiges auffassen sollte. Natuerlich ist sie etwas Neues, ein in der Naturgeschichte bisher nicht da gewesenes Moment, das sich auf Basis unserer Intelligenz entwickelt hat, ein sehr nuetzliches und durchaus eindrucksvolles Moment. Sie laesst den Menschen Haeuser und Strassen bauen, Musiken spielen und Apparate erfinden, die das Leben erleichtern und schoener und angenehmer machen. Jedoch bezogen auf das Dasein an sich des Individuums ist und bleibt die Vernunft der Gefuehlswelt untergeordnet oder, wenn nicht untergeordnet, so doch nur eine Ergaenzung, ein Wurmfortsatz, der direkt an die Instinkte angekoppelt ist, mit gewissen gegenseitigen Wechselwirkungen und Befruchtungen natuerlich.

Um es auf die Spitze zu treiben: Der Grund, warum ich bin, hat mit meinem 'Ich denke' nichts zu tun. Man wuerde sich wundern, was bei genauerer Betrachtung alles Instinkt ist, wovon man glaubt, es wird von der Vernunft gesteuert. Wobei 'Instinkt' vielleicht nicht das richtige Wort ist. Die Impulse, die hochkommen, wenn ich auf ein Ereignis reagiere, sind ja mit meinem Bewusstsein und den dort ablaufenden Erkennungsprozessen auf engste vermittelt. Man koennte versucht sein, daraus abzuleiten, dass wir letztlich keinen eigenen Willen haben, jedenfalls keinen vernuenftigen Willen. Der Satz 'Ich will das und das', aber auch 'Die Blume ist schoen' geht auf Impulse zurueck, die aus unserem Inneren kommen. Also der Wille, auch der Wille zur Macht, und Empfindungen - von Schoenheit, Ekel, Zufriedenheit usf, alldies ist m.E. urspruenglich tierischer Natur und wird von der Sprache nur ausgekleidet, einer Sprache fast ohne Vernunftkomponente, die nur der verlaengerte Arm der Gefuehle und Leidenschaften ist (i.e., das Tralala).

Das Empfinden von Schoenheit als ein vormenschlicher, tierischer Instinkt? Man muss sie sich nur anschauen, die schoenen Geschoepfe, die die Natur hervorgebracht hat. Niemand soll glauben, ihre Schoenheit waere nur fuer uns Menschen da, wuerde nur von uns Menschen wahrgenommen. Und auch die Vernunft, auch, wo wir mit vernuenftigen Werken Ziele zu erreichen suchen, selbst dort, wo sie zu wahren Hoehenfluegen ansetzt, in der Mathematik oder Philosophie, ordnet sie sich bereitwillig einem anderen unter. Dem Ich naemlich ordnet sie sich unter, der Seele, Psyche oder wie man es nennen will, aus einer (nur teilweise vernuenftigen) bewussten und mehreren mehr oder weniger vor- und unterbewussten Komponenten bestehend, die ich mir als einen brodelnden oder auch still vor sich hin siedenden Topf mit einer trueben, blubbernden Bruehe vorstelle, aus welcher gelegentlich Fontaenen vorschiessen, Jets, Impulse, die uns zum Handeln bringen, aber in vorderster Linie ganz und gar nichts mit dem Verstand zu tun haben. Und diese Impulse, auf die wir in Maassen durchaus einen Einfluss haben, das bestreite ich gar nicht, weil es eine Wechselwirkung mit der Vernunft gibt, und auch mit unserer Wahrnehmung, werden im Gehirn, oftmals an der Vernunft vorbei, in verbale Exklamationen, in Kommunikation umgesetzt: das ist die Rolle der Sprache.

'Sie heizte ihr tolles knallgelbes Cabrio.' Dieser Satz ist voller Metaphern und Lautmalereien und enthaelt offensichtlich eine ganze Menge Emotionalitaet. Aber auch in dem Satz: 'Sie faehrt ein hellgelbes Cabriolet' sind Emotionen enthalten, mehr rentnermaessige. Und der Mathematiker, der die Formel des Pytagoras x^quadrat+y^quadrat=z^quadrat ausspricht und vollinhaltlich versteht, weil man diese Formel in der Mathematik gar nicht oft genug wiederholen kann, der sie fuer ihre Tiefe und formale Einfachheit bewundert, ist nicht frei von Emotionen, der Liebe zur Wissenschaft und zu ihren Zeichen. Ich behaupte sogar, dass diese Emotionen, die auf den ersten Blick zweitrangig, dem Sinn nur beigemischt sind, einen wahrhaft entscheidenden Aspekt ausmachen, weil sie zu weiteren Handlungsimpulsen fuehren, waehrend die blosse Aneinanderreihung logisch aufeinander aufbauender Wahrheiten J_V(L1), J_V(L2) usw ohne diese staendig nachschiessenden Impulse gar nicht vonstatten ginge. Vernunft und Sprache (als ihre Mittlerin) machen dem Homo sapiens das Leben einfacher, weil sie ihm helfen, Bruecken und Schienen zu bauen, mit denen er die aus seinem inneren Dampfkessel vorschiessenden Impulsfontaenen auf effektive und relativ gerade Bahnen lenken kann. Aber sie sind sekundaer. Primaer ist unsere Seele, das haben die Romantiker richtig erkannt. Die Seele macht sie sich nutzbar.

Umgekehrt benutzen Tiere mehr rationale Kommunikation als viele sich vorstellen koennen. Die moderne Primatenforschung hat bewiesen, dass Affen einen relativ differenzierteren Satz-Schatz haben. Zum Beispiel sind die Sender in der Lage, zwischen dem Ruf 'Vorsicht Schlange!' Und dem Ruf 'Vorsicht Leopard!' zu differenzieren. Und diese Laute werden von den Empfaengern auch verstanden. Beim ersten springen sie hektisch hin und her und beim zweiten klettern sie schnell auf die Baeume. Jedoch wird von den meisten Wissenschaftlern bezweifelt, dass es sich bei diesen Warnrufen um sog. intentionale Vorgaenge handelt, das heisst, dass der Sender die Faehigkeit besitzt, einen geistigen Rollentausch vorzunehmen und sich vorstellen kann, wie seine Informationen beim Empfaenger ankommen. - Ich vertrete die entgegengesetzte Position, weil ich meine, dass der Begriff des intentionalen Vorganges viel zu sehr auf die menschliche Art der Informationsverarbeitung abgestellt ist. Auf jeden Fall wird vom Affensender, ob mit oder ohne Intention, vorausgesetzt, dass der Empfaenger auf seinen Ruf entsprechend dessen rationalem Inhalt reagiert, also beim Ruf 'Vorsicht Schlange!' anders als beim Ruf 'Vorsicht Leopard!' und also der Sender sein Verhalten auf diese vorhergesehene Reaktion des Empfaengers abstellen.

Von der mathematischen Wahrheit

Der Mathematik gelingt es, mit formalen Werkzeugen intuitive Vorstellungen zu praezisieren und Vermutungen exakt zu verifizieren. Wir wissen zum Beispiel intuitiv, wenn von einem Punkt ausserhalb einer Sphaere verschiedene Tangenten an die Sphaere gelegt werden, dass dann alle Beruehrungspunkte auf einem Kreis liegen. Wenn wir genauer darueber nachdenken, werden uns vielleicht Zweifel kommen. Wollen wir diese ausraeumen, so werden wir zwangslaeufig zu den analytischen Methoden der Geometrie gefuehrt.

Die formalen syntaktischen Regeln der Beweisfuehrung sind das Hilfsmittel, dessen das praktische Denken bedarf, um vom Meinen zur Gewissheit zu gelangen (indem wir versuchen, auf diesem Wege unsere Vorstellungen ganz sicher zu machen). - Um so mehr, wenn man von Objekten, Abbildungen und Spiegelungen der realen Welt zu rein imaginaeren Wesenheiten uebergeht.

Das formale Vorgehen ist in diesem Fall ein so unverzichtbarer Bestandteil der Mathematik, dass viele geneigt sind zu sagen, es ist die absolute Leitlinie, woran die Wahrheit sich festzuhalten hat. Doch selbst hier, so stellt sich heraus, bedient man sich meist der Intuition, um nichttriviale Eigenschaften solcher imaginaeren Systeme zu entdecken, man rekurriert implizit auf die Vorstellung, die man sich von den imaginaeren Entitaeten macht, und zwar nicht nur, um die Beweise zu straffen, sondern auch, weil sie sich ohne die intuitive Anschauung nicht haetten finden lassen. So schliesst sich der Kreis, der mit einfachen Bildern begonnen hat, die wir uns von der Welt machen. 

Ein weiteres: Mathematische Beweise sind ohne Mithilfe der normalen Sprache (die auf dem gewoehnlichen nicht-formalisierten Denken basiert und ein inhaerent unpraezises vages Werkzeug ist) beschwerlich zu fuehren und zu verstehen. Auch wenn es immer wieder Versuche in dieser Richtung gegeben hat, ein sprachlicher Rest bleibt meist bestehen, zumal bei echten konstruktiven Neuerungen. Vermittels der Sprache werden die Entitaeten definiert, mit denen die Konstruktionen operieren, und auch die Operationen selbst werden durch die Sprache unterstuetzt.

Die mathematische Wissenschaft zerfaellt in 2 Bereiche: einen konstruktivistischen Bereich wie die Geometrie, der der theoretischen Physik nahesteht, und einen analytischen, der am Ende hauptsaechlich Tautologien beschreibt, wenn er nicht auf die Fantasie und Kreativitaet zurueckgreift; denn nur im Zusammenspiel mit der Imagination ist das formal-analytische Vorgehen effektiv und hilft, einen strukturierten Ueberblick zu gewinnen und die Systeme und Modelle, auch wenn sie noch so kompliziert sind, fehlerfrei zu gestalten. Wenn man sich allein auf das Formale verlaesst, geraet man unweigerlich an Goedelsche oder Russellsche Antinomien , die sich, wenn ueberhaupt, nur durch aufwendige Konstrukte bereinigen lassen, an deren Ausgang die urspruengliche Theorie um vieles komplizierter geworden und um wenig vorangekommen ist.

Sowohl den rein imaginaeren Objekten als auch theoretischen Modellen, die wir von der Welt entwerfen, wurde eine ontologische Existenz zugesprochen. Sie existieren in unseren Koepfen als von uns ersonnene und doch unabhaengige Wesenheiten. Und jene (die Koepfe) benutzen das Mittel der Intuition, um einen ersten Zugang und auch eine Freude an ihnen zu gewinnen. Letzteres schafft nebenbei eine lose Verbindung zum emphatischen Begriff der Wahrheit; nur wenn wir eindimensionale Maschinen waeren, denen die formale oder die praktische Erkenntnis ueber alles geht, koennten wir auf die Wahrheit verzichten.

Von der Geschichte

Es gibt Formen des Idealismus, denen am Ende Zweifel an der eigenen Objektivitaet und der Existenz der Welt kommen. (Dazu gehoert z.B. das positivistische Denken, auch wenn es letztlich vor solchen Schluessen zurueckschreckt). Daneben gibt es einen zweiten Idealismus, der sich im Grunde mit dem aufgeklaerten Materialismus trifft: die Vorstellung, dass der Vernunft eine ebenso objektive, materiale Existenz zukommt wie den Dingen; dass allen Gegenstaenden (auch denen des Denkens) die Wahrheit ueber sich selbst assoziiert ist und dass genau dies ihr Sein stabilisiert. Die koerperlichen Objekte muessen der Wahrheit gehorchen, die hinter den Naturgesetzen steht, die geistigen den Regeln der Vernunft.

Die Wahrheit ueber die Gegenstaende kann immer vollstaendiger begriffen werden. Darin laesst sich ein objektives teleologisches Prinzip erkennen, das die menschliche Kultur hoehertreibt. (siehe aber diese Diskussion) Die Geschichte schreitet voran, in dem Masse, in dem der Mensch die Wahrheit ueber die Gegenstaende decouvriert - egal, ob es sich dabei um naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder sonstige Erkenntnis handelt.

Jedoch ist dies kein linearer oder naturgegebener Prozess, da das Auffinden der Wahrheit von den Defiziten unseres Geistes und der Widerspenstigkeit der makroskopischen Materie behindert wird, die uns keinen beliebig praezisen Einblick in ihre nicht sinnlich wahrnehmbaren Teilwelten erlaubt. So stolpert die Erkenntnis mehr als sie schreitet, hangelt sich ueber duerftige Modelle vorwaerts, die von nachfolgenden Wissenschaftlergenerationen nur marginal verbessert werden, so dass die endgueltige Wahrheit praktisch nie zu erreichen ist.

Ein Beispiel: Wir alle wissen, dass in der makroskopischen Natur kein Ding dem Anderen gleicht, so sehr sich auch die Warenwirtschaft bemueht, das Gegenteil zu erreichen. Die Objekte der Teilchenphysik aber gibt es nur in Kopie, d.h. jedes Elektron ist mit jedem anderen genau identisch: im derzeitigen Stadium unseres Wissens bedarf die theoretische Konstitution der Materie recht eigentlich nur eines einzigen Elektrons (plus seiner Kopien) - und so aehnlich verhaelt es sich mit den anderen Teilchensorten, deren Zusammenspiel den Mikrokosmos (oder das Bild, was wir von ihm haben) ausmacht. Ich vermute, jene fuer den Forscher bequeme Eigenschaft der unendlichen Reproduzierbarkeit ist nur aus unserer heutigen beschraenkten Sicht akzeptabel, weil zur Erklaerung der gegenwaertigen (ziemlich klaeglichen und unzulaenglichen) Experimente hinreichend, oder umgekehrt, weil diese Experimente bis heute nicht mehr hergeben als das krude Modell eines sich immer gleichen Elektrons. Elektronen und ihre Feldgleichungen sind eigentlich Universalien, sind Begriffe von Erscheinungen, ueber deren Wesen sie uns nur mangelhaft Auskunft geben. Via Experimentieranlagen wirft 'Datdingansich(Elektron)' Schatten in die makroskopische Welt, und damit sind die Elektronen zuerst Erklaerungsmodelle dieser Schatten.

Als Universalien erfuellen Elektronen uebrigens jene 'starken' Formen der apriorischen Denkgesetze, von denen oben die Rede war, und lassen sich theoretisch daher relativ leicht bearbeiten. Was sich darueber hinaus TATSAECHLICH in der subatomaren Welt abspielt, weiss bis heute niemand.  

Fuer die reine Vernunft mag es wie ein Wunder erscheinen, dass manche Modelle, die wir im Kopf entwerfen, in der Wirklichkeit so gut funktionieren. Wir haben, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eine Anzahl Bakterien, die sich auf einem Naehrboden vermehren, und wir koennen praezise vorherberechnen, wieviele es in 2, 3 oder 4 Tagen sein werden. Oder wir erzeugen ein konzentrisches Magnetfeld, und wir wissen aufs Komma genau, wie gross seine Staerke an einem beliebigen Ort in seiner Naehe ist.

Dies laesst sich nur so erklaeren, dass in der Natur etwas vorgeht, was in seiner Essenz von der Berechnungsformel nachgestellt wird. Wenn in einem Rechner ein reales System simuliert wird, z.B. die Erdathmosphaere, und es werden Temperaturverteilungen und Windgeschwindigkeiten errechnet, so 'parallelisieren' die Bits und Zahlen die tatsaechlichen Vorgaenge, wenngleich zumeist unter groben Vereinfachungen. Ein aehnlicher Vorgang der Parallelitaet, vom Allgemeinem zum Besonderem, spielt sich im Intellekt ab, wenn er von konkreten Denkfiguren zu einer abstrakten Theorie uebergeht, welche Aussagen liefert, die sich fuer die konkrete Denkfigur als richtig erweisen. 

Man kann ueber das Niveau der zeitgenoessischen erkenntnistheoretischen Diskussion nur spotten. Die Hauptfrage scheint den Philosophen zu sein, ob kuenstliche Intelligenz prinzipiell moeglich sei, und da kommen solche Beitraege wie das 'Chinese-Room-Argument' von Searle, welches behauptet, kuenstliche Intelligenz sei darum nicht moeglich, weil der Maschine die wahre Bedeutung eines Objektes niemals einsichtig werden kann. Dabei ist klar, die Rechenmaschine koennte nur Einsicht und Phantasie entwickeln, wenn es eine reale Erfahrungsumgebung gaebe, oder zumindest ein inneres Universum, worin sie leben und mit den Objekten arbeiten wuerde. Doch alles, was sie hat, ist ein aseptischer klimatisierter Raum und organische Wesen, die sie mit seltsamen Zeichen fuettern.

Beim Wandern

Es gibt eine extreme idealistische Auffassung, nach der man nicht mehr als seiner eigenen Subjektivitaet sich sicher sein kann. Sie will das "cogito ergo sum" zum einzigen machen, da die Wahrnehmung vom sie Hervorrufenden ein weitgehend Geschiedenes sei und somit leicht ohne es gedacht werden kann und die Existenz des die Wahrnehmung Hervorrufenden daher im Dunkeln liege. Wenn es ueberhaupt existiert, ist es eine unwesentliche 'Zugabe' zum subjektiven Sein.

Tatsaechlich gelten die schoensten Ausblicke des Wanderers einer Natur, die Illusion sein koennte. Wenn ihm aber ueber die Wahrnehmung gelingt, einer unmittelbaren Gefahr zu entrinnen, ueberwindet er die vom Akt der Wahrnehmung provozierte Trennung, und wird an der Welt. Notwendig an der Welt ist nur das Ergriffene; alles andere laesst sich wegdenken, und wird auch weggedacht, sobald man sich auf die naechste Wahrnehmung konzentriert. (Ein weiterer Grund fuer die latente Unbestaendigkeit des Denkens)

Wie dem Wanderer ergeht es dem Experimentator. Dem einen ist das Gesamt des praeparierten Zustandes so abstrakt wie dem Anderen sein weites Tal. Selbst wenn es ihm gelingt, es von oben zu ueberblicken, ist es doch als Zusammenhang weitgehend sinnentleert, (bis auf die Moeglichkeit, einen groben Uebersichtsplan zu erkennen bzw zu erstellen), weil von seiner Existenz abgeschnitten. Ein praktisches Verhaeltnis zum Tal gewinnt er uebrigens auch dann nicht, wenn er die Karte beiseitelegt und die vom Verein vorgeschlagenen Wege verlaesst.  

Von der Arbeit

In Wirklichkeit kann niemand ernsthaft behaupten, dass es aussen nichts gebe. Solange dies aber nur fuer sich ist, ist es fuer uns nichts. Im Prozess der (gesellschaftlichen) Arbeit reift die an-sich-Existenz der Materie zu einem Sein-fuer-uns heran. Die Wirklichkeit der physikalischen Koerper ist absolut, aber fuer uns kein Vermitteltes. Erst indem wir ueber sie nachdenken, treten sie in unser Sein. Wenn wir, wie in modernen Zeiten, an den Dingen nurmehr indirekt arbeiten koennen, weil sie etwa fuer eine direkte Wahrnehmung zu klein sind, entsteht eine neue Art von Naturbeziehung.

Gesellschaftlichkeit der Erkenntnis

Erkenntnis, auch Naturerkenntnis, findet in einem gesellschaftlichen Subjekt statt. Gewiss waere das Denken 'reiner' ohne das Moment des Gesellschaftlichen (besser auf sein Objekt fokussiert), abstrakter waere es nicht (Abstraktion als Folge des Warenverhaeltnisses).

Gibt es eine Naturerkenntnis des Menschen unabhaengig von seiner gesellschaftlichen Existenz? Nein, denn die Erkenntnis der Materie verlaeuft im gesellschaftlichen Subjekt, und das meint mehr, als dass, zum Beispiel, die Produktivkraefte des Mittelalters nur zur Mechanik reichten.

Beispiel: Begriff des Hebels
Dieser setzt sich zusammen aus konkreter, mechanischer Erfahrung und einem Abstraktionsvorgang, der so weit geht, dass er metaphorisch auch auf soziale Vorgaenge Anwendung findet ("Wo laesst sich der Hebel ansetzen?"). Zu einer ausgereiften Theorie der Mechanik ist es vor allem aufgrund ihrer industriellen Bedeutung gekommen. Felder ohne praktischen Nutzen werden ueber kurz oder lang aufgegeben oder auf die lange Bank geschoben.

Zugleich hat, wie oben beschrieben, das Denken eine starke genetisch fixierte d.h. stammesgeschichtlich verfestigte Komponente, die bestimmte Arten der Erkenntnis von vornherein ausschliesst und durch eine spezifische Form vom Abstraktionsfaehigkeit gekennzeichnet ist, in welcher Hierarchien eine grosse Rolle spielen, ganz analog denen, die im Kapitalismus und wohl auch bereits in allen alten Gesellschaften benutzt werden, um Auftraege zu verteilen. Der Subunternehmer als abstraktes Element, ein Grossprojekt gedanklich zu vereinfachen: welcher Arbeiter eine Aufgabe am Ende konkret bewaeltigt, ist dem Hauptunternehmer und seinem Auftraggeber egal. In diesem Zusammenhang sind auch die Einfuehrung und der Siegeszug des Geldes in den menschlichen Gesellschaften zu sehen.

In dem Masse, in dem die Naturwahrnehmungen der Individuen sich verstaedtern oder - via kompliziertes technisches Geraet - nurmehr indirekt vonstatten gehen (da man den Mikrokosmos nur auf dem Umweg ueber Zeiger und Leuchtdioden auf makroskopischen Instrumenten wahrnehmen kann), aendern sich zunaechst das Erkenntnisinteresse, das bei Naturvoelkern voellig auf die einfache Wahrnehmungsumgebung bezogen ist und sich in der westlichen Zivilisation besonders seit der Moderne bestaendig verschiebt, und bald aendern sich auch Begriffe und Paradigmen, so dass zum Schluss die Vernunft selber in den Prozess der Verwandlung einbezogen wird (wenn sich auch darueber streiten laesst, ob ein unveraenderbarer Keim oder Kern der Vernunft ueber alle Zeiten erhalten bleibt). Nicht die Dinge sind im Fluss, sondern unsere Gedanken.

Frueher habe ich so gedacht:

Es gibt keine andere Natur als die in einer Sozialbeziehung erarbeitete. Es gibt auch keine Substanz, aus denen die Elementarteilchen bestehen wuerden, sondern nur die wahrnehmbare Welt, an der sich arbeiten laesst, an der durch Arbeit die Vorstellungen sich erst bilden. Dieses an-der-Welt-werden (im Gegensatz zum in-der-Welt-sein), also die Entwicklung der Produktivkraefte, ist eine Voraussetzung der menschlichen Intelligenz. Mit ihm schreiten auch die Ideen fort, sie gewinnen an Wirklichkeit, je mehr wir uns mit ihnen beschaeftigen.

Es gibt keine natuerliche Existenz des Menschen unabhaengig von seiner gesellschaftlichen. Gesellschaftlich ist das Unbewusste und gesellschaftlich ist auch die Naturwissenschaft. Dennoch sind Individuum und Gesellschaft voneinander geschieden, ein gluecklicher Umstand, welcher der menschlichen Freiheit zugrundeliegt, und mit dieser Vorgabe ist der Mensch zugleich und dennoch in der Lage, als Individuum individualistisch zu handeln (schliesslich ist er keine Biene oder Ameise), und die einen entfernen sich mehr, die anderen weniger aus dem Schoss ihrer Sozietaet, die meisten weniger, und die sich weiter entfernen, halten dabei ein geschicktes Auge, sich nicht allzu selbststaendig zu machen, damit man sie nicht fuer verrueckt erklaert, nur eben so selbststaendig, um a) nach neuen Wegen und Erkenntnissen und Horizonten zu suchen oder b) wenigstens den Eindruck desselben zu vermitteln.

Zeit und Bewegung

Die menschliche Arbeit findet in der Zeit statt und ist eine Bewegung. So ist auch ein physikalisches Experiment Arbeit und Bewegung, und die Strukturen nach denen es sucht, sind zwar die stabilen Strukturen der stabilen Welt, aber sie sucht sie aus der Bewegung heraus zu verstehen, indem man etwa die eine Substanz mit der anderen mischt oder gar bombardiert.  

Experimente studieren die Welt entlang ihrer Stabilitaet und Gleichgewichtszustaende, indem sie kleine Abweichungen von diesen provozieren. Dabei ist diese Stabilitaet nur eine Scheinbare, wie die aller wahrgenommenen Wirklichkeit, beruht auf hunderten von Mikro-Prozessen, die in uns und um uns herum sich abspielen, ohne dass wir besondere Notiz davon naehmen. Es ist allerdings nachgerade eine Konstruktion unserer biologischen oder sozialen Natur, dass wir, besonders wenn wir gesund und jung sind, ueber die tollsten Veraenderungen in unserer Umgebung hinwegsehen koennen, und so dem physikalischen Stetigkeitsplateau, welchem wir unsere Existenz verdanken, gewissermassen entgegenkommen.

(Erkenntnis)theorie und Experiment

Der Gedanke ordnet das Vorgehen waehrend eines physikalischen Experimentes, indem er bestimmte Segmente der Materie, etwas eine Sonde oder ein Strahlrohr, gegenueber anderen Segmenten hervorhebt in einer Weise, welche ueber das normale Erkennen eines Gegenstandes als Teil des Raumes hinausgeht, indem er es naemlich zum Objekt seiner Arbeit macht.

Zugleich bildet er Modelle und Hypothesen. Dabei kondensieren die Erscheinungen zu geistigen Entitaeten, wie Ladung, Spin usw, deren Vorhandensein sich momentan nicht weiter aufklaeren laesst. Der Physiker sucht nach Zusammenhaengen zwischen den Erscheinungen und Entitaeten, und benutzt die Prinzipien der Logik, um seine Modelle zu bestaetigen. (Z.B., wenn er die Zusammenhaenge A==>B und B==>C gemessen-erkannt hat, versucht er, A==>C durch Nachmessen zu verifizieren.)

Wie ein Kunstwerk erst durch seinen Betrachter zur Kunst wird, weil sonst ist es nur tote Materie, wird auch ein Experiment (und jedes zielgerichtete menschliche Handeln, selbst wenn es sein Ziel verfehlt) nur durch den (in seiner Zeit lebenden) Physiker zum Experiment. Wie die Kunst, ist seine Interpretation zunaechst subjektiv; objektiv zum einen durch das kollektive Vorgehen (eine oder mehrere Gruppen von Menschen beurteilen das Experiment), zum anderen durch die Existenz einer aeusseren Welt (physikalischen Wahrheit).

Beispiel: Messung einer Laenge
Frage: Ist die Laenge eine Eigenschaft, welche einem Koerper a-priori ist, oder tritt sie erst mit dem Menschen an den Koerper?
Antwort: Die Frage ist falsch gestellt. Gewiss bedarf es des Subjektes, um seine Laenge zu messen. Ohne Subjekt ist die Laenge zwar keine Eigenschaft, sondern eine Eigenschaft gewissermassen im Rohzustand. Roheigenschaften gehoeren nur der Materie zu.

(Weiterhin koennte man argumentieren: da der Wert der Laenge nur durch ein Subjekt bestimmt werden kann, ist es dem Subjekt unmoeglich festzustellen, welches der 'Anteil' der Roh-Laenge an seinem Ergebnis ist. Jedoch waechst das Verstehen mit der Geschichte und dem technischen Fortschritt.)

Der Wert der Laenge, wie auch jeder mathematischen Wahrheit, ist uebrigens unabhaengig davon, ob er gewusst oder erkannt wird, er hat nur, solange er noch nicht gewusst oder erkannt wird, eine andere Qualitaet.

Beispiel: Der Mathematiker M leitet innerhalb eines Axiomensystems einen neuen Satz her. Die Zusammenhaenge, die dieser Satz beschreibt, haben aber bereits vorher bestanden, und zwar wiederum in jener gewissermassen vorgeburtlichen Form des Noch-Nicht Erkanntseins.

Frage: Hat also auch das Axiomensystem bereits existiert, 'bevor' es formuliert wurde? Kann man sich, allgemeiner, vorstellen, dass Begriffe existieren ohne intelligente Wesen, die sie denken?

Antwort: Begriffe nicht. Jedoch, Begriffe sind immer Begriffe von etwas, und diesem Etwas, worauf sie verweisen, kommt eine objektive Existenz zu (in welcher Sphaere auch immer; die Existenz eines Tisches ist sicher von anderer Art als die von Hexen und Zauberern. Auf jeden Fall laesst sich die Frage, welche BEDEUTUNG das eine oder das andere oder ein bestimmtes axiomatisches System fuer den Menschen hat, nur von ihm (dem Menschen) selbst beantworten.).

Bemerkung: Man koennte den Begriff der Existenz einschraenken und Hexen und Zauberer ebenso ausklammern wie widerspruechliche Axiomensysteme und solche, fuer die kein Modell existiert, diese Einschraenkung haette uns aber nicht zu der Frage gefuehrt, ob es die Wahrheit schon 'vor' dem Menschen gibt. Ausserdem gibt es durchaus Welten in der Natur (z.B. die der Quanten), deren Existenz oder Wirklichkeit von anderer Art als die der wahrgenommenen Realitaet, und erst durch Begriffe vermittelt sind.

Rohe Wahrheit

Was waere die Wahrheit ohne den ordnenden Impuls des Gedankens, koennte man fragen. Ein Rohdiamant ohne Schliff, sage ich, und nenne darum die Wahrheit ohne den menschlichen Geist die Rohwahrheit.

Sich zuzeiten auf sie zu konzentrieren, ist gewiss von Vorteil, denn man sollte nicht vergessen, dass jedes experimentelle Ergebnis zuvoerderst im Rahmen einer bereits bestehenden (und meist ziemlich beschraenkten) Theorie zu verstehen getrachtet wird, dass bereits in den Aufbau der Apparatur die Vorurteile von Modellueberlegungen und heuristischen Erfahrungen eingehen, und somit die Apparatur niemals auf das Ganze der Rohwahrheit geht, welches ein so Unvermitteltes ist, dass es im Mikroskopischen (oder unserem Bild davon), wo die direkte Wahrnehmung, an die alle Unvermitteltheit gebunden ist, unmoeglich ist, keine Existenz hat.

Zur Existenz, und sei es auch nur zu einer von der Theorie entliehenen, gelangt man nur ueber die (theoretischen) Eigenschaften der Teilchen, die 'Ladungen'. Der Abstand von Theoriemodellen und Wirklichkeit scheint uns zu zwingen, sie mit einem meta-physikalischen Moment zu belasten. Jedoch, obgleich nur theoretisch definiert, tragen jene Eigenschaften einen objektiven Charakter in demselben Sinn, in welchem der Abstand zwischen unseren Denkmodellen, der mikroskopischen Wirklichkeit und unserer makroskopischer Wahrnehmung derselben objektiv ist (wenn er auch im Lauf der Geschichte abnimmt), und sind auch nur im Sinne dieses Abstandes meta-physikalisch. Ohne seine Objektivitaet liesse sich ein Naturgesetz nur genau fuer die Konstellationen, in denen das Experiment tatsaechlich gefuehrt wurde, gueltig annehmen.

Zugang zum Mikrokosmos haben wir nur ueber makroskopische Experimente, das wurde schon hervorgehoben, aber auch unsere Ideen und Vorstellungen vom Mikrokosmos, allein schon die Idee von Elementarteilchen, sind durch makroskopische Natur- und sogar Gesellschafts-erfahrungen vorgepraegt. Gibt es also Faelle, wo wir alle bildlichen Vorstellungen aufgeben und uns allein auf die Resultate des mathematischen Formalismus verlassen sollten? Ja, die gibt es, doch laufen wir in diesen Faellen in die Gefahr einer rein formalen Theoriebildung.

Gewiss haben ALLE Vorstellungen und Begriffe, auch die mathematischen, ein 'metaphysisches' Moment, insofern sie rein gedankliche Konstruktionen sind, 'hart' sind nur Materie und ihre Rohwahrheit, 'bevor' ueber sie reflektiert ist. Der Begriff der Materie, des Materials gehoert bereits zur Software des Geistes, auch wenn er der Kreuzungspunkt ihrer Eigenschaften ist, die selber Kreuzungspunkte und Essenz aus vielfaeltigen Experimenten sind, und nur Konstrukte, die sich tastend der Wahrheit naehern, sich in neuen Prozessen und Wechselwirkungen bewaehren oder nicht bewaehren, und am Ende das Wesen der Teilchen konstituieren, das gedachte Wesen wohlgemerkt, so wie wir es uns vorstellen.

Von der Differenz

Objektivitaet und Differenz

Die Wirklichkeit der physikalischen Koerper ist unvermittelt und absolut, alles Nichtidentische, Vermittelte (wie bereits die Aussage, die Wirklichkeit der physikalischen Koerper sei unvermittelt und absolut) kommt durch den Betrachter. Fuer ihn ist sie ein Nichts.

Die Objektivitaet des abstrakten Naturgesetzes erscheint durch Arbeit an der Natur. Experimentieren ist eine Sonderform der Arbeit, welche nicht auf die gesellschaftliche, sondern die natuerliche Reproduktion gerichtet ist.

Behandeln tun wir sie zuletzt nach immer den gleichen Prinzipien der Warenwirtschaft. Wir identifizieren Masse mit Energie, Energie mit Waerme, Waerme mit Arbeit usw. (Dabei ist die Aequivalenz von Energie und Materie gewiss keine Gleichheit!)

Zweierlei Essenzen

Die erwaehnte 'Essenz' meint nur das in einer praeparierten Umgebung zahlenmaessig Erfassbare, eben das fuer uns Essentielle, zum Beispiel, dass wir wissen muessen, welche und wieviele Bakterien uns bedrohen werden. An die Essenz des Lebens jedoch (die Essenz an sich) kommen wir mit unseren Modellen und Vorstellungen nicht heran. - Die Differenz zwischen Signifikat(=Natur) und Signifikant(=Modell) weilt fort, wir sind nicht die Herren des Universums - selbst wenn wir das Genom des Bakteriums bis ins Letzte entschluesseln und damit zu manipulieren lernen. 

Man kann die Differenz auch anders beschreiben, naemlich als NON-UNIVERSALITAET DES PRINZIPS: Die Zuordnung eines hoeheren Prinzips zu konkreten Strukturen ist nicht eindeutig. Es gibt manchmal mehrere Modelle, mit denen wir ein Phaenomen verstehen koennen, und es gibt oft auch verschiedene Phaenomene, die zu einem einzigen Modell passen. Dies gilt sowohl fuer gesellschaftliche, natuerliche als auch fuer theoretische Strukturen und hat Konsequenzen fuer den logischen und ideologischen Aufbau dieser Welten, der sich nicht ohne Brueche vollziehen kann. Unser Denken und ganzes Sein sind keine lineare Bewegung, sondern voller Paradigmenwechsel.

Abstraktes Denken bewegt sich zum Nichts; die Non-universalitaet des Prinzips ist die Grenze dieser Bewegung. Je nachdem, welches der moeglichen Prinzipien man hypostasiert, ist der Weg zum Nichts ein anderer, und zuweilen ist er ganz versperrt. Auch das oberste Prinzip ist mehrdeutig, durchdrungen von seinen Alternativen, und daher ein aufgeklaertes Nichts.

Die erste Sprache

Uebrigens hat die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung, zumal die theoretische, interpretierende, mit der Dechiffrierung von Texten viel gemein. Daher lassen sich ihre Methoden, die mangels anderer oft nur formale Kriterien der Wahrheitsfindung sind, z.T. auch dort verwenden. Wie die Natur kann man einen Text vermessen und mittels globaler und lokaler Symmetrien analysieren.

Am Anfang sind die Pixel. Sie werden von der Natur bereitgestellt, um daraus Zeichen zu formen, mit denen Texte erstellt werden koennen. Ein Pixel ist an und fuer sich ein Pixel, dagegen wird das Zeichen erst durch die ihm zugedachte Bedeutung-als-Zeichen zum Zeichen. Hat man es einmal als solches erkannt (als Leser/Archaeologe) oder festgelegt (als Autor/Zeichendesigner), so darf man ihm diese Bedeutung vorlaeufig wieder abstreifen und es nur nach seiner Form untersuchen und klassifizieren.

Ebenso mit den Texten, deren inhaltliche Analyse uns erst spaeter interessieren soll, und die uebrigens apriori eine beliebige Struktur haben koennen. Alles, was aus Zeichen sich zusammensetzt, ist ein Text. Man koennte anstelle von 'Text' auch 'Zeichenstrom' sagen, um klarzustellen, dass im Moment noch keinerlei Bezug auf seinen Sinngehalt genommen wird.

Solche Zeichenstroeme sind zur Verstaendigung notwendig - ganz gleich, ob sie als Tonfolge laut hinausposaunt oder leise gefluestert werden, in Lettern auf Papier gedruckt sind oder in ganz anderer, exotischer Form daherkommen. Durch Diskretisierung und eineindeutige Abbildungen laesst sich jeder Text aber doch auf Papier oder Festplatte bringen. Denn als solcher und abgesehen von gewissen emotionalen Komponenten, die Gespraechen eigen sind und um die wir uns im Moment nicht kuemmern wollen, ist er keine Maschine oder lebendes Objekt, dessen Funktionen unter solchen Transformationen leiden wuerden. Sein Zusammenhang liegt jenseits des Notwendigen und des Moeglichen; er definiert ja beide erst. Gesetzliches kann er vor-sagen, aber nicht erzeugen. Es gibt keine handelnde Sprache; sie zu supponieren waere Idealismus, es gibt nur ein Handeln nach der Sprache. 

Genug davon. Sehen wir uns den allgemeinen Text an. Entweder er ist ganz homogen oder er besteht aus kleineren Einheiten, den "Saetzen" (die alle ein gemeinsames Bauprinzip haben; davon soll gleich die Rede sein). Saetze sind kleine Skripte, sie liegen in der Mitte zwischen dem hinweisenden Ausruf und dem Allumfassenden des Textes; ja tatsaechlich, schon der einzelne Satz nimmt Einwaende vorweg, er wiegt sie ab und rechtfertigt sich durch sich selbst, er vermag die Kruemmung eines Diskurses zumindest anzudeuten und dadurch entsteht der Keim eines Textes. In jeder Passage bilden die Saetze kleine Umgebungen, die ganz fuer sich eigene, separate Zusammenhaenge generieren, sog. "lokale Texte", aus deren Ueberlagerung sich der Gesamttext zusammensetzt. Die Ueberlagerung/Verschraenkung der lokalen Zusammenhaenge ist keine einfache Summierung, sondern ein zusaetzliches nichttriviales Textelement, dessen sich der Autor bedienen kann, um den Gesamttext zu steuern.

Die Art und Weise, wie die lokalen Texte gefuegt sind, definiert ihren 'Zusammenhang'. Dieser, ebenso wie globale Eigenschaften der Wahrheit, der Relevanz usw, ist das ueber die Textstelle hinausweisende Element. Rechenmaschinen, die Texte (und nicht nur Aussagen) lesen und verstehen wollten, muessten ausser dem Bewertungsschema fuer Aussagen (ob eine Aussage logisch oder moralisch wahr ist) mit der Faehigkeit ausgestattet sein, dieses von Textstelle zu Textstelle, dem Zusammenhang folgend, zu modifizieren, ganz wie der Text von Satz zu Satz neue Aspekte und von einer anderen Richtung beleuchtet.

Da ein Text nie die Gesamtheit dessen ausspricht, was er impliziert, legt er vielmehr einen Weg in einer als vorgegeben angenommenen "Mannigfaltigkeit" zurueck, d.h. einer Hyperflaeche in der Menge aller moeglichen Aussagen und ihrer Bewertungen. Auf diesem Weg veraendert er moeglicherweise seine Sichtweisen und Axiome, so dass auch die Bewertungsschemata abgeaendert werden muessen, mit denen er interpretiert werden muss. Ein gegebenes Bewertungsschema ist nur lokal gueltig. "Kompliziert" sind Texte nicht nur im Fall komplizierter Bewertungschemata, sondern vor allem, wenn diese oft wechseln. "Lokal falsch" sind sie, wenn der Uebergang zwischen 2 Bewertungszusammenhaengen widerspruechlich ist. Sie heissen "global falsch", wenn jedes System von Bewertungszusammenhaengen an einer dominaten Menge von Textstellen lokal falsch ist, oder wenn es ein Loch in der Argumentation gibt, d.h. die Bewertungszusammenhaenge kreisen um eine zentrale Textstelle, aber keins von ihnen reicht aus, sie zu ueberdecken.

Ein Satz besteht aus Signifikaten und ihren (behaupteten) Relationen, und - unterhalb der Oberflaeche der Zeichen - Relationen zwischen den entsprechenden Signifikaten. Diese koennen beliebig kompliziert sein; wichtig fuer das "Verstehen" der Texte einer Sprache ist ein bekanntes, festgelegtes Reservoir an Signifikanten und Relationen. "Verstehen" ist dann in erster Linie Widererkennen - plus ein bedachtsamer infinitesimaler Vorstoss in Terra incognita. Selbst bei sprachlichen Neuschoepfungen verfaehrt man nicht anders. Der gegenteilige Versuch, das Verstehen vom Wiedererkennen abzutrennen, wuerde uebers Textliche, ueber jede Sprache hinausgehen.

Die einfachste Form des Satzes ist: durch ein Praedikat f wird einem Subjekt x ein Zustand f(x) zugeordnet.

Komplizierte Praedikate haengen von Ergaenzungen l,m,... ab: f(l,m,...,x). Diese Ergaenzungen koennen die Form von Substantiven y haben, oder es sind Beifuegungen b, die von Substantiven z abhaengen koennen, oder von Saetzen g(....,y), oder auch nicht. Ausserdem kann jedes Subjekt von direkten Attributen i begleitet sein, x_i.

Die allgemeinste Form des Satzes ist also f(x_i,b(y_j),B(g(...,.)),...,z_k)

Der Uebergang von Saetzen zu Texten vollzieht sich nach den obigen Bemerkungen ueber lokale Texte.

Syntax, Semantik und Logik 

Zur "ersten syntaktisch-semantischen Ebene" fasse ich die Menge aller syntaktisch korrekten und semantisch sinnvollen Saetze zusammen. In dieser Menge sind Saetze wie "die Kugel ist rund" und "die Kugel ist nicht rund", "der Mond ist rund", "der Mond ist nicht rund" gleichermassen enthalten. Die beiden ersteren erlauben ein exaktes Urteil auf der Basis idealisierter Begriffsbildungen des Intellekts, die letzteren beziehen sich auf ein reales Objekt und zeugen von der spezifischen Unschaerfe unserer Sprache, deren Ursache sich erst auf der "zweiten semantischen Ebene", der zugleich subjektgelenkten und objektiven Welt der Vorstellungen einsehen laesst.

Welche Muster der alltaeglichen Sprache lassen sich mit unserem Schema erfassen? Handlungsanleitungen, Erinnerungen perse. Wir interessieren uns fuers Logische, das in der Sprache die Stringenz ist, und fuer die Moral, in der Sprache die Emphase.

Die Aussagenlogik ist kein Problem. Sie kennt die Operationen R_op und die Zuordnungen von Wahrheiten R_w zu Signifikaten oder Saetzen A,B...

....R_w(R_op(R_w(A),...),...)...

und gewinnt ihre Stringenz aus den Regeln, die fuer R_op und R_w gelten. Dasselbe gilt sinngemaess fuer andere Formen der Logik, zur Durchfuehrung eines Beweises braucht man im Prinzip nur alle moeglichen A,B... zu durchlaufen.

Bleibt die Moral. Sie ist relativ wie kein anderes System, und doch, wenn sie einmal in der ehrlichen Gesellschaft muendet, ihr wesentlicher Faktor.

Einfuehrung der Begriffe in die Welt

Der kuerzeste Weg, um die Welt zu verstehen, ist folgender: Den Anfang machen ein paar fundamentale Begriffe, die spaeter bei Einfuehrung neuer Begriffe als Oberbegriffe erkannt werden. Diese neuen Begriffe, zunaechst Unterbegriffe, gewinnen den Charakter von Oberbegriffen, sobald weitere Begriffe eingefuehrt werden.

Im praktischen Leben geht die Erkenntnis (und die Begriffsbildung) nicht so hierarchisch vonstatten, meist gelangt man erst auf Umwegen, d.h. weniger effektiv, zu der obigen Struktur. Die Sprache entwickelt sich in der Geschichte dadurch, dass mittels neuer Begriffe neue syntaktisch sinnvolle Saetze in der ersten syntaktisch semantischen Ebene eingefuehrt werden. Von all dem bleibt die Freiheit ungeruehrt. 

Das Unsagbare oder Die Differenz

Es gibt eine offenkundige Differenz zwischen Signifikat und Signifikant. Von dieser soll man nicht schweigen. Noch jeder Positivist, der das Bezeichnete naeher untersucht, ist gezwungen, neue Bezeichner einzufuehren. Damit verringert er zwar die Differenz. Erweisen sich die zwischen den neuen Bezeichnern durch die urspruengliche Einheit gestifteten Beziehungen indessen als falsch, so ist das System der Bezeichnungen neu zu formulieren. In jedem Fall entsteht in der neuen Formulierung eine neue Differenz.

Symbole koennen naemlich nur als Punkte im Wirklichkeitskontinuum definiert werden (denn jede Definition erstreckt sich per se ueber eine bloss endliche Anzahl von Zeichen). Zugleich sollen sie aber Umgebungen der Punkte (d.h. von sich selbst) bezeichnen und sind entsprechend unpraezise. Dies ist der ungeloeste Widerspruch des Positivismus.

Durch Saetze, in denen die Symbole verwendet, beschrieben oder naeher bestimmt werden, lassen sich jene Umgebungen und ihre Unschaerfen zwar einschraenken. Es beduerfte jedoch eines unendlichen Progresses, um das Verhaeltnis zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem eindeutig zu machen. Dieser waere vielleicht durch die Gesamtheit aller Texte gebeben, niemals jedoch durch eine endliche Anzahl.

'Eindeutigkeit' meint hier nicht Deckungsgleichheit, sondern eindeutige Zuordnung im Sinne von Abbildungen; Identitaet von Signifikat und Signifikant ist kein wuenschenswertes oder erreichbares Ziel. Und auch die eindeutige Zuordnung ist nur theoretisch, als unendliche Folge, konstruierbar.

Hier der schematische Versuch, das Unsagbare sagbar zu machen: wir beginnen damit, die Differenz zu bezeichen. x(0) sei das Bezeichnete, xs(0) das Symbol fuer x(0). x(1) sei die Differenz zwischen beiden und xs(1) das Symbol fuer x(1). Setzen wir diesen Prozess fort, so entsteht die Differenz zwischen dem Bezeichneten und der Summe der Bezeichnungen fuer alle Differenzen.

Wenn diese letzte sprachlich konstruierbare Differenz null waere, d.h. das Objekt x(0) genau getroffen, so waeren in einem erweiterten Sinn die Traeume des Potitivismus von einer ganz sagbaren Welt erfuellt, und Wittgensteins Andeutung ueber die Existenz des Nichtsagbaren (wovon man ihmzufolge schweigen soll) im doppelten Sinne hinfaellig.

Doch fraglos gibt es Objekte, die sich der obigen analytischen Konstruktion widersetzen. Man ist besser beraten, diese nicht als Reihe, sondern aus sich selbst heraus zu behandeln, in Texten, in denen nicht bezeichnet oder zergliedert, sondern beschrieben und komponiert wird.

Handelt es sich bei den widerborstigen Signifikanten um Gegenstaende des Denkens, etwa um der Natur oder der Gesellschaft abstrahierte Regeln, so laesst sich mit ihnen dennoch in der gewoehnlichen Sprache umgehen, vorausgesetzt man fuehrt nichtanalytische Elemente in die Sprache ein, die jenen Regeln (z.B. der Dialektik) eigen sind.

Zusammengefasst entspringt die Differenz von Wort und Ding einem Dualismus von Sprache und Naturwelt, der in Manchem ein Gegensatz ist. Dabei konnten wir von einer den Menschen gemeinsamen Sprache ausgehen, da wir summarisch die Aehnlichkeit ihrer Gehirne vorausgesetzt haben. Man kann aber durchaus die Meinung vertreten, das eigentliche, zur Wahrheit treibende Ingredienz, das Salz des Daseins seien nicht die Sprachburgen der Lehrbuecher, der kanonischen Scholastik, sondern die verborgenen singulaeren wiewohl mitunter armseligen Eingebungen und Ideen des Individuums. Ohne sie sei im Uebrigen keine Freiheit denkbar. So wird man zu einer tripolaren Welt gefuehrt, gebildet von Sprache(Gesellschaft), Dingen(Natur) und Denken(Individuum). Dass auch gedankliche und sprachliche Objekte Gegenstand eines Gedankens oder Satzes sein koennen, aendert wenig an dieser grundsaetzlichen Dreiteilung, denn wie frueher dargegelegt existieren sie in einer objektiven Geisteswelt, die unserer Analyse noch besser zugaenglich ist als der aeussere Kosmos.

Die Scheidung von Individuum und Gesellschaft ist ein gluecklicher Umstand, der der menschlichen Freiheit zugrundeliegt, und zugleich ein bedauerlicher Umstand, da er es unserem Gegenueber erlaubt, abtraegliche oder gar boesartige Meinungen und Plaene vor uns zu verbergen. Davon abgesehen existiert selbst bei einer ohne Falsch vorgebrachten Formulierung eine Differenz zu dem Gedanken, welcher ihr zugrundeliegt, und diese ist von der frueher betrachteten Differenz zwischen den Objekten("Datdingansich") und ihren Bezeichnern zu unterscheiden, obwohl manches, was ueber jene gesagt wurde, auch auf sie zutrifft. Ihr Vorhandensein ist einfach die Konsequenz der besagten Dreipoligkeit, so dass es neben der Differenz von Satz und Objekt D(S-O) auch die von Satz und Gedanken D(S-G) und sogar noch eine dritte Differenz D(O-G) zu geben hat, welche sich aus den beiden Anderen rekonstruieren laesst.

Zwischen Sprache und Denken gibt es keine eindeutige Zuordnung und schon gar keine Identitaet, fuer ihre Uebertragung ineinander keine universellen oder gar ewig bindende Regeln. Uns allen ist es schon einmal passiert, dass wir fuer eine komplizierte Idee die rechten Worte erst nach einiger Anstrengung finden, und am Ende, wenn sie ausgesprochen oder niedergeschrieben sind, feststellen muessen, dass sie einen wichtigen Aspekt gar nicht oder nur halb getroffen haben. Dies nicht, weil unsere sprachlichen Faehigkeiten beschraenkt waeren, sondern weil es in unserem Denken und Fuehlen Aspekte gibt, die prinzipiell nicht mit Sprache ausdrueckbar sind. Wir haben dann zu recht das Gefuehle, den Gedanken mit Hilfe des Wortes betrogen oder vergewaltigt zu haben. Viele Inspirationen haben, in Sprache kondensiert, etwas Hohles, allzu Leichtgewichtiges, verlieren durch die Projektion auf artikulierbare und vor allem endliche Symbolelemente an Dichtigkeit und jenen multidimensionalen Charakter, welcher sie im Hirn potenziell mit dem gesamten Erfahrungsschatz des Individuums und vielen vorbewussten Wahrheiten verknuepft. In diesem Zusammenhang sei an die Intelligenz von Affen erinnert, die noch viel weiter von einer eins-zu-eins Beziehung zwischen dem, was sie denken und dem was sie mit Sprache ausdruecken koennen, entfernt sind.

Manch Einer nennt sich trefflicher wortgewaltiger Schriftsteller, ist stolz darauf, 50 Seiten Text an einem Tag "herunterzurotzen" (Boell) und verachtet mit Th.Mann diejenigen, welche lange darueber nachdenken muessen, bis sie eine Idee halbwegs befriedigend zu Papier gebracht haben. Dabei ist es nicht immer ausgemacht, ob wir ihn fuer seine sprachliche Spontaneitaet und handwerkliches Geschick bewundern oder wegen seiner geschwaetzigen, flachen, die Sprache parallelisierenden Gedankenwelt bedauern sollen. Wem es aber gelingt, die Differenz D(S-G) in seinen Saetzen wenigstens anklingen zu lassen, ohne doch jemals den vollen Reichtum und alle Facetten des in seinem Bewusstsein fliessenden Gedanken ganz darstellen zu koennen, der ist schon ein guter Autor.

Ebenso alltaeglich ist gewiss der umgekehrte Fall, und auch er gehoert zu D(S-G), dass die sprachliche Uebersetzung von hoeherer Praezision und Beweiskraft ist als der urspruengliche Gedanke, indem an ihr nicht selten laenger und intensiver als an ihm gearbeitet wird. Denn der ausgesprochene Satz ist fuer sich nichts. Er pflanzt sich durch die Luftathmosphaere fort und erreicht ein Ohr. Dahinter wird er in eine Idee zurueckverwandelt, auf der Grundlage des oeffentlichen Wissens und allgemein gueltiger Sprachregeln, und erhaelt dort als Gedanke durch Verknuepfung mit der gesamten Bewusstheit des Empfaengers wiederum eine multidimensionale Ergaenzung D(S-G), die aber verschieden ist von derjenigen im Kopf des Senders und um so verschiedener, je verschiedener die Charaktere und je nachlaessiger er ausgesprochen wurde (wobei eine gewisse Unbestimmtheit die Erkenntnis durchaus vorantreiben kann). So ist die Trennung von Satz und Gedanken eine unvermeidbar schwaerende Wunde, die verhindert, dass wir einander jemals ganz verstehen koennen, intellektuell und emotional eins miteinander werden, wie es sich Utopier und Liebende aller Zeiten gewuenscht haben.

Gott hat uns in die Welt geworfen

Zunaechst hat er ein System geschaffen, zur Moeglichkeit; und daraus hat sich die Tatsaechlichkeit des Lebens auf dem Planeten entwickelt, die Summe aller genetischen Codes.

Um in den Weiten des Universums noch ganz andere Lebenswelten entstehen zulassen, die sich nicht gegenseitig stoeren sollen, hat er uns genau diese Erde in diesem Sonnensystem in dieser Galaxis geschenkt - und nicht mehr. Die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit ist ihm probates Mittel dazu; sie verhindert, dass irgendjemand Macht ueber weit entfernte Planeten gewinnt.

Nun wogt die Biomasse auf der Erde hin und her, sie nimmt vielfaeltige Erscheinungsformen an (die sich in ihrer Essenz kaum unterscheiden) und experimentiert auf der Suche nach einem stabilen, effektiven(?) und idealen(?) Zustand.

Die Subjekte leiden an der an sich notwendigen Verkapselung jenes Geheimnisses. In lichten Momenten erscheint ihnen ihre Existenz, die sich notwendig zuletzt dem Tode ergibt, bestenfalls sinnlos, schlimmstenfalls pathologisch. Sie erkennen dann, dass ihre Freiheit wesentlich eingeschraenkt ist ... alle weitere Wahrheit liegt im Nebel. 

Der Verstand des Homo Erectus entwickelte sich nicht nach den Gesetzen der Logik (und folgt diesen auch nicht), sondern nach denen der Arterhaltung. Ueberspitzt formuliert: wenn es fuer die Ausbreitung und Vermehrung des Menschen vorteilhaft gewesen waere, dass zwei plus zwei fuenf ist, so waere 2+2=5 und niemand wuerde daran Anstoss nehmen.

Zum Ueberleben mussten unsere Vorfahren auf gewisse Notsituationen logisch und folgerichtig reagieren. Im uebrigen wurden Existenz und Fortpflanzung durch ganz andere Eigenschaften des Ich gewaehrleistet: uebergrosse Vorsicht und Unterwuerfigkeit, Aufschneidertum, Dampfplauderei, freundschaftliches Herumschwadronieren und andere Formen der sozialen Fellpflege, alles Reflexe, die die Klarheit des Intellekts trueben. Hinzu kommt die Eigenliebe, unabdingbar fuers Ueberleben, aber ein spitzer Stolperstein auf dem Weg der Erkenntnis.

Sohin ist es gekommen: Gedanken sind seltsame, irrlichternde Schemen hinter unserer Stirn. Manchmal scheint es, als koennten sie Merkmale oder Erinnerungen praezise erfassen und interpretieren. Dann wieder liegen sie in einem geheimen Nebel, oder verteilen sich wie ein Schuss Milch im Wasser. Wenn ich beispielsweise an die Form eines bestimmten Schuhes denke, sehe ich kein genaues Bild des Schuhes vor mir, sondern dasjenige, was mir als besonders charakteristisch aufgefallen ist, tritt hervor, waehrend die Summe alles Anderen, die doch das Eigentliche ist, im Dunkeln bleibt. Wie koennen wir unter solchen Umstaenden je hoffen zu VERSTEHEN?

Von all unseren Erinnerungen bleiben nur Rudimente, gewissermassen der Appeal. Zuweilen in einer stillen Minute durchzucken sie uns, und wir sehen wieder die Sonne scheinen, wie damals, und so, wie sie seitdem nie mehr geschienen hat. Wir sehen eine Strasse im Fruehling, mit bluehenden Baeumen, den Schulweg. Oder wir sehen einfach irgendeine banale Szene vor uns, wir schmecken etwas, was uns an frueher erinnert und was wir schon lange vermissen. 

Es ist gar nicht noetig, und auch gar nicht moeglich, die Welt richtig oder gar vollstaendig zu erkennen, zu verstehen oder zu erinnern. Um sie in ihrer Totalitaet zu begreifen, sind unsere geistigen Gaben zu beschraenkt, unsere Wahrnehmungen zu lueckenhaft, Fragmente. Und ausserdem sind sie kodiert. Die Wahrheit ueber den genetischen Code und ueber die Materie ganz allgemein kann man nur indirekt erfahren. Es ist so aehnlich wie mit unseren Koerperfunktionen, die wir ganz anders wahrnehmen als sie real vonstatten gehen.

Fuer das wissenschaftliche Denken hat dies alles die wichtige Konsequenz, dass der menschliche Geist schwierige Zusammenhaenge und Axiomensysteme oftmals gar nicht und niemals zur Gaenze verstehen kann. Bestenfalls behilft er sich, sie in viele kleine Puzzles zu zerlegen, die er sukzessive zu loesen versucht. Meist nimmt er sie einfach als gegeben hin, oder er geht mit klugen Kruecken darueber hinweg.
 


Fussnoten 

1. Zwei Vorschlaege fuer Zeichensysteme:

Auf Bildschirmen sind die Zeichen des lateinischen Alphabets am effektivsten mit Hilfe des folgenden 'Fenster'-Rasters darzustellen

Dadurch ergeben sich Buchstaben A,B,C... und auch Zahlen 1,2,3... wie folgt:

Es ist unmittelbar einsichtig, dass sich in diesem Schema noch viele andere Zeichen generieren lassen, ueber das bekannte Alphabet hinaus, da laengst nicht alle Kombinationen ausgeschoepft wurden. Es liesse sich also ein viel groesseres Alphabet entwerfen, fuer eine reichere Schriftsprache.

Umgekehrt koennte man auf der Basis eines einfachen Vierecks (ohne 'Fenstersprossen') ein kleineres Alphabet als das lateinische darstellen:

Hier stehen insgesamt 11 Symbole fuer Buchstaben und Zahlen zur Verfuegung. Das erste und das dritte Zeichen bieten sich fuer die 0 und die 1 des binaeren Zahlsystems an. 

2. In der Informatik

In der Informatik wird der Informationsgehalt von Zeichenfolgen/Texten, die zuletzt (d.h. nach der Transformation) reine Bitfolgen sind, ohne Bezug auf ihren Sinngehalt als Laenge der Bitfolge gemessen. Ein bisschen euphemistisch ist es schon, so etwas "Informationsgehalt" zu nennen, da sich der tatsaechliche Inhalt/Bedeutung auf verschiedene Weisen und mit unterschiedlich langen Bitfolgen ausdruecken laesst. Wie weit man kommt, wenn man von Sinn und Inhalt abstrahiert, ist seit Erfindung des Geldes bekannt.  

3. Russell:

Bertrand Russell (1872-1970) schrieb 1941 ueber seinen vergeblichen Versuch, das Euklidische Ideal einer elementaren und unmittelbar einsichtigen Grundlage der Mathematik mit Hilfe der Logik und der Mengenlehre zu retten: "Ich wollte Gewissheit in der Weise, in der die Menschen Religion wollen. Ich glaubte, daß Gewissheit in der Mathematik eher zu finden ist als anderswo. Doch ich entdeckte, daß viele mathematische Beweisfuehrungen, welche meine Lehrer mir beibringen wollten, voller Trugschluesse waren und dass, falls Gewissheit in der Mathematik ueberhaupt zu entdecken war, dies in einem neuen mathematischen Gebiet mit solideren Grundlagen sein muesste als diejenigen, die man bisher fuer sicher gehalten hatte.

Doch als die Arbeit fortschritt, wurde ich immer wieder an die Fabel vom Elefanten und der Schildkroete erinnert. Nachdem ich einen Elefanten konstruiert hatte, auf dem die mathematische Welt ruhen konnte, begann der Elefant ploetzlich zu schwanken, und ich machte mich daran, eine Schildkroete zu konstruieren, um den Elefanten aufrecht zu halten. Doch die Schildkroete hatte keinen besseren Stand als der Elefant, und nach ungefaehr zwanzig Jahren harter, zaeher Arbeit kam ich zu dem Schluss, dass ich nichts mehr tun konnte, um die mathematische Erkenntnis gewiss zu machen." Die Widersprueche der Mengenlehre konnten nur durch ein aufwendiges logisches System vermieden werden. Ein Beispiel fuer solch einen Widerspruch ist uebrigens die sogenannte Russellsche Antinomie, populaer geworden in der Form des Barbiers von Sevilla, der alle rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Rasiert er sich selbst, dann darf er sich nicht rasieren. Rasiert er sich nicht selbst, dann muss er sich rasieren.

Hier zeigt sich, dass allzu grosse Genauigkeit nicht zur Erhellung, sondern zu nur semantischen Problemen fuehrt. Denn der Barbier von Sevilla oder der luegnerische Kreter sind zuletzt nicht viel mehr als eine gewoehnliche contradictio in adjecto. 

4.Was ist fundamental?

Die heutige Welt ist so angefuellt mit menschlichen Taten und Ideen, dass das reine Kopieren derselben fuer einen scheinbar dynamischen Fortschritt voellig ausreicht. Architektonische Entwuerfe z.B. werden in unendlichen Variationen von einigen altbekannten Grundthemen gezogen, dasselbe gilt fuer die Neuerungen in der Elektronik.

Mit den Theorien und Modellen der Wissenschaften verhaelt es sich aehnlich. Nur ganz in der Tiefe, des Gedankens, der Menschlichkeit und der physikalischen Experimente koennte man neue Qualitaeten erhoffen. Doch solche Versuche sind aufwendig und meist frustrierend.

Wie schwierig es ist, wirklich fundamentale wissenschaftliche oder kuenstlerische Arbeit zu leisten, zeigt die Geschichte:

Die altgriechischen Materialisten etwa, die es besonders einfach haetten haben koennen, weil sie ganz am Anfang standen = schlecht abstrakt.

QCD, Einsteinsche Gravitationstheorie, etc, vom Weinberg-Salam Modell gar nicht zu reden = alles effektive Theorien, deren Kopplungskonstanten mit grosser Wahrscheinlichkeit gar keine fundamentalen Parameter sind. Damit verlieren ebenso die Fortschritte der Chemie und schon gar Biologie an Gewicht, sind hoechstens im humanozentrischen Weltbild von Bedeutung. Was besagt es denn schon, dass und inwieweit sich die Gene des Lebens auf der Erde allesamt ziemlich gleichen? Doch nur, dass sich auf diesem einen Planten Terra im wesentlichen ein einziger Bauplan durchgesetzt hat. So what? Das Universum ist gross und hat Platz fuer viele Wahrheiten.

Es gibt 3 fundamentale physikalische Groessen, die unabhaengig von den Erscheinungsformen der Wechselwirkungen sind, das Wirkungsquantum h=4.13 10**(-15) eV s, die Lichtgeschwindigkeit c=2.998 10**10 cm/s und die Boltzmannsche Konstante k=8.62 10**(-5) eV/Grad; doch moeglicherweise wuerden uns bei tieferer Einsicht selbst diese Groessen, allesamt erst in den letzten 150 Jahren eingefuehrt, abgeleitet erscheinen, als blosse phaenomenologische Konsequenz viel fundamentalerer Zusammenhaenge. ... und vielleicht sind sie gar keine Konstanten, sondern zeitlich oder sonstwie variabel.

Soviel zur Naturwissenschaft. Kunst und Literatur sind noch staerker an ihre Zeit/Epoche gebunden und oftmals um so wahrhaftiger, je authentischer sie sind, d.h. je naeher am Spezifischen der sozialen Verhaeltnisse. Fuer sie ist jetzt die Ewigkeit ... und ueber diesen Zenit werden sie niemals hinauskommen. Es gibt keine Theorie der Aesthetik.

Philosophie, Logik, Erkenntnistheorie, Mathematik = viel Tautologie, Arbeit mit leeren Mengen, bedeutsam nur, soweit imaginaere Konstruktionen ueberhaupt bedeutsam sein koennen. Ist die Definition von i oder Wurzel2 bedeutsam? Ist die Form unseres Verstandes fuer irgend jemanden bedeutsam ausser fuer uns selbst?

... und doch, allem Zweifel zum Trotz, obwohl wir in eine voellig irrationale Existenz eingebettet sind (durch die Welt und durch uns selbst) - es ist ein Koernchen Wahrheit, ein Keim, in all unserem Erkennen ... 

5. Auf Tloen

In der Sprache von Tloen tritt das Problem der Differenz nicht auf. Dort sind Signifikat und Signifikant identisch, die Signifikate selber werden als ihre Bezeichnungen verwendet (durchaus im positiven Sinne, nicht wie das Blut des Opfers). Sie vermeidet den 'Umweg', Subjekte zuerst zu Objekten herabzustufen, um sie sodann in jenem muehevollen unendlichen Prozess wieder subjekthaften Charakter zurueckgewinnen zu lassen. - Gleichwohl ist eine solche Sprache keineswegs wuenschenswert. 

6. Rationalismus

Ich stelle hier nicht auf den eingeengten Vernunftbegriff des Rationalismus ab, der behauptet, alles und jedes lasse sich der wissenschaftlichen Analyse unterwerfen. - Sicherlich ist das im Prinzip moeglich. Man darf sich nur nicht wundern, dass bei manchen Analyseobjekten nichts Vernuenftiges herauskommt, dass man ihnen durch die wissenschaftliche Betrachtungsweise nicht gerecht wird; siehe die Differenz oder die Beschraenktheit des Verstandes als aus der Arterhaltung geboren. 

7. Die Freiheit

Wenn man die Gesamtheit dieser Begriffe vertritt, braucht man das Licht der Wahrheit nicht zu scheuen. Es mag auf dem Weg zur Freiheit Irrtuemer geben, sie mag von denen desavouiert werden, die sich mit Luegengeweben umgeben, um an der Macht zu bleiben, und von denen denunziert, die an gar nichts glauben, indem sie der Utopie anlasten, was die Menschen falsch machen. Ich aber sage, die Freiheit an sich ist ein wahres Ziel, nur beschraenkt durch unsere Fehlbarkeit. 

8. Ueber Kunst

Ich habe ambivalente und nicht sehr gefestigte Ansichten zur Aesthetik und daher die Kunstform des Dialoges gewaehlt, um sie darzustellen. Man denke sich das Gespraech in einer regnerischen Nacht im Muenchen der 70er Jahre stattfindend. Hier ist es.

9. Das Nichts

Nichts kennt keine Zeit.

Alles ausgedehnte ist kein reines Nichts. Reines Nichts ist nur im inhaltsleeren Punkt.

Ein solches absolutes Nichts scheint es in unserem Universum nicht zu geben. Das normale Vakuum, das allenthalben vorherrscht, 'weiss' zu jeder Zeit und an jedem Ort, von allen Wechselwirkungen und kann daher immer und ueberall (virtuelle) Paare aller Teilchensorten entstehen lassen.

Das Nichts der Materie existiert nur als relativer Zustand der Stille, als Grundzustand, den man nicht wahrnimmt, weil in ihm keine Anregungen sich ruehren.

Das Universum muss also immer zusammen mit seinen Wechselwirkungstermen gedacht werden. Wahrscheinlich ist es nur eines von vielen, die von einer großen Erzeugungsmaschine ausgespuckt werden, mit unterschiedlichen Dimensionen, Strukturen, Wechselwirkungen und Naturkonstanten. In diesem Bild laesst sich das reine absolute Nichts als Gegenpol zur Gesamtheit aller existierenden Kosmologien denken.

Das Nichts des menschlichen Daseins ist der Tod.

EINES:

ob es ganz wahr ist oder falsch, vermag niemand zu sagen; das Eine fuer sich ist auch nur ein Nichts, ein aufgeklaertes Nichts.

DUALITAET:

die Basis der Differenz; fuehrt durch Grenzbildung zum Kontinuum des Mannigfaltigen wie auch zum Einen zurueck.  

DAS LETZTE DING:

Es ist das Eine und nicht das Ding an sich. Auch eine Art Gegenteil des absoluten, reinen Nichts. Nicht klar, ob es ueberhaupt existiert, und die Welt laesst sich aus ihm garantiert nicht ableiten. Der Versuch, sie aus einfachsten rein gedanklichen Strukturen ohne Rekursion auf experimentelle Erfahrungen zu konstruieren, ist gescheitert, das offenbaren viele klaegliche Konstruktionen der Philosophie - aber auch manche in den Naturwissenschaften; denn wo neue Experimente immer teurer werden und nur ein Minimum an neuer Erkenntnis bringen, blueht ein Wildwuchs billiger Spekulationen.

Trotz vieler Symmetrien, die man in den Naturgesetzen gefunden hat, deutet alle bisherige experimentelle Erfahrung auf ueberraschend komplizierte Prinzipien. Das letzte Ding aber hat keine Form und keinen Inhalt, mit ihm kann nicht gearbeitet werden, auch nicht in Gedanken. Es ist ein reines Einziges, niemand kann es retten, nur zum absoluten Nichts hat es eine Beziehung; denn auch das absolute Nichts hat keine Form und keinen Inhalt.

Das letzte Ding ist Substrat, ohne Substanz zu sein, sein Aggregatzustand ist von der fluechtigen Art, strukturlos. Vielleicht ist es der Zustand des Universums 'vor' dem Urknall, aber wahrscheinlich nicht, denn wenigstens Keime des Seins sollten schon vor dem Big Bang angelegt gewesen sein.

Niemals liesse sich etwas aus ihm berechnen, kein Echo kommt von ihm zu uns heraus. Es gibt kein Experiment, keine Handreichung, auf die es reagieren wuerde. Vielleicht ist es die letze Basis unserer Gedanken, wenn uns alles zu ueberrollen droht, aber nicht in dem Sinne, dass etwas auf ihm ruhen koennte, sondern als pure Transzendenz, zu welcher es keinen Zugang gibt.

10. Geld

Geld ist das erste Nichts. Es ist das Gegenteil der Fuelle, auch jener Fuelle, die sich der Mensch erst schafft, ist wie ein schmaler Schlauch, welcher nie durchtrennt werden darf, wenn das System funktionieren soll, und mit allen Mitteln geschuetzt werden muss. Er materialisiert sich, wenn Geldtransporter durch die Stadt fahren.

11. Komplexitaet und Einfachheit

Es gibt ein Theorem, wonach sich jede komplizierte Struktur aus einfachen Elementen aufbauen laesst. Dies folgt jedoch nicht aus einer inneren Eigenschaft der Struktur, sondern allein aus der menschlichen Betrachtungsweise. Ein Korollar ist, dass komplexere Strukturen nur an der Oberflaeche der Dinge zu finden sind, nicht in ihrer Substanz, sie organisieren sich wie die Wellen, die der Wind ueber der See oder einem Aehrenfeld ausloest. Quantitaet schlaegt in Qualitaet um, doch in eine fuer das Wesen der Entitaet unbedeutende Qualitaet.

wichtigstes Problem: suche nach einem aus sich selbst erklaerlichen Schema fuer das Wesen der Dinge

12. Symmetrie

Trotz vieler Symmetrien, die man in den Naturgesetzen findet, deutet alle bisherige Erfahrung auf ziemlich komplizierte Prinzipien. Im Grunde ist das evident; eine Welt ohne Asymmetrien waere keine. In ihr koennte nicht gesagt werden, was ist und - was anders sein muesste.

Wen wundert andererseits, dass im Asymmetrischen ein dynamisch-symmetrisches als wesentliches Moment beharrlich enthalten ist.

Die Gesetze der Natur sind Marginalien, jeder Gedanke, der ueber reinen Triebaffekt hinausgeht, ist Anstrengung. In Tat und Arbeit, welche in die Natur hineingeht, in ihrem doppelten Bruch, in welchem sie auch sein symmetrisches Element einbringt, und nachdem sie ihn zu finden half, verliert er sich dann doch.

Wie die 1 die 0, braucht das Etwas das Nichts (und umgekehrt?) Jedes Etwas wird erst gegen einen Hintergrund aus Nullen. In diesem ist das Universum die einfachste denkbare unsymmetrische Welt. Denn die ganze Vielfalt unserer Wahrnehmungen (und des Seins ueberhaupt) kann als Folge 0001011111010101110... gerastert werden.

So sicher wie die traurigen und gluecklichen Erfahrungen der Menschen mehr als Nullen und Einsen sind, ueberschreitet das Phaenomen den Etwascharakter der Dinge, man kann aber die Entfremdung als Bewegung auf jene digitale Struktur interpretieren.

13. Zeit

Zeit ist Zeitdifferenz.

Die Differenzen Jahr, Tag, sogar Minute kann man vorauszaehlen, eine hundertstel Sekunde dagegen kann keiner denken. Die Sekunde ist unaufhaltsam, die naechste gar keine Frage und doch das grosse Geheimnis.

14. Kausalitaet

Zeit ist zunehmende Entropie, das ist klar. Wie aber entsteht (makroskopische) Kausalitaet? Viele verschiedene Mikrozustaende erscheinen auf der Makroebene als identisch, sind es auch, da mit Makro-methoden prinzipiell nicht zu unterscheiden. Ein Makrozustand ist mit einer Menge von Mikrozustaenden zu identifizieren, und dadurch kann, wenn wir von einem Makrozustand in den naechsten wechseln, die Reversibilitaet nicht gewaehrleistet sein (weil wir nicht wissen, bei welchem Mikrozustand wir urspruenglich gestartet sind).

Woimmer uns ein groesseres Ensemble identischer Teilchen begegnet, bis auf die atomare Ebene, koennen wir von einem Makrozustand sprechen. Bei der Analyse der Eigenschaften solcher Zustaende werden via Unschaerferelation statistische Mittelungen noetig, welche die Informationen ueber das einzelne Verhalten der einzelnen Partikel unterschlagen und dadurch den kausalen Effekt verursachen. - Kausalitaet betrifft daher in erster Linie den Beobachter, dem einzelnen Teilchen, wenn wir ihm ein Bewusstsein unterstellen, wuerde sie nie auffallen (die Unschaerferelation ist ein Problem auf der Seite des Beobachters).  

15. Objektivitaet

Wir aendern unsere Theorien und Standpunkte und stellen fest, dass die Natur dabei unveraendert bleibt. Das nennen wir ihre Objektivitaet.


Copyright: B. Lampe, 1998

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