Metaphysik und Transzendenz

 

Die Welt ist da; aber wir verstehen sie nicht. Sie liegt vor unseren Füßen; doch wissen wir nicht, wer sie dort hingestellt hat. Wir gestalten sie weit möglichst nach unseren Wünschen, können aber nicht ausschließen, dass es sich bei ihr um eine kollektive Illusion handelt, ein Gaukelspiel, nur dazu gestrickt, unsere Sinne zu verwirren. Im Gegensatz zu Descartes denke ich, dass nichts sicher ist, weil wir nicht sicher sind! Das ist jedoch nicht oder nicht in erster Linie ein Problem der materiellen Wirklichkeit, sondern der Beschränktheit unserer Wahrnehmungs- und Verstandesressourcen.

Die enorme zeitliche und räumliche Ausdehnung des Kosmos, die komplizierten Mechanismen, die auf jeder Ebene der physikalischen Existenz - bei den Himmelskörpern, den Werkstoffen, den Atomen und subatomaren Teilchen - ineinandergreifen müssen, um die gegenwärtige uns so facettenreich erscheinende Wirklichkeit auszubilden: dies alles trägt nicht unbedingt dazu bei, das Vertrauen in eine in sich konsistente und hermetische Welt zu stärken, und begünstigt die häufigen metaphysischen und teilweise irrationalen Anwandlungen des menschlichen Geistes, der bei all dem ihn umgebenden Chaos eigentlich überfordert ist und aber gern doch Licht in das Dunkel seiner Existenz bringen würde oder es sich bei den vielen ihn umgebenden Rätseln einfach nur einfacher machen möchte. Zuweilen wird sogar argumentiert, das Vorhandensein des metaphysichen Denkens stelle nur eine Volte dar, weil es zu schnelleren Entscheidungsfindungen führt als das sorgfältige Abwägen kausaler Zusammenhänge und daher in manchen Situationen, wo es auf Schnelligkeit ankommt, einen biologischen Überlebensvorteil darstellen kann.

Ontologie, Wissenschaft und Erkenntnistheorie häufen beträchtliche Mengen von Einsichten, Wissen und Erfahrung auf, aber sie sagen immer nur, das und das funktioniert so und so oder bestenfalls, es lässt sich auf das und das zurückführen oder für diesen oder jenen Zweck verwenden, ohne aber irgendwann letzte Urgründe zu finden. Die Welt verbirgt sich vor uns, nicht nur, indem sie uns die Einsicht in ihre Grundessenz und ihren Sinn und tieferen Zweck verweigert, sondern auch indem sie in überraschenden Kapriolen immer neue komplizierte Erscheinungen gebiert. Dieses Verstecktsein der Welt, das auch mit unserer eingeschränkten Sinneswahrnehmung und der instrumentellen Art unseres Denkens zu tun hat, ist der Geburtshelfer der Metaphysik. In einer Art Rückkopplung setzt diese wiederum eine spezielle Mentalität voraus, die bereit ist, logische Widersprüche hinzunehmen und aus zufälligen Erfahrungen übernatürliche Gesetze zu machen.

Obwohl uns jede Frage nach dem Sinn des Lebens, jeder Versuch einer Letztbegründung unserer Existenz sofort in die Sphäre des Metaphysischen katapultiert, sind Metaphysik und Transzendenz daher hoch umstrittene Konzepte. Viele neuere Philosophen haben sich, überspitzt formuliert, auf den Standpunkt gestellt, dass die genannte Sinnfrage sinnlos sei und dass man von 'höheren' Mitteln und Zwecken, d.h. solchen, die vom Menschen unabhängig sind und gar die physikalische Welt und auch die Welt der Gesellschaft samt ihres menschlichen Egozentrismus transzendieren, einfach schweigen solle. Sie werden insofern immer im Recht sein, als sich jene niemals analytisch erkennen bzw verifizieren lassen - da der Begriff der Transzendenz geradezu durch diese Eigenschaft definiert ist. Von der profanen, festgefügten und aber auch wenig schöpferischen Perspektive des Rationalismus aus gesehen erscheinen sie zum größten Teil als irrationale, d.h. kausal nicht begründbare und daher gewissermaßen magische Konstruktionen.

Worum es mir geht, sind allerdings nicht diejenigen unbegründeten Rituale des Denkens und Handelns, die gern auch zur Konservierung einer bestehenden Herrschaftsform benutzt werden, sondern dasjenige, was oben Letztbegründung des Seins genannt wurde und von den Positivisten jederlei Coleur als nicht sinnhaft abgelehnt wird. In einer von anthropozentrischem Pragmatismus und der instrumentellen Vernunft inzwischen fast völlig beherrschten Welt werden letzte Begründungen auch anscheinend nicht benötigt. Im Maschinenraum des Denkens spielen sie keine Rolle; was man dort lediglich braucht, sind Verfahrensanleitungen, verkapselte Funktionen, von denen man nur wissen muss, wie sie aufzurufen sind. Die Suche nach Letztbegründungen spielt sich auf einer anderen Ebene ab, und man müsste dazu in das Innere der Funktionen selbst hineinsehen und eingreifen, und befürchtet wohl nicht zu Unrecht, dass dabei allzu viel Unzulängliches, Unergründliches und Widersprüchliches zutage tritt.

Davon soll man sich aber nicht entmutigen lassen. Das System der Natur ist seit dem Abkühlen des Universums unter die MeV Schwelle verlässlich genug, über Äonen stabile Entitäten zu gewährleisten. Zugleich ist es aufgrund seiner Gesetze und seiner Vielteilchenstruktur physikalisch so kompliziert und reichgestaltig, dass es in der Lage ist, weitere fließende Substrukturen auszubilden, die sogenannte biologische Welt, und in dieser wiederum uns Menschen, die diese Kompliziertheit beobachten, verstehen und zu ihrem Vorteil nutzen und teilweise regelrecht lenken können. Wobei dieses Verstehen, wie gesagt, in erster Linie instrumentell ist, in Einklang mit den Notwendigkeiten einer Intelligenz, die sich täglich in Natur und Gesellschaft behaupten muss. Damit weist sie das Defizit auf, Letztbegründungen, die über die reine Funktionsweise des Systems (der Natur oder einer Gesellschaft) hinausgehen, nur schwer oder gar nicht begreifen zu können.

Man ist sehr erfinderisch darin, sich mit künstlichen Eingriffen das Alltagsleben leichter zu machen. Weder vom ontologischen, immanenten, empiristischen noch vom utilitaristischen oder biologistisch-genetischen Standpunkt wird ein anderer Intellekt benötigt. Letzte Fragen geschweige ihre Antworten sind in dieser Art des Denkens nicht vorgesehen, und alle im weitesten Sinne positivistische Philosophen fassen dies nicht einmal als Nachteil auf, sondern wenden es positiv, indem sie solche Fragen als Irrläufer interpretieren, die vom normalen Denken ausgeklammert werden dürfen. Dabei maßt über Sinn und Unsinn zu entscheiden ein Denken sich an, das nicht einmal instrumentell ist. Denn die hoch spezialisierte, instrumentelle Vernunft des Ingenieurs weiß um ihre Beschränktheit auf die Mittel und Zwecke innerhalb ihres Sprengels.

Im Gegenteil soll hier klar gemacht werden, dass es gerade die letzten Fragen sind, die uns zumindest unbewusst inspirieren, die Grenzen der Erkenntnis immer weiter hinaus zu schieben. Weil das so ist und unsere Vorfahren mit dem über die instrumentelle Vernunft hinausgehenden, dabei zugegebenermaßen teilweise inkonsistenten Gedankenbesteck recht erfolgreich operiert haben, hat die zugleich archaische wie transzendierende Metaphysik ihren Platz in unserem Kopf bis dato noch immer verteidigt.

In gewisser Weise enthalten alle Abstraktionen, die wir bilden können, eine - wenn auch simple - metaphysische Komponente, indem sie nämlich den konkreten Fall wie nebenbei immer auch transzendieren. Die wahre Transzendenz kann aber nicht wie bei Hegel oder Heidegger darin bestehen, zu immer abstrakteren Kategorien überzugehen (etwa vom Seienden zum Sein), weil ein solches Vorgehen einer Kritik Kierkegaards folgend zu einer schlecht abstrakten 'Immanenzphilosophie' führen muss, in der das Transzendente unter das Allgemeine subsummiert und letzten Endes ausgelöscht wird. In gewissem Sinne ist dies das intellektuelle Analogon zu einer konformistischen Staatsideologie etwa des deutschen Kaiserreiches oder jener gleichgeschalteten 'Volksrepubliken', zu denen in Osteuropa und Asien der Leninismus geführt hat.

Hier darf man allerdings undogmatisch-linke, kritische Positionen wie die von Sartre, Adorno oder Marcuse ausnehmen, die Hegels Dialektik um den Blick auf das gesellschaftlich Negative und Transzendente erweitert und damit indirekt auch den Begriff des Nichts von seinen tot-abstrakten Fesseln befreit haben. Während Kierkegaards Kritik die von der Wissenschaftlichkeit radikal unterschiedene Ebene des Religiösen und generell des Spirituellen im Blick hat, welche durch den Glauben zugänglich ist und hauptsächlich das einzelne Ich betrifft, haben sich die genannten Neomarxisten dem Einebnen der Widersprüche in einer 'aufgehobenen', scheinbar vollständig versöhnten Welt verweigert.

Auch bei Sartre ist das Transzendente, selbst wo es sich auf die Ebene des Ich-Seins bezieht, weniger religiös als der eigentliche Ausdruck der menschlichen Freiheit. Der Mensch muss die Anderen überwinden, um zu sich selbst zu finden. Problem dabei: diese Art der Selbstfindung ist im Grunde eine unerreichbare Utopie. Das gesellschaftliche Sein des Menschen ist äußerst immanent, und der Mensch nutzt nur selten seine Möglichkeiten zur Überschreitumg. In der übergroßen Mehrzahl der Fälle erfolgt Anpassung ohne nennenswerte Auflehnung, und selbst wer sich auflehnt, resigniert am Ende meist doch in den gesellschaftlichen Konventionen.

Ein Problem mit dem Begriff der Transzendenz besteht darin, dass er von verschiedenen Autoren in verschiedenen Zeitaltern verschieden definiert und verstanden worden ist. Im Mittelalter etwa wurde unter Transzendenz oftmals ein Überschreiten der Ichheit in Richtung auf Gott verstanden. Für Sartre ist Transzendenz ebenfalls ein Überschreiten der Ichheit, jedoch liegt sie in der Fähigkeit des Menschen, unter Verwendung seiner Freiheit eine Situation zu überschreiten, den Lauf der Natur zu verändern, "durch das, was ihm aus dem zu machen gelingt, wozu man ihn gemacht hat." Hier lässt sich eine Verwandtschaft des Existentialismus und seines Freiheitsbegriffes mit der Idee des freien Unternehmertum konstatieren, für das übrigens ein in der Öffentlichkeit so erfolgreicher Intellektueller wie Sartre das beste Beispiel darstellt, und Transzendenz besteht im Ausnutzen der Möglichkeiten, die sich dem unternehmerischen Menschen bieten. Diese Art der Freiheit ist nicht durchweg positiv zu bewerten, denn die mir ihr einhergehenden Privilegien benachteiligen diejenigen, die nicht 'clever' genug sind, solche Chancen zu ergreifen.

Andere Philosophen der Moderne definieren die Differenz zwischen den Begriffen (dem Denken) und den Dingen-an-sich (dem Sein) als 'transzendent', also zwischen den Pointern und dem, auf was sie pointen.

Wieder andere Autoren legen das Utopische als transzendent fest, und als metaphysisch den Glauben an dessen Realisierbarkeit. Dieser psycho-soziale Begriff des Transzendenten beschreibt dann teilweise nur Illusionen, die allein in unseren Köpfen existieren. Hierzu zwei Hinweise: (i) Wenn sie sich genügend verbreiten, können solche Illusionen ganz unabhängig von ihrem Inhalt zu einer Macht werden, die die Realität der Menschen verändert. (ii) Unter gewissen Umständen können auch einzelne Komponenten unerreichbarer Utopien transzendent in dem von mir benutzten Sinn sein, nämlich wenn sich aus ihnen eine aus Pointern errichtbare Brücke zur Realität konstruieren lässt. In diesem Fall können Utopien, wie auch jede andere Form von vagen Ideen und Hypothesen, dazu beitragen, dass Grenzen erkannt, überschritten und nach hinten verschoben werden, sowohl im materiellen als auch im intellektuellen Sinn. Denn es ist klar, dass es für die menschliche Existenz immer Grenzen geben wird, und genau durch dieses Faktum gewinnt der Begriff der Transzendenz Funktion und Bedeutung.

Kantianer nennen diejenige Erkenntnis 'transzendental', die sich nicht nur mit Gegenständen, sondern mit der Art unserer Erkenntnis beschäftigt. Diese Begriff ist unglücklich gewählt, weil er semiotisch bis auf zwei Buchstaben mit dem älteren Begriff des Transzendenten identisch ist, aber etwas sehr anderes bedeutet. Beide leiten sich von transcendere ab, einem lateinischen Verb, welches mit 'überschreiten' übersetzt werden kann, in meiner Philosophie zum Beispiel von Physik und Realität in Richtung auf die Metaphysik.

Zu beachten ist, dass es sich bei der Kantschen Konstruktion auch um den letztlich erfolglosen Versuch handelt, Letztbegründungen mit Hilfe der Erkenntnistheorie zu gewinnen. Dabei wird ignoriert, dass - selbst ohne Metaphysik - die Dinge-an-sich mehr sind als unsere Erkenntnis von ihnen. Kant und die meisten Positivisten weigern sich allerdings, über dieses Mehr, diese Differenz zu sprechen - und auf den ersten Blick tun sie recht daran. Was man sagt, kann man nur in einer Sprache sagen. Sprache aber besteht aus kondensierten, fest gewordenen Gedanken, während die Dinge-an-sich aus Materie bestehen.

Was diese Leute übersehen, ist zweierlei: zum Einen die Vielfalt und Multidimensionalität der Sprache, mit deren Begriffen, Beschreibungen und Erklärungen wir uns an die Dinge-an-sich herantasten und ihnen immer näher kommen, auch wenn wir sie nie vollständig erreichen können. Zum anderen die Vielfalt unseres Denkens und der von ihm ersonnenen Werkzeuge, mit denen wir in die materielle Welt der Dinge-an-sich eingreifen können.

Bereits Hume wusste, dass der Versuch, in einer Erkenntnistheorie letzte Sicherheiten zu finden, scheitern muss. Entscheidend für jede Erkenntnis, ob sie nun eine metaphysische Komponente hat oder nicht, ist nicht, dass sie mit möglichst präzisen Vokabeln irgendwo niedergelegt wird, sondern dass wir uns über den Grad der Unsicherheit klar sind, mit dem sie notwendigerweise behaftet ist.

Diese Unsicherheit lässt sich auf verschiedene Weisen definieren. Man kann die oben genannte notwendige Differenz zwischen Denken und Materie in die Definition mit aufnehmen, oder sie heraushalten, das ist egal. Denn der Grad der Unsicherheit einer Erkenntnis lässt sich nicht in einem absoluten Sinn bestimmen, weil wir vom Absoluten der Dinge-an-sich niemals vollständig wissen können, wohl aber in einem relativen, das heißt relativ zu den Unsicherheiten anderer Erkenntnisse, und auf den kommt es an.

Manche Gegenstände verstecken sich sogar zu ihrem größeren Teil vor uns, siehe das Beispiel der Dunkelmaterie. Andere liegen offen zutage, offenbaren aber bei genauerem Hinsehen viele tiefe Geheimnisse, wie etwa die Objekte der normalen organischen und anorganischen Natur. Immer, wenn der menschliche Geist Vermutungen über neue Phänomene der Materie anstellt, überschreitet er Grenzen, und dies muss als eine Form des Transzendierens angesehen werden. In gelungenen Fällen lässt sich die Unschärfe seiner Vermutungen später anhand der Messergebnisse abschätzen.

Allgemein bezeichne ich als transzendent immer dasjenige Denken, welches den Bereich des beschränkten menschlichen Erkennens aktuell oder generell überschreitet. Der zum Transzendenten komplementäre Begriff ist das Immanente, welches alles in einem Objekt Vorhandene, es nicht Überschreitende und daher ohne Rückgriff auf Transzendentes Erklärbare bezeichnet. Metaphysik nenne ich die Wissenschaft vom Transzendenten.

Dabei ist zu beachten, dass dort, wo von Gegenständen und Objekten die Rede ist, im Gegensatz zur Materie und den Dingen-an-sich, bereits eine im wesentlichen immanente Konstruktion des Denkens vorliegt. Insbesondere darf man unter Transzendenz auch nicht solche gedachten Prinzipien wie das Gute, das Wahre, das Schöne und dergleichen verstehen, weil diese letztlich aus menschlichen Zusammenhängen geboren und vom menschlichen Geiste bestimmt sind. Sie sind diesem immanent, weil er sie destilliert hat und betrachten kann und über sie nachdenkt - und existieren nicht außer ihm. Allerdings können sie durchaus transzendente Komponenten enthalten, insofern sie auf Unerreichtes oder Unerreichbares verweisen.

Gegen den in diesem Werk verwendeten Begriff von Transzendenz ist geltend gemacht worden, dass hier immanent und transzendent als zwei abgegrenzte Bereiche angenommen werden, die gewissermaßen von außen betrachtet und erkannt werden können. Dies setze voraus, dass der Betrachter prinzipiell Zugang zu beiden Bereichen habe, oder wenigstens theoretisch ein Stück weit über die Grenze in das Gebiet des Transzendenten eindringen könne.

Dieses Argument ist allerdings nicht schlüssig, weil auch dann, wenn man nur vage von einem anderen Bereich Kenntnis hat und die Grenze gar nicht genau ziehen kann, weil sie noch im Nebel der Vorerkenntnis liegt, die Existenz eines solchen Bereiches vermutet werden darf.

Es wird dann weiter argumentiert, das Grundproblem jedes Transzendenzkonzeptes bestehe in der Frage, wie die Annahme einer fundamentalen Verschiedenheit der beiden Bereiche mit der Annahme vereinbar sei, dass von einem der Bereiche aus die Existenz des anderen erkannt oder sogar die Grenze überschritten werden könne. Dieses lasse sich eigentlich nur verstehen, wenn abgesehen von der radikalen Verschiedenheit in bestimmter Hinsicht auch eine Einheit der beiden Bereiche supponiert werde - wenn also letztlich keine echte Transzendenz vorliege.

Ganz abgesehen davon, dass hier nicht festgelegt wird, was 'fundamentale Verschiedenheit' einer echten Transzendenz bedeuten soll, ist ein solches Argument mit Vorsicht zu genießen, weil es um das Gesamt aus Immanentem und dem die Grenze Überschreitenden einen umfassenden Rahmen der Erkenntnis ziehen will. In dieser Voraussetzung ist der später abgeleitete Widerspruch ersichtlich bereits enthalten. In Wahrheit ist das Transzendente ein in jeder Richtung offenes Gebiet. Weder ist die Grenze zum Immanenten starr oder schmal oder immer endlich, noch wird das Transzendente vom Immanenten oder irgendeiner anderen Art von Rahmen vollständig umschlossen.

Die argumentative Situation ist ähnlich wie beim Begriff des Nichts, dessen Sinnhaftigkeit gelegentlich mit ähnlichen Argumenten beiseite geschoben wird. So wie es verschiedene Ausprägungen des Nichts gibt (den absolut leeren Raum, einen Grundzustand vor oder nach einer Symmetriebrechung, ein Nichts ohne Raum, den Tod oder die soziale Nichtung eines menschlichen Individuums usw), gibt es auch verschiedene Formen der Transzendenz:

(i) eine naturwissenschaftliche Transzendenz, zu der das jeweils noch nicht Erkannte wie auch das prinzipiell Unerkennbare gehört. Noch nicht erkannt sind beispielsweise Phänomene, deren Aufscheinen in Messungen bisher der Zufall oder mangelnde Messgenauigkeit verhindert hat; prinzipiell unerkennbar sind solche Phänomene, die unterhalb der von Menschen jemals erreichbaren Messgenauigkeit liegen.

(ii) eine gesellschaftliche oder soziale Transzendenz aufgrund der menschlichen Freiheit, welche die genetisch oder kulturell festgelegten Grenzen des Menschen und seiner sozialen Verhältnisse und Strukturen überschreitet. Diese ermöglicht es, in mehr oder weniger erstarrten gesellschaftlichen Systemen real oder gedanklich Mauern einzureißen. Unerreichbare, in sich widersprüchliche Utopien sind hier allerdings nicht gemeint - ebenso wenig wie unter (i) etwa ein elektrisch geladenes Neutrino.

(iii) und schließlich eine ontologische Transzendenz, die das Ich-Sein des Individuums betrifft, oder darüber hinausweist, und zu der etwa die Frage nach dem Sinn des Lebens gehört, des individuellen wie auch des Lebens als Ganzem. Auch ein Teil des unter (i) genannten prinzipiell Unerkennbaren muss als ontologisch klassifiziert werden.

Metaphysik und Transzendenz, wie ich sie definiere, haben also wenig mit dem zu tun, was sich aus menschlichen Einbildungen, Widersprüchen oder Abstraktionen ergibt (wie zum Beispiel schwarze Schimmel oder auch Einhörner), sondern sind jene objektiven Elemente des Daseins, die der Erfahrung (noch) nicht zugänglich sind. Ein charakteristisches Beispiel für ein 'noch nicht' ist die Dunkelmaterie; Beispiele für 'nicht' sind etwa der Aspekt der niemals vollständig erreichbaren Dinge-an-sich, sowie alles, was unsere Denk- und Wahrnehmungsfähigkeiten überschreitet, auch alles, was existiert, aber jenseits des erfahrbaren Kosmos liegt, so das wir nichts von ihm wissen können. Unsere Annahmen über das Universum hinter dem Ereignishorizont gehören dazu, weil wir nie etwas davon wahrnehmen werden, und in gewissem Sinne auch die Welt der Tetronen, weil wir nur als deren Anregungen existieren und sie selbst nur indirekt als gravitative Effekte der geometrischen Raumzeitstruktur wahrnehmen, und auch nur deshalb, weil die Metrik und ihre elastische Struktur auf jede erdenkliche Art von Energie reagiert.

In vielen der genannten Beispiele darf es Ziel und Zweck der sich größtenteils aus dem Affekt der Neugier ergebenden menschlichen Erkenntnis genannt werden, eine zumeist unscharfe und auch zeitabhängige Grenze zwischen Immanentem und Transzendentem zu verschieben. "The physics of today is the background of tomorrow." Hier bezeichnet 'the physics' das auf der Grenze liegende und 'the background' das Immanente. Das bedeutet mit anderen Worten, dass es bei jeder neuen Erkenntnis, auch und gerade der wissenschaftlichen, vorrangig ums Transzendieren geht. Denn indem man die Grenze analysiert, will man sie eigentlich verschieben und in das je Transzendente vorstoßen, das in diesem Sinne das Unbekannte ist, zu dem man hinüberschreiten will. Man beachte aber, gemäß der obigen Liste, dass die wissenschaftlich-physikalische Transzendenz nicht alle Bereiche des Transzendenten abdeckt.

An diesen Darlegungen sieht man deutlich, dass Transzendenz nichts Statisches, scharf Eingegrenztes ist, sondern im Hinblick auf den Entwicklungsstand des Menschen definiert werden muss. Die Grenzen der Immanenz sind durch die jeweiligen menschlichen Fähigkeiten gegeben, diese zu überschreiten. Es ist der menschliche Geist selbst und sein Erkenntniswille, der nach Transzendenz strebt. Allerdings streben nicht alle Menschen in gleichem Maße danach, sondern das richtet sich nach der Natur ihrer Persönlichkeit.

Nicht selten ist das transzendente Denken von einem Willen zur Macht begleitet, ein Relikt aus seinen magischen oder ideologischen Ursprüngen, wo man das eigene metaphysische Dogma dem Anderen aufoktroyieren will, derart dass bei allen, über die Macht ausgeübt werden soll, dieselben inneren Impulse von Einsicht beziehungsweise Erleuchtung ausgelöst werden, zusammen mit einem instinktiven Reflex der Unterwerfung und Anpassung an den überlegenen Geist.

Dieses heiße ich jedoch eine Transzendenz für schlichte Gemüter, es ist kein Aufsteigen darin enthalten, sondern eine Abstiegskategorie. Auch heute noch oft anzutreffen, sogar in Bereichen der Hochkultur, wo es einigen durchsetzungsstarken Intellektuellen gelingen kann, ein voluntaristisches Modell oder Ideengebäude in einer Wissenschafts- oder Kulturcommunity zumindest für die begrenzte Zeit ihres Lebens zum allgemein anerkannten Dogma zu machen, so etwa die Theorie der Superstrings in der Physik. Auch dabei geht es um Macht, die durch die 'Transdendenz' des eigenen Ich in die Köpfe der Anderen entsteht, mit dem Ziel, daraus soziale und materielle Vorteile zu generieren. Selbst noch der aufgeklärte Geist unterwirft sich den kanonischen Erkenntnissen der Wissenschaft, indem er sich etwa die Einsichten eines Kopernikus oder Newton willig zu eigen macht.

Ganz generell geht es bei vielen Weltbildern, die höhere Zwecke supponieren, hauptsächlich um das Ziel, Macht über die Köpfe der Menschen zu gewinnen. Dazu bildet sich meist eine Kaste von 'Priestern', die dafür sorgen, dass das Weltbild / die Ideologie der vorherrschende Mainstream bleibt, und die wie nebenbei eine privilegierte Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Alle Ideensysteme der Menschheit erscheinen aus dieser Perspektive als gesellschaftlich-subjektive Konstruktionen mit nur insoweit objektiver Bedeutung, als eine Mehrheit an sie glaubt, an ihnen festhält und eine Minderheit von dieser gemeinschaftlichen Überzeugung profitiert.

Wir sind damit ungewollt bereits im Bereich des Gesellschaftlichen angekommen, wo es also ebenfalls Mataphysik gibt, nicht nur bei jenen Weltbildern und Utopien, die von der inhaltlichen Seite her eine transzendente Komponente besitzen, sondern auch bei allen sozialen Problemen, die sich aufgrund ihrer inneren Widersprüchlichkeit nur mit dialektischen Verfahren bearbeiten lassen. Ein charakteristisches Beispiel ist hier die sogenannte soziale Frage, die von verschiedenen Interessengruppen höchst unterschiedlich beantwortet wird, und die außerdem einen transzendente Komponente beinhaltet, wenn und sofern sie die Forderung nach vollständiger Gleichheit einschließt, oder den Wunsch nach einer politischen Freiheit, die sich nicht in der Teilnahme an Wahlen für ein Repräsentantenhaus erschöpft, sondern jedem Bürger real das gleiche Mitspracherecht einräumen will.

Metaphysik liegt also nicht nur darin, irgendein allerhöchstes Prinzip aufzufinden, das hinter der physikalischen (Tetron)-Substanz des Kosmos und auch hinter den Gesetzen wirkt, nach denen diese die Phänomene der Natur bestimmen - als Voraussetzung für die komplizierten Strukturen des Lebens und letztlich auch für die Freiheit unserer Gedanken und die Verantwortlichkeit unseres Tuns. Metaphysik liegt auch nicht nur in dem Bestreben, die Grundlagen unseres Denkens zu verstehen und die Antinomien der Logik aufzulösen. Sondern auch gesellschaftspolitische Ziele und Hoffnungen können eine metaphysische Komponente besitzen, im guten wie im schlechten Sinne, sofern sie über die Grenzen der bestehenden Gesellschaftsverträge hinausgehen.

Der Idealismus tendiert oftmals dazu, die Metaphysik in der Welt der Ideen anzusiedeln. Er stellt die Ideen in den Vordergrund und lässt die Materie als Nebensächlichkeit erscheinen. In Wahrheit existieren jedoch die Ideen nur in unseren Köpfen als Reflexion von Eigenschaften und Sinneserfahrungen, die in Dingen-an-sich enthalten oder aus anderen Reflexionen als 'Abstraktion' kondensiert wurden. Daher partizipieren nicht, wie im Idealismus angenommen, die Erfahrungsdinge an den Ideen oder ahmen sie nach, sondern es sind umgekehrt die Ideen, die die Erfahrungen nachahmen.

Wie wir oben gesehen haben, treten metaphysische Aspekte sowohl im Bereich der Ideen als auch der Materie auf, und da Ideen und Materie dort, wo menschliche Gesellschaften exisitieren, praktisch ununterbrochen in Wechselwirkung stehen, bezieht sich die Metaphysik notwendig auf beides. Sie kann für Ideen stehen, die noch keine Entsprechung in der Wirklichkeit gefunden haben, aber auch für das Hinterfragen einer Wirklichkeit, der man Sinn und Bedeutung nicht ansieht.

Das eingangs zitierte darwinistische Erklärungsmodell für die Entstehung des metaphysischen Denkens darf nicht davon ablenken, dass es auch bedeutende faktische Bereiche des Daseins gibt, die der instrumentellen Vernunft nicht ohne weiteres zugänglich sind. Dazu gehört vor allem die Frage nach dem Sinn des natürlichen aber auch unseres individuellen und gesellschaftlichen Seins. Natürliches Sein umfasst nicht nur das Sein des Menschen in der Natur, sondern auch das Existieren der Natur-an-sich, i.e. ohne den Menschen. Ein verbreiteter Standpunkt geht von der Annahme aus, der offensichtliche Daseinssinn des auf der Erde lebenden sozialen Wesens Mensch sei es, für sich selbst aus Gesellschaft und Natur das Optimum herauszuholen, und diejenigen unter uns, die kein Interesse an metaphysischen Fragen haben, werden sich mit dieser Ansicht wohl zufrieden geben.

Als analytische Philosophen oder Sprachlogiker oder auch als Existenzphilosophen werden sie darüber hinaus solche Fragen als sinnlos deklarieren; wohl auch behaupten, Begriffe wie Sinn oder Ziel oder Zweck seien nur für das menschliche Wirken auf der Erde gültig. Alles Denken sei ohnehin subjektiv und von Interessen gesteuert, und ohne das notwendig egoistische Individuum sei offenbar gar keine Erkenntnis möglich. Ja, man solle dieses egoistische Individuum samt seinen Sorgen und Existenzängsten ruhig in das Zentrum der Philosophie stellen und die Möglichkeit objektiver Erkenntnis oder gar einer objektiven Art, Metaphysik zu betreiben, grundsätzlich bestreiten.

Wie bereits oben dargelegt, teile ich diese Ansichten nicht, besonders, weil der menschliche Geist noch lange nicht am Ende der physikalischen Erkenntnisse über den Kosmos angekommen ist und daher noch kein endgültiges Urteil über die Sinnfrage gefällt werden kann. So tiefsinnig Quantenmechanik und Relativitätstheorie vielen Zeitgenossen heute erscheinen mögen, als so rudimentär offenbaren sie sich doch bei näherer Betrachtung. Beide werten im Kern nur elementare Eigenschaften der Wellengleichung aus. Darüber hinaus weiß der Mensch wenig. Er kann das Verhalten der Materie vorhersagen, doch liegt bis heute zum Beispiel die ursprüngliche Natur der vielen beobachteten Elementarteilchen (vom Neutrino bis zum Higgsboson) im Dunkeln. Da wir zu wenig darüber wissen, bleibt eine wenn auch ungewisse Hoffnung, dass wir eines Tages mehr über einen über den Menschen hinausgehenden Sinn und Zweck der Materie im Kosmos erkennen werden.

Es ist zwar richtig, dass die Frage nach einem solchen absoluten Sinn des Lebens - und des materiellen Kosmos überhaupt - momentan nicht beantwortet werden kann und dass nicht einmal zu entscheiden ist, ob es einen solchen Sinn überhaupt geben kann. Darüberhinaus werden diejenigen, die den Begriff eines Sinnes nur im Hinblick auf menschliche Konstruktionen und Zwecke definieren, niemals zugestehen, dass es Sinn auch außerhalb von menschlichen (Gesellschafts)-Systemen gibt.

Das aber wäre eine allzu eingeschränkte Sicht auf den Sinnbegriff. Ein Beispiel: seit Darwin wissen wir, dass sich der Bereich der biologischen Natur, der kein von Menschen eingerichtetes System darstellt, seine eigene Sinnhaftigkeit definiert, die auf den Zweck der Arterhaltung gerichtet ist. Diesem 'Sinn des (biologischen) Lebens' ist es ganz gleichgültig, ob er von einem menschlichen Verstand als solcher erkannt wird oder nicht.

In ähnlicher Weise lässt sich nicht auschließen, dass auch das Universum und seine Entwicklung einen Sinn-an-sich haben, indem sie einem Zweck dienen, der sich uns bisher nicht erschlossen hat. Es ist durchaus denkbar, dass mit dem Fortschritt der Wissenschaft die Sinnhaftigkeit des Universums eines Tages offenbar wird, so wie Darwin die Sinnhaftigkeit der biologischen Natur bewusst geworden ist. Dass dahinter immerzu weitere Fragen offen bleiben, ist genauso gut möglich und verweist gleichermaßen auf die Natur unseres Verstandes wie auf die innere Dialektik des Problems.