Subjekt und Determination, Notwendigkeit und Freiheit

 

Während im letzten Kapitel die kausal-deterministischen Eigenschaften unseres Universums ausführlich beleuchtet wurden, soll es im folgenden um die stochastisch-zufälligen gehen und um die Frage, inwieweit diese Voraussetzung für unsere Freiheit sein können. Um die Antwort vorwegzunehmen, sei gesagt, dass nichts dagegen spricht, dass sich die menschliche Freiheit nur aus unserer fehlenden Erkenntnis des kosmischen Gesamtzustandes ergibt, dass sie also vulgo nur eingebildet ist, eine subjektiv-kollektive Illusion unserer Bewusstseine, welche auf dem Eindruck der Zufälligkeit des Weltenlaufs beruht. Das heißt, von der materiellen Seite betrachtet, diese Freiheit ist genau in dem Maße determiniert, in dem es stochastische Systeme sind, und daher sind wir in genau dem Maße frei, in dem wir Teil einer zufälligen Welt sind.

Um diese paradox klingenden Aussagen zusammenzuführen, werden weitergehende Charakteristika der Freiheit wie besonders das hervorstechende Merkmal ihrer Negativität herzuleiten sein. Dabei ist zu ergründen, inwieweit unsere vorgebliche Freiheit durch die offenkundige weitgehende Vorbestimmtheit der Welt begrenzt ist und aber der Rahmen, welcher die (a) vollständige oder (b) teilweise Determiniertheit definiert, erst eigentlich den Boden bildet, auf dem sich die Freiheit entfalten kann.

a) Wenn alles vollständig durch Gesetze determiniert ist, kann es natürlich keine wirkliche, d.h. absolut zu sehende Freiheit geben, weil wir ja unweigerlich vom einen zeitlichen Zustand des Kosmos zum anderen laufen und auch alle Zwischenzustände vollständig determiniert sind. Unsere Willensfreiheit besteht dann aus lauter Einbildungen, die zeitlichen Entwicklungszuständen unserer Gehirneiweiße entsprechen und eigentlich nur real deterministische Weltkonditionen reflektieren. Allein, weil ich prinzipiell nicht in der Lage bin, genau zu erkennen, wer ich bin, darf ich mir die Freiheit nehmen, zu entscheiden, wer ich sein will.

b) Die entgegengesetzte Position besteht darin, zu behaupten, dass die menschliche Freiheit durchaus existiert und in unserem Kosmos auch existieren kann. Zur Begründung verweist man hier auf den statistischen Charakter der Welt, die sich aus beinahe unendlich vielen Teilchen zusammensetzt. Die sich daraus ergebenden Zufälligkeiten und Unwägbarkeiten des Lebens bilden die Basis unserer Chancen und Möglichkeiten in der Welt, während die sozialen Regeln, welche die Freiheit begrenzen, über ihre Ausgestaltung entscheiden.

Denn bei der Freiheit geht es auch und besonders um die Überschreitung von Normen - wenn auch zumeist innerhalb des bestehenden Sozialgefüges - und um jenen Kodex, welcher die Reaktion der Restgesellschaft auf solche Überschreitungen definiert.

Bevor wir zu einem Urteil über die beiden Positionen kommen, sollen einige Einsichten der Systemtheorie bezüglich deterministischer Systeme rekapituliert werden. Obwohl die Konzepte der Systemtheorie für die Philosophie als einer system-transzendierenden Wissenschaft insgesamt abzulehnen sind, lassen sie sich zuweilen benutzen, um sich einen groben Überblick über ein gegebenes Problem zu verschaffen und mögliche Abweichungen von ihren allzu vereinfachenden Konzepten zu analysieren.

In der Systemtheorie wird die KOMPLEXITÄT eines Systems durch die Anzahl seiner Elemente sowie die Anzahl und die Art ihrer Beziehungen bestimmt. Dabei unterscheidet man strukturelle Komplexität (beschrieben durch den Quotienten aus Anzahl der Relationen und Elemente) und zeitliche Komplexität (die Anzahl der möglichen Zustände, die das System in einer Zeitspanne annehmen kann). Die Komplexität eines Systems hängt zum Beispiel von der Definition der Systemgrenzen, von der Zahl der als relevant erachteten Elemente und von den als relevant betrachteten Interdependenzen ab.

Die DETERMINIERTHEIT eines Systems ist der Grad seiner 'Vorbestimmtheit' bezüglich eines Überganges von einem gegebenen Zustand Z(t1) in einen Zustand Z(t2). Bei deterministischen Systemen ist die Wahrscheinlichkeit dafür entweder 0 oder 1 (und außerdem kann der Beobachter dies erkennen!), während sie bei stochastischen irgendwo dazwischen liegt. Das bedeutet, bei einem stochastischen System ergibt sich aus dem momentanen Zustand nur eine Wahrscheinlichkeitsverteilung für die darauf folgenden Zustände.

Die folgende Bemerkung ist für den hier zu entwickelnden Freiheitsbegriff von entscheidender Bedeutung: In den meisten Fällen sind als stochastisch anzusehende Systeme nur die Folge von Unsicherheiten, die mit dem mangelnden Wissen des Betrachters und seinen beschränkten Messgenauigkeiten zusammenhängen. Diese Unsicherheiten lassen sich reduzieren, aber durch menschliche Anstrengungen niemals vollständig beseitigen. Daher besteht für den Betrachter grundsätzlich gar keine Möglichkeit, das System deterministisch zu beschreiben, und dies macht den Übergang zu einer stochastischen Beschreibung erforderlich.

Auf diese Weise kann man erkennen, dass die Entscheidung zwischen den Alternativen (a) und (b) vom (Un-)Vermögen des beteiligten Subjekts abhängig ist, ein System vollständig zu erfassen. Insbesondere lässt sich schlussfolgern, dass ein Weltsystem, welches in der Lage wäre, sich selbst Subjekte bereitzustellen, die es beliebig genau zu analysieren verstünden, der Alternative (a) zuneigen wird. Dazu müsste dieses System zu JEDER vorgegebenen Genauigkeit Beobachter bzw Messgeräte generieren können, die diese Genauigkeit unterschreiten - ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Im Gegensatz dazu hat unser eigener Kosmos sich Beobachter generiert (uns Menschen), deren Analysevermögen grundsätzlich beschränkt ist und die sich dadurch der unter (b) beschriebenen Situation ausgesetzt sehen.

Indem die Determiniertheit des Kosmos nicht in Gänze begreifbar ist, reduziert sich die Willensfreiheit der Menschen auf eine Einbildung, die sie im Wechselspiel von äußeren Zufällen und innerlichen Bewusstseinszuständen erfahren. Historikern und Psychologen, die das Verhalten eines Protagonisten aus zeitlicher, räumlicher oder klinischer Distanz betrachten, wird es nicht anders ergehen, da sie in genau derselben Weise beschränkt und im Weltkosmos gefangen bzw in diesen verwickelt sind.

Doch kehren wir für den Moment noch einmal zur Systemtheorie zurück. Deterministische Systeme erlauben prinzipiell die Ableitung ihres Verhaltens aus einem vorherigen Zustand, stochastische Systeme nicht. In klassischen deterministischen Systemen lässt sich der Zustand zu jedem Zeitpunkt der Vergangenheit und Zukunft eindeutig bestimmen, wenn er in der Gegenwart bekannt ist.

Mit geeigneten mathematischen Modellen lassen sich aber auch für stochastische Systeme relevante - allerdings niemals vollständige - Aussagen über ihre Vergangenheit und Zukunft machen. Diese betreffen etwa Mittelwerte und Streuungen von Messgrößen und sind zuweilen so restriktiv, dass das System in mancher Hinsicht als determiniert betrachtet werden kann. Man denke etwa an die Quantenmechanik, wo trotz ihres statistischen Charakters definitive Vorhersagen für das Verhalten und die Wechselwirkung von Teilchen möglich sind.

Umgekehrt gibt es auch viele Beispiele für klassische, ursprünglich deterministische Systeme, die so stark von Anfangszuständen abhängen, dass sie in der Praxis keine Vorhersage erlauben, wie etwa das Werfen von Spielwürfeln oder die Ziehung der Lottozahlen - man spricht dann von ZUFALL. Beispiele für partiell, d.h. für nur kurze Zeiträume vorhersagbare Systeme sind das Doppelpendel, das Wetter oder die Wellen auf einem Ozean, aber auch die soziale Dynamik einer großen Zahl von Menschen. Über solche Systeme werden wir niemals vollständige Kenntnis besitzen, und somit sind auch alle unsere Vorhersagen darüber nur mehr oder weniger gute Schätzungen.

Sicherlich lässt sich ein genügend schneller Superrechner vorstellen, der den Anfangszustand und den Beitrag jedes einzelnen beteiligten Moleküls genau kennt, und auch alle möglichen seiner Wechselwirkungen, und der den zeitlichen Verlauf des Wetters genau vorherbestimmen kann. Damit das Wetter dem Schicksal der vollständigen Determiniertheit entgeht, könnte man als Einwand gegen diese gedankliche Konstruktion bestenfalls die Quantenmechanik bemühen. Aus früher diskutierten Gründen spielen aber quantenmechanische Überlegungen in solchen klassischen Vielteichensystemen nur eine untergeordnete Rolle. Jedenfalls geht es hier weniger um Beschränkungen durch die Quantenmechanik als um die statistische Zufälligkeit bzw die Determiniertheit einer großen Zahl von Entitäten in einem makroskopischen System.

Der Mensch hat in seiner Geschichte komplizierte (Maschinen)-Systeme ersonnen, die in dem stochastischen Gesamt'system' der Natur, innerhalb dessen sie existieren, eine eigene, nahezu vollständige Determiniertheit realisieren. Dass er den Ausgangszustand seines eigenen Gehirn-Bewusstseins zu keiner Zeit genau kennen, zugleich aber in anderen Teilsystemen der Welt Anfangs- und Randbedingungen genau präparieren und damit den Fortgang dieser Teilsysteme determinieren kann, bewirkt ein zumindest subjektiv unwiderlegbares Gefühl von Freiheit, Selbstbestimmung und von Macht über die materielle Realität. Ohne dieses Gefühl wären auch der mächtigste Muskel und die mächtigste Faust, während sie die Wirklichkeit verändern, nur Teil der letztlich willenlosen mechanischen Fortentwicklung des Kosmos.

Dieses Gefühl verstärkt sich noch bei jenen Zeitgenossen, die über Ansehen, ein hohes Einkommen oder beträchtlichen Besitz verfügen, und man könnte meinen, dass damit die wesentlichen Voraussetzungen für Freiheit bereis genannt sind. Gewiss verstärken solche äußeren Rahmenbedingungen, die positiv auf den Zustand der Psyche zurückwirken, die Autonomie eines Menschen in der Welt. Wir werden aber später sehen, dass für die Applikation der Freiheit andere Bedingungen wichtiger sind. Mut und Kritik seien hier bereits als Stichworte genannt.

Der Mensch ist in der Lage, eigene Gehirnzustände wenigstens partiell zu beeinflussen und sich etwa in Emotionen richtiggehend hineinzusteigern, und auch dies wiederum als eigene Freiheit wahrzunehmen. Damit zusammen hängt paradoxerweise die Erfahrung, dass man in klaren Momente erkennen kann, inwieweit das eigene Verhalten von Trieben und Egoismen dominiert wird, die ja instinktmäßig und weitgehend berechenbar vorbestimmt aus hirnbiologischen Reaktionen hervorgehen. Ähnlich wie die Selbstzensur gehören diese Reaktionen nicht eigentlich in den Bereich der Zwänge, sondern kommen aus uns selbst heraus, um sich in unsere sonst als frei empfundene Bewusstheit zu drängen. Sie konkurrieren sogar beständig mit dem freien Willen um die Vorherrschaft über das Ich, die sie in den vielen Fällen, in denen wir über ein eingeschliffenes angepasstes Verhalten gar keine Rechenschaft mehr ablegen, ohnehin bereits gewonnen haben. Oft sucht das Bewusstsein nachträglich Gründe für eine angeblich freie Entscheidung, die in Wirklichkeit nur vorgeschoben sind und die Herrschaft der Triebe, Instinkte und unwillkürlichen Reaktionen kaschieren sollen.

Zu bemerken ist ferner, dass wir unseren freien Willen fast immer in einer gesellschaftlichen Umgebung ausüben. Obwohl es auch den freien Willen eines isolierten Menschen in der Wildnis gibt, findet Freiheit normalerweise in der Gesellschaft der Anderen statt und ist daher korreliert mit deren Sichten auf die Welt. Denn wir sehen uns und die Welt auch mit den Augen der Anderen und richten unsere 'freien' Entscheidungen zumindest teilweise danach aus, siehe das Beispiel Selbstzensur.

Reich der Zwecke, der menschlichen Arbeit

Die bisherige Diskussion hatte sich auf die Kausalität von Wirk-Ursachen konzentriert und den Bereich der menschlichen Zwecke und der damit verbundenen Zweck-Ursachen weitgehend ausgespart. Zweckursachen enthalten das Motiv eines i.a. als frei supponierten menschlichen Willens-Handelns und sind damit nur für Systeme von Bedeutung, in denen der Mensch eine Kausalkette mehr oder weniger bewusst anstößt oder beeinflusst. Zweckursachen wirken zwar auch als Wirkursachen, jedoch würde man ihrem dem menschlichen Leben dienenden Charakter offensichtlich nicht gerecht, beschränkte man sich allein auf ihre materiell-physikalische Basis und Folgeerscheinungen.

Zwecke definiert sich der Mensch normalerweise selbst, so wie er es auch mit dem 'Sinn' der von ihm verantworteten und verwalteten (Maschinen-)Objekte und mit seinen Interessen hält. Ein Tisch ist eine Entität der physikalischen Wirklichkeit, die nur FÜR UNS, etwa als Esstisch, Sinn, Zweck und Bedeutung hat. Als Teile der Wirklichkeit erlauben solche Dinge dem Menschen, sie nutzbar zu machen; primär ist dabei die eigene Setzung des Benutzen-Wollens. Die dem zugrunde liegende Kausalität des Ich-mache-es-weil-es-mir-nützt hat im weiteren Sinne immer mit den Zwecken des Darwinismus unserer Biologie zu tun.

Im Speziellen steht dem Menschen seine Intelligenz zur Verfügung, mit deren Hilfe es ihm gelingen kann, Bestandteile der Welt so anzuordnen, dass ein kleiner Antriebsimpuls im Gehirn bzw ein Knopfdruck ausreichen, um eine Atombombe zu zünden und allgemein relativ große Verschiebungen, oft auch Verwerfungen in der materiellen Realität in Gang zu setzen. Das menschliche Vorgehen ähnelt hier einem Transistor, bei dem eine kleine Spannungsänderung einen großen Strom steuern kann.

Wenn der Mensch zweckorientiert auf die soziale oder physikalische Realität einwirkt, spielen Gefühle und Interessen eine ebenso große Rolle wie die materiell-physikalischen oder psychologischen Effekte, die er auslöst bzw derer er sich dabei bedient. Unter diesen Voraussetzungen tritt er realen Erscheinungen nicht passiv oder gar als Kausalopfer einer Katastrophe gegenüber, sondern schafft erst die Bedingungen, um zweckbedingte Vorgänge selbstbestimmt verursachen zu können.

Ebenso kann er selbst allerdings das Opfer einer von Anderen ausgelösten zweckkausalen Ereigniskette sein. Im Hinblick auf die später zu diskutierende Ausübung von Herrschaft sei bemerkt, dass Individuen sich fremden Zwecken gewöhnlich dann unterwerfen, wenn die Anderen stärker oder in der Überzahl sind, oder wenn eine wiewohl kleine Hoffnung auf den eigenen Vorteil besteht. Dieser Fall tritt in abgemildeter Form sehr häufig und beinahe ununterbrochen auf, wenn man in einer an sich dynamischen Gesellschaft zusammenlebt, in der aber im Alltag viele Regeln und Gesetze zu beachten sind.

Meist werden Zwecke verfolgt, die ziemlich unmittelbar für das jeweilige menschliche Sein von Interesse sind bzw eine entprechende Funktion erfüllen. Man betrachte etwa den erwähnten Tisch. Es ist ein Objekt mit allerlei denkbaren Funktionen, an dem man zusammensitzen und essen, aber auch arbeiten und damit weitere zweck-ursächliche Prozesse anstoßen kann. Ohne den Menschen und für sich genommen ist ein Tisch gar nichts Sinnvolles, weil niemand ihn 'braucht' und eben nur ein materielles Objekt, das sich durch feste Grenzen von dem umgebenden Gasgemisch abhebt. Diese Grenzen sind die einzige materiale Basis, auf der sich die physikalische Bestimmung des gegebenen Objektes beziehen kann; seine Bestimmung im Reich der Menschen hingegen wird durch seinen Funktionszweck festgelegt.

Zweckursachen spielen im Bereich der sozialen Realität, also der Gesellschaft, eine ähnlich wichtige Rolle wie Wirkursachen im Bereich der physikalischen Natur. Insbesondere stellen sie Grund und Grundlage des Systems der menschlichen Arbeit dar, welches die Funktionsfähigkeit jeder Gesellschaft garantiert. Aufgrund eines Zweckes wird eine Absicht verfolgt, zu deren Verwirklichung ein Plan entworfen wird, und aufgrund dieses Planes werden mit dem Wirkungsimpuls des menschlichen Willens die darin festgelegten Handlungen durchgeführt - oder nur angeordnet, da die reale Durchführung auch Anderen übertragen werden kann. Auf Letzterem beruht das Prinzip hierarchischer Zusammenarbeit.

Ein nicht unerheblicher Anteil der soziologischen Forschung setzt sich mit den Absichten gesellschaftlicher Protagonisten und den daraus sich ergebenden sozialen Kausalitätsbeziehungen auseinander, mit dem Ziel, das Verhalten von Einzelnen, Gruppen oder ganzen Gesellschaften zu erklären. Wenn sie sich aus isolierten egoistischen Impulsen speisen, sind solche sozialen Relationen oft manifester und daher einfacher zu verstehen als komplexe kausale Zusammenhänge im Bereich der Naturwissenschaft.

Allerdings sind die entsprechenden sozialwissenschaftlichen Theorien selten präzise genug, es auch vorhersagen zu können. Indem als Ursachen von sozialen Ereignissen auch menschliche Befindlichkeiten und Launen und andere Effekte der Massenpsychologie ins Auge gefasst werden müssen und ganz allgemein irrationales Verhalten als kausaler Attraktor wirken kann, ist soziale Kausalität meist unbestimmter, verschwommener und 'fuzzier' als physikalische, so dass sich in diesem Bereich kausale Konsequenzen leichter vermeiden bzw umgehen lassen - ein Fakt, den sich politische Entscheidungsträger nicht ungern zunutze machen.

Oben wurde darauf hingewiesen, dass das biologische Überleben des Menschen den tieferen Hauptgrund für die meisten Zweckursachen darstellt. Darüberhinaus wurde im Metaphysikteil gezeigt, dass es vom Menschen unabhängige Systeme gibt, die sich ihre eigenen Zwecke definieren. Bekanntestes Beispiel ist gerade das System der organischen Natur auf der Erde. Soweit wir sehen können, gibt es in der unbelebten Natur nur Wirkursachen und Folgen; hingegen setzt die Belebte zum Zweck des Überlebens eigene Zweckursachen ein. Es ist zwar richtig, dass dies nur von einem menschlichen Verstand erkannt werden kann; doch der reale Wirkvorgang des Überlebens aufgrund der richtigen Strategie findet auch ohne einen erkennenden Verstand statt.

Zurückkommen auf physikalische Wirkursachen

Während also eigentlich alle lebenden Wesen die physikalische Kausalität für biologische, soziale und 'ökonomische' Zwecke zu nutzen wissen, hat sich speziell der menschliche Wissensdurst teilweise verselbständigt und bezieht sich zuweilen mehr auf die Seite des Ding-an-sich als die des Etwas-Sinnvolles-für-uns. Man kann hiernach den Unterschied zwischen den Natur- und den Ingenieurswissenschaften festlegen. Im Idealfall interessiert sich die reine Naturwissenschaft nicht für die Verwertungsmöglichkeiten, sondern nur für das So-Sein und die Eigenschaften der Materie-an-sich, sowie auch für die kausalen Vorgänge, in die diese involviert ist. Es ist schlechte, wenngleich verbreitete Praxis, wirtschaftliche Interessen die Schwerpunkte der reinen Wissenschaften bestimmen zu lassen.

Wie oben beschrieben, setzt die Fähigkeit zum Erkennen von Kausalität ein Verständnis im Gehirn für zeitliche Abfolgen von Ereignissen voraus. Dabei umfasst der Begriff des 'Ereignisses' nicht nur irgendwelche herausgehobenen oder zunächst unscheinbaren am Ende aber unsere Existenz substantiell verändernden Geschehnisse, sondern einfach alle möglichen, auf die wir uns im Moment der Kausalanalyse beziehen.

Verstand und Intuition sind in der Lage, im Rahmen solcher Analysen sowohl die zeitliche Abfolge als auch die räumliche Nachbarschaft von Ereignissen zu berücksichtigen. Andererseits ist eine objektive äußerste Grenze gegenseitiger kausaler Beeinflussung dadurch gegeben, dass die Lichtgeschwindigkeit die höchste erreichbare Geschwindigkeit ist.

Genaugenommen sind ALLE von uns wahrgenommenen Ereignisse eingebettet in die zeitliche Gesamtentwicklung der Welt. Es gibt niemals das EINE Ereignis, welches allein ein anderes kausal determiniert, sondern ein späterer Weltzustand wird als Ganzes bestimmt durch die Gesamtheit aller Ereignisse auf dem rückwärtigen Lichtkegel (wobei sich manche Prozesse stärker auswirken als andere), und diese Festgelegtheit lässt sich durch dynamische, d.h. zeitabhängige Gleichungen für die Fortentwicklung des Universums beschreiben. Leider sind diese Gleichungen und ihre Randbedingungen so kompliziert, dass wir Menschen sie nicht exakt lösen können und es uns daher unmöglich ist, in die Zukunft zu schauen. Auf den Zusammenhang dieser Tatsache mit unserer Freiheit ist bereits hingewiesen worden.

Es kommt relativ häufig vor, dass nur wenige Faktoren ein Ereignis HAUPTSÄCHLICH bestimmen. Als Beispiel betrachten wir einen Baum, der im Sturm umfällt und einen Passanten verletzt. Dies kann als eine einfache Ursache-Wirkungs-Relation aufgefasst werden, doch bei näherer Betrachtung spielen alle möglichen anderen Faktoren hinein, von der Gravitationskraft über die Temperaturverteilung in der Atmosphäre an den Tagen vor dem Sturm bis zu dem Zufall, dass dem für den Baumbestand verantwortlichen Beamten der Stadtverwaltung vor Jahren wegen einer Korruptionsaffäre gekündigt wurde und der Neue aufgrund einer speziellen persönlichen Beziehung sich veranlasst gesehen hat, gerade an dieser Straße schöne aber gefährlich hohe Bäume pflanzen zu lassen. Nicht zu vergessen all die Faktoren, die das Opfer veranlasst haben, sich im Sturm ausgerechnet an diese Stelle begeben.

Kausalität ist also niemals einfache Monokausalität, und die Gültigkeit des Kausalitätsprinzips als einer Grundüberzeugung der Naturwissenschaften besteht nicht einfach darin, dass jedem Ereignis, jeder Wirkung ein oder zwei zeitlich früher liegende und klar einzugrenzende, klar zu benennende Ursachen vorausgehen. Sondern es bedarf gewöhnlich einer unendlichen Menge von mehr oder weniger zusammenhängenden, mehr oder weniger gut separierbaren Vorliegenheiten, damit ein bestimmter Kausaleffekt in der Wirklichkeit eintritt, z.B. ein Kind gezeugt wird, das - und hier sind viele weitere Vorliegenheiten erforderlich - als Erwachsener irgendwann zum Sturmopfer wird.

Die Naturwissenschaft trachtet allerdings danach, möglichst alle an diesen Ereignissen beteiligten Ursachen und Wechselwirkungen zu separieren, aufzulisten und weiters zu untersuchen, um eventuelle tiefer reichende Verflechtungen aufzudecken. Eine der Hauptaufgaben besteht darin, die besonders relevanten Hauptursachen zu identifizieren, zu beschreiben und sowohl separat als auch in ihren Wechselbeziehungen mit anderen, eventuell fundamentaleren Strukturen zu analysieren. Ähnliches gilt für die Sozialwissenschaft im Hinblick auf gesellschaftliche Vorgänge, wie etwa Revolutionen, die ebenfalls ein ganzes Bündel von Ursachen haben können, bis hin zur Einflussnahme fremder Mächte.

So ist das Abknicken des Baumes in dem genannten Beispiel eingebettet ins allgemeine Weltgeschehen und raumzeitlich von vielen Wirkursachen 'umgeben'. Wenn man aber feststellt, er sei ganz gesund gewesen und nur infolge einer besonders starken Orkanböe umgestürzt, so ergibt sich diese Haupt-Ursache im Sinne der Katastrophentheorie aus dem Verhalten einer 'Abknick'-Funktion, die fast wenn auch nicht ganz unstetig ist als Funktion einer Haupt-Kontrollvariable.

Die meisten Leser werden einer solchen auf Hauptursachen fixierten Betrachtungsweise wohl zustimmen. Wenn wir über eine konkrete Ursache und ihre Folgen sprechen, ist das allerdings immer auch eine Frage des Fokus und unseres jeweiligen Erkenntnis- oder sonstigen Interesses, das gerade dann und umso mehr geweckt wird, sobald das Wetter verrückt spielt, unser eigenes Wohlergehen und Besitztümer betroffen sind oder jemand bei dem Ereignis physisch zu Schaden kommt. Aus diesem subjektiven Blickwinkel ist es uns ganz gleichgültig, dass solche physikalisch gesehen banalen Prozesse-an-sich samt ihren Wirkungen unablässig und zumeist unbeachtet im Universum ablaufen.

Wir wollen uns für den Moment von dem subjektiven Blickwinkel der Interessen und Zweckursachen verabschieden und noch einmal auf jene physikalischen Prozesse-an-sich zurückkommen. Mit einer zweckhaften menschlichen Bemühung ist ja immer auch eine kausale physikalische Ereignisfolge verbunden, und sei es nur, dass während eines Gespräches oder email-Verkehrs Daten oder Schallwellen ausgetauscht werden.

Der einfachste Zugang zu dieser physikalischen Basis allen Weltgeschehens ergibt sich, wenn man die natürlich-materiellen Vorgänge näherungsweise auf eine Summe von parallel und hintereinander ablaufenden Elementarprozessen zurückführt, d.h. auf Stöße bzw Streuung von sich gegenseitig beeinflussenden Elementarteilchen. Für einen einzelnen solchen Elementarprozess lässt sich das Prinzip der Kausalität dann folgendermaßen rekonstruieren:

(i) Man beginnt mit 2 Teilchen a und b , die sich mit gewissen Geschwindigkeitsvektoren va und vb aus 2 Richtungen kommend einander annähern. Man kann dabei z.B. an a=ein Photon von der Sonne und b=ein Elektron in einem Atom eines Chlorophyllmoleküles denken, aber auch an beliebige von Menschen unbeachtete Teilchen, die sich in interstellaren Gasen bewegen, deren zunehmende Verdichtung Voraussetzung für die Bildung neuer Sternhaufen und Planetensysteme ist, auf denen dann Leben entstehen kann usw usf.

(ii) a und b stoßen innerhalb einer zeitlich und räumlich begrenzten Wechselwirkungszone aufeinander. Deren Ausdehnung wird durch die Wechselwirkung selbst mitdefiniert. Zum Beispiel sie ist bei der starken Wechselwirkung größer als bei der schwachen (ungefähr 1 fm vs ungefähr 0.01 fm).

(iii) Nach dem Stoß bewegen sich a und b in veränderter Form a' und b' mit veränderten Geschwindigkeiten in veränderte Richtungen.

Diese Gegebenheiten

(i) beschreiben die Rand- oder Anfangsbedingungen und stellen

(ii) mit der Wechselwirkung oder Vermittlung die eigentliche Ursache des Ereignisses/Prozesses dar.

(iii) Die Wirkung oder Folge wird durch den Zustand der Teilchen nach der Streuung beschrieben.

Hervorzuheben ist, dass die eigentliche kausale Verbindung zwischen Anfangs- und Endzustand durch die Wechselwirkung hergestellt wird. Diese Wechselwirkung hat bestimmte von der Wissenschaft festzustellende Eigenschaften, die man durch zunächst nur behauptete, dann empirisch zu verifizierende 'Naturgesetze' in zumeist mathematischer Form zu beschreiben versucht; und sie kann in ihrer Qualität auf tiefer liegende, vorläufig unerkannte mikroskopische Ursachen verweisen. In dem früher definierten Sinn hat man damit eine Hauptursache im Fokus, hinter der aber noch weitere bekannte oder unbekannte Wesensaspekte eine Rolle spielen können.

Die in (i)-(iii) gegebene einfache Beschreibung, nach der alle Materieansammlungen und deren Kausalwechselwirkungen gewissermaßen auf ihre Geschwindigkeiten und eventuell weitere Eigenschaften verändernde 'Billardkugeln' und deren Stoßprozesse zurückgeführt werden, muss in der modernen Physik in mancherlei Hinsicht revidiert werden. Zum einen weiß man heute, dass sich kein Teilchen schneller als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann. Allgemeiner formuliert ist alle Materie den Symmetriebedingungen der Lorentzgruppe und damit den Gleichungen der speziellen Relativitätstheorie unterworfen. Letztlich liegt das daran, dass die Materie im Kosmos nicht aus Billardkugeln, sondern aus Wellen (genauer: aus Quasiteilchen mit Wellencharakter) zusammengesetzt ist, und die Symmetriegruppe der Wellengleichung ist nun einmal die Lorentzgruppe, deren Eigenschaften daher zwingend zu respektieren sind.

Ebenso wichtig wie die Relativitätstheorie sind die Auswirkungen der Quantenmechanik auf die Kausalität. Diese beruhen auf der Unschärfe, die die Quasiteilchen aufgrund ihres Wellencharakters bzw der für Wellen geltenden Cauchy-Schwarzschen Ungleichung erfahren und die es unmöglich machen, gleichzeitig ihren Ort und ihren Impuls beliebig genau anzugeben.

Dabei ist anzumerken, dass die genannte Ungleichung ursprünglich nicht den Impuls, sondern den Wellenvektor betrifft. Zur Heisenbergschen Unschärferelation gelangt man erst, wenn man eine zusätzliche Annahme macht, nämlich dass der rein geometrisch definierte Wellenvektor k einer Welle und ihr den physikalisch aktiven Part übernehmende Impuls p linear korreliert sind via p=hquer*k (hquer = Plancksches Wirkungsquantum). Diese Annahme wird durch die Tatsache gerechtfertigt, dass sich die Welle, die die Materie ist, auf einem unsichtbaren elastischen Medium bewegt, unserem Kosmos, aus dessen Lamekoeffizienten die Größe von hquer bestimmt werden kann.

Da wir selbst und der von uns wahrnehmbare Teil des Universums aus den genannten Wellenanregungen bestehen, können auch wir uns nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Jener unsichtbare Hintergrund hingegen, auf dem sich die Wellen fortpflanzen, ist nicht an alle Gesetze der Quantenmechanik und der Speziellen Relativitätstheorie gebunden. Infolgedessen können sich zum Beispiel Effekte der Metrik wie die sogenannte Inflation des Kosmos schneller als mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten.

Gemäß den früher gemachten Bemerkungen zur Schrödingergleichung lässt sich das Prinzip der Quantenmechanik auch so verstehen, dass es wegen des Wellencharakters der Messobjekte und auch der Messinstrumente(!) unmöglich ist, die unter (i) genannten Anfangsbedingungen beliebig genau zu präparieren. In dem von diesem Prinzip induzierten statistischen System ergibt sich mithin keine absolute, sondern nur eine Kausalität und Vorhersagbarkeit für Mittelwerte von Messungen, d.h. eine, die sich normalerweise erst nach einer größeren Anzahl von Einzelereignissen einstellt und die man darum als schwache Kausalität bezeichnet.

Die Frage, ob jedes physikalische Ereignis eindeutig durch Ursachen vorherbestimmt ist, ob also das Universum als ganzes deterministisch ist, muss in der normalen Quantenmechanik demnach eher verneint werden. In dem hier favorisierten sogenannten Tetronmodell sind aber die Beschränkungen der Quantenmechanik kein absoluter Effekt, sondern sie ergeben sich aus einer Art mangelnden Wissens, d.h. aus der Tatsache, dass wir und die normale Materie aus der Unschärferelation gehorchenden Quasiteilchenwellen bestehen, die sich auf einem System von das Universum konstituierenden Tetronen fortbewegen und daher unsere Messgeräte nicht genauer sein können als der mittlere Abstand der Tetronen, d.h. als die Plancklänge, dass aber ein Messgerät aus Tetronenmaterie (welches sich von Menschen allerdings nicht herstellen lässt) Raum und Impuls beliebig genau aufzulösen in der Lage wäre. Mit anderen Worten: die Welt verhält sich vollkommen deterministisch, ohne dass wir dies aber feststellen können. Denn innerhalb der Strukturen, aus denen wir Menschen aufgebaut und in denen wir gewissermaßen gefangen sind, gelten all die bekannten quantenmechanischen Beschränktheiten, so dass wir gezwungen sind, den vom klassischen Rationalismus verfochtenen strengen ('starken') Determinismus aufzugeben und durch einen 'schwachen' zu ersetzen.

Durch die Einbeziehung der Quantenmechanik sind wir in einem weiten Bogen zu der Diskussion über die physikalische Determiniertheit der Welt zurückgekommen. Diese wird, wie früher gesehen, im Fall der makroskopischen Physik dadurch befeuert, dass bei Vorliegen von großen Teilchenensembles ebenfalls nur statistische Vorhersagen, zum Beispiel für das Wettergeschehen, möglich sind, weil wiederum, wenn auch aus anderen Gründen, unser Wissen nicht ausreicht, um das System exakt und vollständig zu analysieren. Dies trägt zusätzlich zu der beschriebenen uns schwach erscheinenden Determiniertheit der Welt bei.

Dass starke Kausalität und absoluter Determinismus bei solchen Vielteilchensystemen, bei denen uns nicht der Zustand jedes einzelnen Teilchens genau bekannt ist, keine Gütigkeit haben, kann man direkt daran erkennen, dass die Zeit thermodynamisch über die Entropie und damit über statistische Vielteilchenprozesse definiert wird, und Kausalität über zeitliche Abfolgen. Diese Bemerkung hat für die Freiheitsdiskussion eine große Bedeutung, denn sie impliziert, dass der Mensch in seinen Handlungen im Rahmen und in den Grenzen der gegebenen makroskopischen Strukturen frei ist. Er ist folglich in der Lage, jederzeit eine eigene Kausalkette neu anzustoßen.

Die 'scheinbar' schwache Determiniertheit lässt sich also unschwer als eine Vorbedingung der 'scheinbaren' Freiheit ausmachen, in welcher der Mensch die Konsequenzen seiner verschiedenen Handlungsmöglichkeiten prognostizieren und gerade dadurch eine freie Auswahl viel eher treffen kann als unter den Bedingungen einer totalen Zufälligkeit. Das bedeutet aber eigentlich nicht mehr als zu sagen, dass wir in einer sinnvollen Welt leben und sollte uns dazu führen, das allzu negativ konnotierte Attribut 'scheinbar' zur Charakterisierung unserer Freiheit nicht zu verwenden.

Die genannten Grenzen sind zum Beispiel durch die Endlichkeit der Erde und ihrer Ressourcen, aber auch durch jene Zwänge gegeben, denen wir uns durch gesellschaftliche Strukturen, soziokulturelle Bindungen oder schlicht durch höhere oder von Anderen ausgeübte Gewalt ausgesetzt sehen. Solche makroskopischen Zwänge, ob sie uns auch daran hindern, das zu tun, was wir gern tun möchten, berühren auch dann nicht die Frage, ob dem Menschen eine freie Wahl prinzipiell möglich ist, wenn sie absolut sind, wenn wir also zum Beispiel in einem Gefängnis eingesperrt sind.

Das Thema Vielteilcheneffekte wurde im Rahmen der systemtheoretischen Debatte ja bereits angesprochen. Ein makroskopisches physikalisches System aus sehr vielen Teilchen wird gewöhnlich durch die statistische Thermodynamik beschrieben. Statt Messungen an einzelnen Teilchen führt man Messungen am Gesamtsystem durch, deren Ergebnisse man als statistische Mittelwerte interpretiert und mit den Vorhersagen der Thermodynamik vergleicht.

Voraussetzung für diese Art der Analyse sind immer Annahmen über auf 'mikroskopischer' Ebene geltende Wechselwirkungsgesetze zwischen einzelnen Teilchen/Individuen. Um die Sache nicht zu kompliziert zu machen, beruhen solche Annahmen meist auf vereinfachenden Näherungen und stellen von daher einen weiteren Grad von Unsicherheit in solchen Systemen dar.

Ein dritter ergibt sich aus der Unschärfe in den Rand- bzw Anfangsbedingungen, der eine entsprechende Ungenauigkeit bei den Vorhersagen über die Endzustände bewirkt. Je genauer die Analyse, um so mehr werden am Ende die Auswirkungen der Quantenmechanik hervortreten, da es aufgrund der Heisenbergschen Unschärferelation niemals gelingen kann, einen Anfangszustand beliebig genau zu präparieren.

Man kann das Problem der Freiheit auch noch aus einem anderen Blickwinkel beleuchten. Denn die beschriebenen statistischen Methoden lassen sich auf die Gesellschaftswissenschaften übertragen, z.B. auf die Ökonomie, insofern es auch dort um das Verhalten einer großen Zahl (nämlich von Marktteilnehmern) geht, das sich auf Basis der vereinfachenden, statistischen Gesetze der Marktökonomie analysieren lässt.

Es ist ja tatsächlich ein Charakteristikum der menschlichen Freiheit, dass sie individuell gegeben ist oder wenigstens so empfunden wird, aber kollektiv, d.h. im Mittel aufgehoben erscheint. Dies gilt nicht nur für das sehr vorhersagbare alltägliche Durchschnittsverhalten in der Massengesellschaft; auch die sich meist für Individualisten haltenden Rucksacktouristen benehmen sich in der Summe ziemlich uniformiert, so dass deren Freiheit aus dieser Sicht nur als ein subjektives 'gutes Gefühl' erscheint.

Natürlich ist Freiheit immer individuelle Freiheit und an unsere je einzelnen, wenngleich möglicherweise weit verbreiteten Wünsche, Sehnsüchte und Interessen gekoppelt. Aussagen über sie dürfen daher an keinen Durchschnitt gebunden werden. Jeder Mensch tut am liebsten das, was ihm Spaß macht, und den meisten Menschen machen ähnliche Dinge Spaß, weil wir alle genetisch und gesellschaftlich von ähnlicher Art sind. Auch jedes hobbymäßige Interesse, jede Passion und jede Obsession lassen sich größeren Gruppen von Menschen zuordnen. Diese Tatsachen ergeben sich aus der mehr oder weniger identischen Grundkonstruktion der menschlichen Bedürfnisse, und sie entsprechen zugleich den o.g. statistischen Gesetzen auf mikroskopischer, in diesem Fall individueller Ebene. Dieses Faktum erlaubt es überhaupt erst, statistische Methoden anzuwenden, und daraus ergibt sich mit einer gewissen Streuung das von der Sozialforschung beschreibbare im Mittel uniforme Verhalten. Der behauptete Kern unserer Freiheit liegt nun aber darin, dass man sich als Einzelner, jedenfalls grundsätzlich, von jenen Mittelwerten abkoppeln kann oder auch nicht. Diese Abkoppelung hat eine bio-ontologische Komponente (der menschliche Geist hat im Vergleich etwa zur Ameise ein größeres Potential für Non-Konformismus) sowie auch eine sozial-ontologische, d.h. politische (man muss in einer Gesellschaft leben, die Non-Konformismus wenigstens halbwegs toleriert, anstatt ihn wo immer möglich zu unterdrücken).

Davon unberührt bleibt freilich die weiter oben hergeleitete Tatsache, dass die Freiheit eine Freiheit-für-uns, d.h. im Letzten auf physikalisch-ontologischer Ebene nur eine Illusion darstellt, die uns beim Fortdauern und Überleben behilflich ist, oder besser gesagt, die unser Fortdauern und Überleben geistig beleitet. Um diese Illusion konsistent zu erhalten, ist als notwendige aber keineswegs hinreichende Voraussetzung die Zufälligkeit der beteiligten stochastischen Systeme vonnöten. Allerdings macht die beschriebene schwache Determiniertheit unsere Welt in großen Teilen berechenbar. Sie reduziert das Chaos, schränkt das Ausmaß und die Macht des Zufalls ein und trägt somit dazu bei, dass wir das Gefühl haben, unsere an sich freien Entscheidungen vermittels eines die Naturgesetze erkennenden Verstandes begründen zu können.

Denn es bleibt zu bedenken, dass die Zufälligkeit stochastischer Prozesse allein die Willensfreiheit ohnedies nicht zu erklären vermöchte, da die Rede von der menschlichen Freiheit eine durch individuelle Gründe selbstbestimmte Entscheidung meint und keine durch reinen Zufall bestimmte Ereignisabfolge. Zufall und schwacher Determinismus stellen nur die notwendige Konsistenzvoraussetzung einer wenngleich über die ganze Gesellschaft, den ganzen Globus verbreiteten Freiheitsillusion dar, die in einer offenkundig deterministischen Welt natürlich nicht aufrecht zu erhalten wäre.

Wichtig ist schließlich noch die Unterscheidung zwischen einem der Freiheit bedürfenden, nach Freiheit dürstenden Non-Konformismus (und sei es aus fehlbarer innerer Überzeugung oder einem primitivem Instinkt, den man manchmal Instinktlosigkeit nennt) und einem nur vorgetäuschten, geschauspielten 'Kritizismus', also jenem Talent, das sich selbst zu einem freien, unorthodoxen Querdenkertum beruft, und das, wenn es mit ebenso gut gespielten Altruismus gepaart ist, besonders überzeugend vom eigenen Egoismus ablenkt.

Dem geläufigen Einwand, dass Lüge und Intrige durchaus als ein Aspekt und Beitrag zur eigenen Freiheit gesehen werden können, muss entgegnet werden, dass sie dem Anderen, also dem Getäuschten ein Beitrag zu seiner Unfreiheit sind, insofern sie ihn effektiv in seiner freien Entfaltung behindern. Hierauf wird später noch ausführlich eingegangen.

Notwendigkeit und Zufall

Für kausale Zusammenhänge haben Logik und Erkenntnistheorie den Begriff der Notwendigkeit geprägt, der Ursachen und ihre Folgen semantisch miteinander verbindet. Wenn die Kausalität unter Voraussetzung entsprechender Ursachen ein Folgeereignis gewissermaßen erzwingt, wenn also ein noch nicht Seiendes sich auf kausale Weise aus einem Seienden entwickelt, nennt man es notwendig.

Dabei sind soziale von physikalischen und diese von logischen Notwendigkeiten zu unterscheiden, so wie es soziale und physikalische Ursachen und Folgen und logische Voraussetzungen und Schlussfolgerungen gibt. Eine Notwendigkeit kann sich demzufolge ebenso aufgrund logischer Axiome wie naturgesetzlich-kausaler Gesetzmäßigkeiten ergeben.

Jedoch hat man es in allen Fällen - die Bezeichnung 'Not'wendigkeit deutet bereits darauf hin - mit gewissermaßen 'diktatorischen' Zusammenhängen zu tun, die einem von den Notwendigkeiten aufgezwungen werden. In der Logik ergibt sich ein zwingendes System von Folgerungen aus einem einmal gesetzten Axiomensystem, in der Natur sind es die scheinbar ewigen Gesetze des Kosmos, welche die physikalische Wahrheit festlegen. Ein Entkommen ist in der Logik leicht, indem man das Axiomensystem ignoriert und sich mit etwas Anderem beschäftigt, in Natur und Gesellschaft hingegen zuweilen sehr schwierig und nur dann möglich, wenn es einem gelingt, den Randbedingugen auszuweichen oder sie im eigenen Sinne zu präparieren. Dabei kann ein Sich-entziehen im Vergleich zum aktiven Hinbiegen oder zwanghaften Mitmachen eine durchaus fruchtbare Lebenseinstellung sein.

Weitere wichtige Unterschiede zwischen logischer und physikalischer Notwendigkeit:

-In der Logik handelt es sich um Aussagen, nicht um materiell Seiendes. Außerdem ist keine zeitliche Entwicklung im Spiel, sondern nur eine Abfolge von Schlüssen, deren Frequenz die Rolle einer Zeit bestenfalls simulieren kann, ähnlich wie man umgekehrt das zeitliche Geschehen in der Physik durch eine Abfolge zugehöriger 'Elementarereignisse' parametrisieren kann.

-Während logische Notwendigkeit in eindeutig bestimmter Weise nur von einer diskreten Anzahl von Sätzen, Axiomen und Schlussfolgerungen abhängt, beruhen physikalische und soziale Kausalität im Prinzip auf dem Gesamtverhalten von Welt und Gesellschaft, das oftmals weniger von einzelnen Auslösern oder mehr oder weniger präzise bekannten Fundamentalgesetzen als durch komplizierte Anfangs-, Rand- und Sonderbedingungen festgelegt wird, die sich zuvor aus einer schier unendlichen Menge von Elementarprozessen ergeben haben.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass das System der logischen Vernunft jede materielle Kausalität implizit zu beachten weiß, da - wie an anderer Stelle ausgeführt - die stammesgeschichtliche Entwicklung der Vernunft sich an den Vorgaben und Beispielen der äußeren Umwelt orientiert hat. Dies hat zur Folge, dass sich im Bereich naturwissenschaftlicher Erkenntnis physikalische Kausalität und logische Schlussweisen ständig vermischen können, ohne dass die Qualität der Erkenntnis dadurch in Frage gestellt wäre.

Oben wurde die Zufälligkeit des Weltgeschehens als eine - wenngleich nicht hinreichende - Voraussetzung der menschlichen Freiheit identifiziert. Um den Gegensatz zwischen Zufälligkeit und Notwendigkeit noch etwas genauer zu beleuchten, betrachten wir als Beispiel einen Erdrutsch, welcher infolge eines Erdbebens aufgetreten ist. Unsere Sprache kann diesen Zusammenhang in die Aussage: 'das Beben hat einen Erdrutsch verursacht' zusammenfassen, obwohl das Erdbeben selbst ein komplexes, vielschichtiges Naturereignis ist, dessen Ursachen und Auswirkungen nicht nur von unterirdischen Vorgängen, sondern auch von geologischen Gegebenheiten an der Oberfläche und überhaupt von der ganzen Vorgeschichte der Erde seit der Planetenentstehung beeinflusst werden. Vielleicht aber stand der Erdrutsch ohnehin bereits unmittelbar bevor und wurde durch das Erdbeben nur beschleunigt.

Die Frage ist hier, um gleich die extremsten Positionen zu beschreiben, (a) ob ich jene Aussage rein formal-begrifflich verstehe, d.h. nur in Bezug auf ihren logischen Gehalt, oder (b) ob ich sie inhaltlich als unzureichend mitdenke und bestenfalls als Näherung im Hinblick auf meine weiteren Aktivitäten akzeptiere, wenn ich etwa als Geologe das Ereignis genauer analysiere und zum Beispiel Aspekte der Gravitation als verursachende Kraft hervorhebe oder besonderes Augenmerk auf scheinbare Nebeneffekte lege, ohne die das Erdbeben jedoch nie stattgefunden hätte.

Im Fall (a) nutzt der Verstand das Simplifizierungs- und auch das Abstraktionspotenzial der Sprache, um bestimmte hervorgehobene Naturabläufe als Hauptursache herauszustellen und allein im Rahmen eines diskreten, reduzierten Ursache-Wirkungs Schemas zu interpretieren. Auf diese Weise macht man physikalische Notwendigkeiten zu einem Bestandteil der logischen Sprachanalytik, auch wenn dies zunächst natürlich keinen Einfluss auf die realen physikalischen Abläufe hat. Die auf dieser Basis gewonnenen Feststellungen lassen sich in das Verstandessystem sprachlicher Aussagen und des logischen Analyseapparates integrieren, so dass logische Schlussweisen darauf angewendet und Schlussfolgerungen für effektives Handeln in der derart vereinfacht erfassten Natur gewonnen werden können.

Auch in das System unserer kognitiven Möglichkeitsbetrachtungen lassen sie sich integrieren, und zwar um so leichter, je einfacher und vereinfachender die zugrunde liegenden Annahmen über das gesetzmäßig kausale Verhalten eines Forschungsobjektes. Die zugehörige Bewusstseinskomponente ist beinahe ununterbrochen aktiv, ununterbrochen auf der Suche nach Möglichkeiten, die die reale Welt und ihre Zufälligkeiten uns bereitstellen, nach Gelegenheiten, die sie bieten oder Gefahren, die uns aus ihnen drohen könnten.

Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass der Begriff des Möglichen weder als Gegensatz zum physikalisch noch zum logisch Notwendigen eine glücklich gewählte Kategorie ist. Hierzu sei auf die im Kapitel über Möglichkeit und Kausalität gemachten Bemerkungen verwiesen. Sondern der eigentliche Vetter und das Antonym der Notwendigkeit stellt nicht der Begriff der Möglichkeit, sondern der des Zufalls dar. Zufälle entstehen dort, wo Gesetzmäßigkeiten - und sei es mangels genaueren Wissens - nur statistische Geltung für eine große Zahl von Ereignissen haben, wo Anfangs- und Randbedingungen sich nicht präzise angeben lassen oder wo ein unvorhergesehener menschlicher Eingriff die ansonsten deterministische Entwicklung eines Systems stört. Jedenfalls nehmen wir unter solchen Bedingungen Geschehnisse als zufällig wahr, die bei einer Feinanalyse kausal bedingt und also notwendig sind.

Im Kontrast dazu kann man von Notwendigkeit in einem strengen, zwingenden Kausalnexus dann sprechen, wenn sich eine zu einem bestimmten Zeitpunkt vollständig angebbare Wirklichkeit als ganzes deterministisch weiter entwickelt. Im Fall einer vollständig deterministischen Welt wäre man in der Lage, alle künftigen Zustände des Kosmos zusammen mit dem derzeitigen und den vergangenen zu einer einzigen, eindeutig gegebenen raumzeitlichen Weltwirklichkeit zusammenzufassen. Daher lässt sich die Frage nach dem Grad der Determiniertheit der Welt unter dem begrifflichen Dach von Zufall und Notwendigkeit so formulieren, wie viel von dem, was geschieht, physikalisch notwendig ist und wie viel Raum für Zufälle und menschliche Freiheit bleibt.

Nach dem zuvor Gesagten lässt sich diese Frage so beantworten, dass, wenngleich 'objektiv' eine absolute Determiniertheit der Welt vorliegen mag, die menschliche Existenz gerade aufgrund ihrer Beschränkungen und ihres beschränkten Wissens von Zufällen umgeben ist, welche die Basis ihrer Freiheit sind. Diese Zufälle mögen bei vollständiger Analyse des Kausalkosmos als kausale Folgen von vielerlei Ursachen sich ergeben und also so scheinbar sein wie die Freiheit eine Illusion ist. Dennoch spielen sie in unserem beschränkten Sein eine tragende Rolle, derart dass physikalisch-deterministische Ursachen zu zufällig erscheinenden sozialen Folgen und zu freiem Handeln führen.

Zum Schluss noch der Hinweis, dass auch ein prinzipiell vorhersagbarer biochemischer Vorgang in unserem Gehirn, der zum Beispiel einem Affekt entspricht, zu diesen physikalischen Ursachen gehören und ebenfalls wesentlich zu den Folgen beitragen können.

Willensfreiheit

Wir sprechen manchmal auch dann von einer Notwendigkeit, wenn für unser Handeln wenig Spielraum und damit eine Unfreiheit besteht. Diese Begrifflichkeit lenkt den Blick auf die Frage nach den prinzipiellen Begrenzungen der menschlichen Freiheit; denn es ist klar, dass sich auch die Freiheit logischen, physikalischen und sozialen Notwendigkeiten nicht ohne weiteres entziehen kann.1

Der menschliche Wille als wesentliche Voraussetzung der sogenannten Willensfreiheit strebt allerdings nur in Ausnahmefällen bewusst danach, sich der Logik oder der Physik direkt zu widersetzen. Wenn solche Notwendigkeiten einem Willensziel im Wege stehen, tendieren wir gewöhnlich eher dazu, und unsere Freiheit besteht dann genau darin, mehr oder weniger klug erwogene Mittel zu finden, um diese Notwendigkeiten zu umgehen.

Notwendigkeit ist demzufolge nicht eindeutig mit menschlicher Unfreiheit zu identifizieren, d.h. Freiheit und Notwendigkeit sind nicht durchweg gegensätzliche Begriffe. Zumal es nicht selten vorkommt, dass wir das Notwendige gern tun und es daher unserer Freiheit gar nicht zuwider läuft. Manchmal ergibt es sich gar, dass wir das Notwendige widerwillig in Angriff nehmen, um später unverhofft eine Freude an ihm zu empfinden oder an dem, was daraus hervorgegangen ist. Wenn wir dann von der Leine gelassen werden, bleiben wir oft freiwillig bei den einmal übernommenen Pflichten.

In der Geschichte der Philosophie sind Wille und Willensfreiheit immer wieder falsch eingeordnet und interpretiert worden. Kant zum Beispiel hat die Willensfreiheit zu einer reinen Funktion der Vernunft erklärt, durch die der Mensch im Unterschied zum Tier eine Vielzahl von Möglichkeiten erkenne, zwischen denen er wählen könne. Während er als Naturwesen determiniert sei, sei er als Vernunftwesen frei. Hiergegen spricht zum einen die im Kapitel über Erkenntnistheorie besprochene Tatsache, dass der Verstandesmensch und der Instinktmensch in jeder Hinsicht innig verzahnt sind; zum anderen ist einzuwenden, dass ein freier, durchsetzungsfähiger Wille keiner großen geistigen oder analytischen Kapazitäten bedarf. Um frei zu entscheiden, dass ich heute nicht zur Arbeit gehen will, sondern lieber im Bett liegen bleibe, benötige ich nicht besonders viel Intellekt. Eine hinreichende Faulenzermentalität reicht völlig aus, oder allgemeiner ein gesundes Gefühl für das optimale Ausnutzen natürlicher oder gesellschaftlicher Ressourcen.

Um es plakativ auszudrücken: im Gegensatz zu Kant denke ich, dass auch ein Vogel frei ist. Wir haben ja schon gesehen, dass Tiere Kausalbeziehungen erahnen und daraus ein Verhalten ableiten, mit dem sie in eine kausale Ereigniskette eingreifen können. Obgleich sie die Konsequenzen ihres Tuns nicht so gut einschätzen können wie der Mensch, welcher im übrigen meist auch nicht besonders weitsichtig agiert, einen gewissen Überblick haben Tiere auf jeden Fall. Dass sich mehr als nur Ansätze von freiem Handeln im Tierreich finden, weiß jeder, der ein Haustier sein eigen nennt. Sicher reagiert ein Tier auf einen starken Reiz immer gesetzmäßig mit einem gewissen Reflex. Doch gibt es genauso oft Situationen, in denen es sich zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten entscheiden will und kann.

Um in dem obigen Beispiel zu bleiben: was mich gegenüber dem Tier auszeichnet, ist, dass ich auf die Idee komme, mich krank zu melden, um keine Schwierigkeiten mit meinem Arbeitgeber zu bekommen. Das ändert aber nichts daran, dass auch Tiere für die freie Entfaltung ihrer Kräfte und Möglichkeiten selber sorgen können. Gegen dieses Argument ist eingewandt worden, dass die menschliche Willensfreiheit ein Moment der Willkür, d.h. eine beliebige Wahl des Wollens enthält, welches Tieren nicht zur Verfügung stehe; und so ein Spektrum alternativer Verhaltensmöglichkeiten sei für eine Wahl- und Willensfreiheit unerlässlich. Nun hat allerdings bereits Schopenhauer festgestellt, dass der Mensch zwar einen Willen hat, aber nicht eigentlich wollen kann, was er will. Dem ist mindestens teilweise zuzustimmen, mit der Zusatzbemerkung, dass die Willkür selbst eine instinktgesteuerte Regung darstellt, über die tendenziell auch Tiere verfügen. Eine Katze kann die Maus sogleich verspeisen oder erst noch warten und mit ihr spielen.

Ohnedies ist der Begriff der Willkür von dem des Willens einerseits und von dem der beliebigen, indeterminierten Zufälligkeit unserer Bewusstseinszustände schwer abzugrenzen. Oder anders gesagt, wird der Wille von Sponaneität und menschlichen Launen bestimmt, die nicht weniger zufällig sind als das, was uns während der Rushhour im Straßenverkehr begegnet, und die sich aber genau wie der Verkehr in einer vollständig verstandenen Welt als determiniert erweisen würden.

Offenbar gelangen wir an dieser Stelle zu der früher gewonnenen Erkenntnis zurück, dass die menschliche Freiheit nur Surrogat, d.h. ein für-uns, aber kein an-sich ist. Gerade wegen dieses Illusionscharakters gehört sie aber zum Menschen in seiner Eigenschaft als geistiges und gesellschaftliches Wesen, und zwar um so mehr, als sich dessen Bewusstsein, statt direkt auf die Wirklichkeit zu zielen, gern mit imaginären Welten des Möglichen umgibt. Tatsächlich lebt jeder von uns in seinem eigenen Raumschiff, einer Blase aus Meinungen, Träumen und Vorurteilen, einem subjektiven Möglichkeitsland, das er sich aus Begriffen und Pointern selbst zurecht gezimmert hat und es daher nach Gusto jederzeit neu konfigurieren kann und in welchem es ihm freisteht, seinen Willen oder den Willen an sich oder den zur Macht oder einen Berg Ararat oder ein paar blökende Schafe oder was auch immer zum höchsten Prinzip des Daseins zu erklären. Er kann dieses Land auch mit anderen teilen, mit Mehrheiten gar, die etwa über Jahrhunderte vehement ein geozentrisches Weltbild verteidigen, kann es wie Wittgenstein selbstbewusst aber irrig als 'die Welt' bezeichnen, die der Fall ist, und am Ende staunen, dass sich die Vernunft in Gestalt eines Kopernikus gegen ihn durchsetzt.

Mit Willensfreiheit hat all dies wenig zu tun, und man könnte an dieser Stelle, gestützt durch folgendes Zitat, bestreiten, dass der Begriff überhaupt einen Sinn hat. "Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass ich irgend etwas will; aber was das mit Freiheit zu tun hat, kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt?" (A. Einstein)

Später werden wir sehen, dass das Elixier der Freiheit ihre Negativität ist. Dies ist von Einstein in seinem Beispiel leider nicht herausgearbeitet worden.

Zunächst sei noch ergänzt, dass jeder Mensch natürlich enttäuscht ist, wenn seine Weltsicht mit der Wirklichkeit kollidiert oder sein Wille durchkreuzt wird, d.h. wenn die physikalische Welt oder die Traumvorstellungen von Anderen nicht zu den seinen passen. Der sogenannte 'Klügere' wird daher nachgeben und versuchen, seine Weltsicht den stärkeren Wirklichkeiten anzupassen. Es gibt aber auch genügend Fälle, wo einer das gar nicht nötig hat, weil er der Kaiser mit neuen Kleidern ist oder weil er die Fähigkeit besitzt, andere potenzielle Störenfriede in sein eigenes Traumland mitzunehmen.

In der Psychologie bezeichnet Spontaneität die rasche Entschlussfähigkeit eines Individuums ohne bewusste Einschaltung von Denk- oder Kontrollinstanzen und hat insofern durchaus etwas mit einem vorbewussten Willen zu tun. In der Philosophie ist sie als Gegenbegriff zur Rezeptivität ein zentraler Begriff der Erkenntnistheorie. Sie ist ein dem Verstand entspringendes Vermögen des Erkenntnissubjekts, Vorstellungen aktiv, d.h. 'synthetisch' hervorzubringen, und steht somit für die ureigene selbstständige Leistung des Denkens. Wie im Teil über Erkenntnistheorie dargelegt, wurzelt das Denken im Nichtrationalen. Die Spontaneität des Willens und die des Denkens hängen also eng zusammen, weil beide von aus dem Unbewussten vorschießenden Impulsen gespeist werden.

Zuletzt sei noch auf den Umstand hingewiesen, dass sich der Wille der meisten Menschen nicht nur durch die eigene, großteils unbewusste Sinnlichkeit und Emotionalität sondern auch durch äußere Desinformation und Propaganda beinahe beliebig beeinflussen lässt. Dies hängt en detail allerdings von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur ab. Wer leicht zu lenken ist, denkt auch leicht, es ist wirklich sein Wille, was ihm da aufoktroyiert wird. Andererseits hält ein Egomane oder Sturkopf, der sich um keinen Preis von einer verrückten Idee abbringen lässt, etwas für freien Willen, was in Wahrheit eher eine krankhafte Fixierung ist.

Die Negativität der Freiheit und das Theater der Herrschaft

Freiheit wird in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Abgesehen von dem in dieser Definition enthaltenen Möglichkeitsbegriff, der oben bereits kritisiert wurde und auf eine rein subjektive Bedeutung des Freiheitsgefühls hinweist, bleibt diese Art der Festlegung an der Oberfläche des Phänomens und führt außerdem zu verschiedenen Unklarheiten und Antinomien. Wie wir im Verlauf der folgenden Diskussion sehen werden, ist ein anderes Konzept von Freiheit weniger widersprüchlich.

Das erste, was Schwierigkeiten macht, ist natürlich die - wenngleich schwache - Determiniertheit des Weltgeschehens. Diese hat offensichtlich zur Folge, dass es keine ABSOLUTE FREIHEIT in einem plakativen Sinn geben kann. Menschen haben zwar in der Geschichte immer wieder bewiesen, dass sie, nicht zuletzt durch die Freiheit ihres Willens, in der Lage sind, Grenzen zu überwinden. Absolute Freiheit aber würde bedeuten, dass dem Menschen ALLES möglich ist; dass er die Grenzen des natürlich und sozial Gegebenen in beliebiger Richtung überwinden könnte.

Man darf schon soweit gehen, zu sagen, Freiheit ist in ihrer Beschränktheit etwas Subjektives, nur für uns gemacht und nur von uns verstanden, so ähnlich wie der 'Weltgeist' subjektiv ist, der oft weniger das Wahre als das Gefällige zu seiner Leitfigur macht. Immerhin: grundsätzlich kann jeder jederzeit aussteigen, zumindest aus dem sozialen Gefüge, in welchem er lebt, vorausgesetzt er ist bereit, die Konsequenzen zu tragen. Denn eine Nichtanerkennung der Konstruktion 'Gesellschaft' samt ihren Ritualen und Gesetzen wird ihn i.a. mit schwerwiegenden Nachteilen konfrontieren, die in Kauf zu nehmen der gesellschaftlichen Unfreiheit, der er entronnen ist, sicher nicht nachsteht. Es sind diese gesellschaftlichen Zwänge zugleich speziell und allgemein (und damit absolut); speziell nämlich, weil der Mensch sie in einer Diktatur, einer Sklavenhaltergesellschaft oder einer liberalen Staatsform unterschiedlich erfährt, doch allgemein in ihrem universelleren Forderungsanspruch, der um so hermetischer wirksam ist, je größer die Zahl der Angepasssten, die dem Einzelnen als uniforme, gleichgeschaltete Masse gegenübertritt.

Wenigstens kennen liberale Gesellschaften ausgeprägte 'Milieus', unter denen man wählen darf und in denen ganz unterschiedliche Lebenseinstellungen gepflegt werden. Zwischen den Milieus, besonders wenn sie auch Klassenunterschiede repräsentieren, kann es zu Konflikten kommen, was die weitere Entwicklungsrichtung der Gesamtgesellschaft angeht. Diese Konflikte sind für die Ausprägung dessen, was wir unter Freiheit verstehen, sogar notwendig.

Wenn so Vieles determiniert ist, scheint der Freiheit wenig Raum zu bleiben, und es ist zu fragen, ob das Wenige, was übrigbleibt, diesen Namen überhaupt verdient. Wir haben aber festgestellt, dass die Beschränkungen der Freiheit durch die Physik von der Existenz des Zufalls aufgewogen werden. Auf dieser Basis sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass in den Beschränkungen der Freiheit (auch durch die Gesellschaft) und in dem Gleichgewicht, welches der Zufall bewirkt, eine Grundlage für unsere Freiheit liegt.

Zweitens hat man das psychologische oder hirnphysiologische Problem, dass die Wahl, die der Mensch in den endlichen Augenblicken seiner Existenz scheinbar frei und unabhängig trifft, nämlich so oder so zu handeln oder auch gar nichts zu tun, von spontanen Launen, seiner momentanen oder prinzipiellen Verfasstheit, seinen Vorerfahrungen und natürlich von seiner sozialen Umgebung und der Rolle, in die er hineingeboren oder in die er sich begeben hat, fast vollständig festgelegt ist. Andererseits wäre eine Freiheit, die ihre Entscheidungen allein aufgrund rationaler Überlegungen, also gewissermaßen mechanisch wie eine intelligente Maschine träfe, keine echte Freiheit. Zur Freiheit - auch des Denkens - gehören offenbar der irrationale und der spontane Anteil der Psyche genauso wie der vernunftgesteuerte. Somit ist die Freiheit eingehegt (i) von den äußeren Bedingungen der materiellen Welt, (ii) von den Diktaten eines emotionalen Gerüstes und der zugehörigen Irrationalität, die zugleich den wankenden Boden all unseres Denkens und der Vernunft darstellt und (iii) von der Zugehörigkeit zu einer Zeit, einer Gesellschaft, einer Klasse, der Stellung in einer sozialen Hierarchie usw.

So sehr diese Begrenztheiten letztlich auf unsere physikalische Determiniertheit in der Welt zurückgehen und so sehr sie dabei Voraussetzung für die Freiheit sind, so fehlt doch in der bisherigen Beschreibung jene Essenz, die das Wesen der Freiheit ausmacht. Denn die wichtigste Konstituente der Freiheit liegt keineswegs in der vollständigen Kontrolle der Individuen über ihr Schicksal - das wäre vermessen und ist auch gar nicht erstrebenswert - sondern in unserer Fähigkeit, uns über SOZIALE REGELN UND KONVENTIONEN HINWEGZUSETZEN. Normalerweise sind wir Menschen von Geburt an eingebunden in ein gesellschaftliches System, in dem wir auf verschiedenste Weise 'Rücksicht' auf die Existenz der Anderen nehmen. Diese Rücksicht, die eine teils angeborene, teils anerzogene Fähigkeit und bei verschiedenen Individuen unterschiedlich stark ausgeprägt ist, kann auch als Anpassung an derartige Normen bezeichnet werden. Soweit sie nicht in tumbem Gehorsamseifer und Konservatismus erstarrt, ist sie eine durchaus sinnvolle Einrichtung, damit die Gesellschaft und ihre Prozesse funktionieren und weiter bestehen bleiben. Die Fähigkeit zur Anpassung ist biologischen Systemen bekanntlich nicht fremd, und die soziale Anpassung enthält tatsächlich einen biologischen Faktor, der sie uns erst ermöglicht.

An diesem Punkt der Darlegung kann nun das Konzept der menschlichen Freiheit und ihrer Negativität genau begriffen werden. Wir erleben sie in Situationen, in denen wir uns GEGEN Andere oder GEGEN die Gesellschaft als Konstrukt einer scheinbaren oder realen Mehrheit oder GEGEN die Vorgaben vergangener Generationen 'entwerfen'. Wir können unser Leben zwar ebenso gut und meist zufriedener gestalten, indem wir mit dem Strom schwimmen und uns dazu durchaus auch frei entschließen, doch die eigentliche Freiheit beginnt erst dort, wo zumindest punktuell gegen einen Comment verstoßen wird.

Bevor sie sich entfalten kann, bedarf diese Freiheit einer teils instinktiven, teils rational begründeten kritischen Haltung, einer bewussten KRITIK des gegebenen, als unfrei empfundenen oder sonstwie kritikwürdigen Zustandes.

Leider besteht solcherlei Kritik nicht immer nur aus altruistischen und substantiellen Einwänden gegen herrschende Zustände, sondern vielfach aus Graustufen, von der rebellischen aber oft inhaltsleeren Opposition von Teenagern über alles, was Menschen dazu bringt, mit ihrem Leben unzufrieden zu sein und daher in irgendeiner Weise gegen das zu opponieren, was sie fälschlich dafür verantwortlich machen, bis hin zu jenen illegalen Unternehmungen, die hauptsächlich dazu dienen, den eigenen Geldbeutel zu füllen und sich auf diese doch recht fragwürdige Weise gegen die Interessen der Mehrheit zu stellen.

Angewandte Freiheit erzeugt zunächst ein Moment der Ungleichheit zu den angepassten Gliedern der Gesellschaft, das jedoch, wenn der Prozess der Freiheit auf Dauer weiter funktionieren soll, später wieder eingefangen werden muss. Damit sie sich entfalten kann, ist außerdem eine gewisse Aggressivität des Individuums vonnöten, und auch vorschießende Triebimpulse und Egoismen des Unbewussten, eine jugendfrische Kraft, um sich über Konventionen hinwegzusetzen. Allerdings stellt dies allein noch keine Freiheit dar, so wenig wie die Möglichkeit der Selbstverwirklichung, die manchmal als 'positive Freiheit' bezeichnet wird, sich aber oft aus den ökonomischen Umständen ergibt, unter denen man lebt und arbeitet - z.B. dem Wohlstand einer Klasse oder Gesellschaft, welcher man angehört und die den Individuen eine um so größere Auswahl an Lebensoptionen eröffnet, je wohlhabender sie ist.

Der Kern der Freiheit tritt eigentlich erst dann zutage, und zwar in Form 'negativer Freiheit', wenn von anderer Seite versucht wird, diese Selbstverwirklichung zu beschneiden, wenn etwa - um auf das obige Zitat zurückzukommen - Einstein aus gesundheitlichen Gründen der Tabakkonsum verboten wird, und er sich über diese Konvention hinwegsetzt (oder auch nicht). Der Impuls zu rauchen ist ein ganz normaler Impuls des Handelns, der sich aus dem momentanen Bewusstseinszustand und/oder der Nikotinabhängigkeit eines Menschen ergibt und natürlich durch materielle Zwänge eingeschränkt sein kann, wenn mir etwa der Tabak ausgegangen ist.

Die Entscheidung, neuen Tabak zu besorgen, hat normalerweise ebenfalls nichts mit Freiheit zu tun, sondern Freiheit kommt erst dann ins Spiel, wenn ein Rauchverbot existiert, über das ich mich bewusst hinwegsetze, also aufgrund der individuellen Negierung eines Zwangs. Von daher ist Freiheit überall verbreitet, wo es Regeln und Gesetze gibt, also in jeder Gesellschaft. Sie ist ein Konstituens unseres Wesens - und damit wiederum auch der Gesellschaft, die sich mit ihren kritischen, freien Subjekten arrangieren muss. Wenn der äußere Zwang zu stark wird, weil etwa bei Tabakkonsum oder Gesellschaftskritik eine lange Haftstrafe droht, fällt es schwer, Freiheit zu leben bzw zu realisieren. Umgangssprachlich sagt man dann, die Freiheit ist verloren; doch gilt es zu betonen, dass gerade die Beschränkung der Freiheit ein Konstituens derselben ist, ohne den der Begriff keine Bedeutung hätte.

Neben den gesellschaftlichen kommt gewiss den natürlich-materiellen Zwängen bei der Entfaltung der Freiheit eine Bedeutung zu. Wir empfinden auch eine Freiheit des Willens, zum Beispiel zu bremsen oder schneller zu fahren, wenn unser Auto entsprechend dem Newtonschen Axiom einfach weiterrollen würde. Wenn wir dann Gas geben, erleben wir dies ebenfalls als Freiheit, ohne dass in diesem Fall ein Anderer oder die Gesellschaft im Spiel wäre. Auch hier ist es aber so, dass wir etwas aufhalten wollen und können, was gesetzmäßig anders verlaufen würde, d.h. wir stellen uns auch in diesem Fall GEGEN den normalen Lauf der (physikalischen) Dinge.

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Abwesenheit sozialer oder materieller Zwänge allein keinen Zustand von Freiheit definiert, im Gegenteil. Denn erstens existiert ein solcher Zustand nicht, da alle realen Gesellschaften nachgerade durch das Vorhandensein von ungeschriebenen wie auch von expliziten Zwängen geprägt sind. Zu jeder Zeit ist der Andere ein Erschwernis meiner Freiheit. Schon indem er mit mir in Interaktion tritt, lenkt er mich von meinem freien, unabhängigen Handeln ab. Das ist an sich nicht negativ zu bewerten, sondern ein integraler Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens. Und zweitens entspricht die sich entfaltende Freiheit einem Prozess innerhalb des Individuums, der die Anwesenheit von inneren und äußeren Einschränkugen voraussetzt, an denen es sich abarbeiten und gegen die es sich selbst entwerfen kann. Wobei die äußeren Zwänge sich im Verlauf dieser Entfaltung in innere Impulse verwandeln und diese zurückwirken ins Äußere; d.h. auf meine freie Entscheidung folgt meine freie Tat.

Innerhalb des so beschriebenen Konzeptrahmens der Negativität der Freiheit kann man die Frage nach der absoluten Freiheit und ihrer Metaphysik erneut stellen. Wir haben gesehen, dass Freiheit ganz allgemein durch das Aufbegehren gegen Regeln und Gesetze definiert wird. Darüberhinaus ist der Verlauf unserer Existenz, von den Naturgesetzen her, die uns keine Wahl lassen denn als beschränkte biologische Wesen zu vegetieren und eines Tages zu sterben, vollständig determiniert. Absolute Freiheit in einem elementaren Sinn kann daher nur bedeuten, genau gegen diese unsere physische Gefangenschaft im Kosmos aufzubegehren und sie zu überwinden. Wenn das gelänge, ergäbe sich sofort eine Metaphysik der Freiheit, als Vorbedingung einer metaphysica omnibus. Denn man kann geradezu sagen, dass in solchem Projekt das letzte Ziel jeglichen metaphysischen Interesses besteht.

Nach allem, was wir wissen, ist jene Grenze allerdings noch nie überschritten worden. So bleibt dem Menschen seit Jahrtausenden nichts anderes als die Grenzen seiner Gefangenschaft so genau wie möglich zu vermessen, und man darf wohl behaupten, dass in dieser Erkundung die metaphysische Motivation für alle Fundamentalwissenschaften liegt (Kosmologie, Elementarteilchenphysik usw).

Von der Utopie der absoluten Freiheit abgesehen: unser Gehirn besitzt 86 Milliarden Nervenzellen. Von jeder dieser Zellen gehen 1000 bis 10000 Synapsen zu anderen Zellen. Die Prozesse, die sich darin abspielen, sind also wahrhaft komplexe Vielteilcheneffekte. Eigentlich nur ein materieller Wurmfortsatz der Natur, sind sie dadurch in der Lage, sich gewissermaßen von ihrer physikalischen Materialität abzukoppeln und eine eigene Ebene der Existenz zu formieren - die des menschlichen Geistes und seiner sozialen Gemeinschaften, die durch diese Unabhängigkeit ganz explizit einen Raum der Freiheit-für-uns gegen ihre naturgesetzliche Determiniertheit zu schaffen erlaubt2. Erst dies ermöglicht im übrigen der Natur auf dem Umweg über den Menschenverstand, sich selbst zu erkennen.

Interessant auch, dass die neuronale Komplexität zu einem einzigen Ich-Bewusstsein, einer einzigen Ich-Individualität kondensiert, deren Gedanken oft von ziemlich eindimensionalen Vorstellungen, von Trivialitäten und Fixierungen dominiert werden, von der Gier nach Geld, Macht oder Frauen, von dummen Vorurteilen, simplen Freund-Feind Kategorien und so weiter. Wir meinen frei zu handeln, erfüllen aber in Wirklichkeit meist nur offensichtliche Erwartungen; unsere Freiheit liegt dann bestenfalls darin, dass wir zwischen mehreren Erwartungshorizonten wählen dürfen. Natürlich kann man sagen, es kann gar nicht anders sein, weil wir ja in einer Wirklichkeit existieren, und unsere freie Wahl orientiert sich naturgemäß an dieser Wirklichkeit, weil das metaphysisch ganz Andere nicht erreichbar ist. Es ist schon viel, wenn die Selbstkonstitution des Ich gegen die eigentlich fremde Welt im Innern dieser Welt gelingt. Denn der Normalfall ist gewiss die Anpassung.

Und es wurde auch bereits darauf hingewiesen, dass auf ausgetretenen Pfaden zu bleiben, durchaus eine freie Entscheidung ist. Der fruchtbare Kern unserer Freiheit allerdings besteht darin, als erster etwas komplett Neues zu denken oder zu realisieren. Wer nur Gelegenheiten ergreift, um sich biologische, materielle und psychologische Vorteile zu verschaffen, ist nicht wirklich frei, und es ist sehr die Frage, ob sich ein Lebensentwurf, der sich im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten jeweils den größten Vorteil 'frei' herauspickt, nicht eher opportunistisch genannt werden muss.

In der Summe setzt die so beschriebene Freiheit ein Amalgam aus Biologie, Physik und Gesellschaft voraus; denn sie findet naturgemäß innerhalb des sozialen und materiellen Kosmos und seiner Zwänge und Einschränkungen statt, in welchem wir leben, und unter den Auspizien des schwachen Determinismus. Damit das Leben und die Polis nicht in Überanpassung oder in Tyrannei (oder beidem) verdorren, muss im Idealfall von der Gesellschaft ein gesundes Gleichgewicht zwischen (A1) Revolte-Befreiung, (A2) Eigeninitiative und (B) Sozialstaat zugelassen bzw gewährleistet werden.

In dieser Diskussion mag es zuweilen erscheinen, als ob sich der Begriff der Freiheit, und auch der Gleichheit, ganz durch die menschliche Rationalität abdecken ließe. Um so wichtiger ist es, hier noch einmal auf die Bedeutung der Instinkte für die Freiheit hinzuweisen. Sie schränken die Freiheit ein, aber da sie vieles in unserem Verhalten und vor allem in unserem Willen unbewusst bestimmen, sind sie die Grundlage, die die Freiheit hinzunehmen, auf der sie aufzubauen hat. Wenn wir gierig einem Anderen etwas wegnehmen, muss das auch zur Freiheit gehörig angesehen werden. Denn Freiheit ist Freiheit in der Welt (abhängig von den Zwängen, den Bedingungen, den Gelegenheiten der Welt) und und ist Freiheit im Bewusstsein (abhängig von den oftmals primitiven Ausrichtungen des Bewusstseins).

Mit der Freiheit verbunden ist in allen Fällen eine ungerichtete energische Aggressivität als notwendige aber nicht hinreichende Voraussetzung des Freiheitsimpulses. Der entscheidende inhaltliche Wesenszug ist der Antagonismus, die Wechselwirkung. Ich muss auf das Verhalten des Anderen reagieren, bin jedoch auch selber frei, so zu handeln, dass er wiederum auf mich reagieren muss.

Aber ist Freiheit wirklich Freiheit ganz in dieser Welt? Ja, es stimmt, und doch auch nicht. Der einfache ontische Reflex, mein Selbst durch meine Freiheit gegen die Anderen zu definieren, enthält eine metaphysische Komponente, welche zur Grenze hinstrebt, genau wie jede neue Erkenntnis bzw das Streben danach ein Moment des Transzendierens enthält, das über jedes vordergründige Erkennen hinausweist.

1 Schopenhauer hat den Willen zum Weltprinzip schlechthin erklärt und Nietzsche in einer zusätzlichen Hypostasierung den Willen zur Macht. Dabei dient doch jeder Wille, dient jedes zwanghafte Sich-durchsetzen-wollen nichts Anderem als dem Wunsch des biologischen Wesens, sich in irgendeiner Form (Vermehrungs-)Vorteile zu verschaffen; dient damit dem großen Weltprinzip der DNA. Doch auch mit der Hypostasierung des Darwinismus sollte man es nicht zu weit treiben. Die biologische Natur ist doch nicht viel mehr als ein bloßer Moosbehang unseres Planeten. Wirklich fundamental sind nur die Gesetze des Kosmos, die dies alles ermöglichen.

2 An dieser Stelle unterscheide ich mich von dogmatisch-naturalistischen Ansätzen.