Letztbegründungen

 

An verschiedenen Stellen in diesem Werk ist argumentiert worden, dass es Sinn und Zwecke auch jenseits des Menschen und seiner Vernunft geben kann. Nicht alle Philosophen teilen diese Ansicht. Viele machen den menschlichen Verstand und sein Bewusstsein zum absoluten Zentrum ihres Denken, oder sie nehmen eine gewissermaßen postmoderne Haltung ein, in der man gelernt zu haben meint, dass es keine intellektuellen Sicherheiten gibt, und dass alle Letztbegründungen und scheinbaren Gewissheiten der Erkenntnis nur innerhalb von vorher verabredenten Axiomensystemen gelten.

Der Systemtheoretiker Luhmann zum Beispiel, hat Sinn für nichts anderes als eine Kategorie gehalten, mit der psychische Systeme (Menschen) die Komplexität der sie umgebenden Welt reduzieren, um sich in ihr über Kommunikationsprozesse zusammenzuschließen und gemeinschaftlich orientieren und arbeiten zu können. Sinn ist hier nur für ein individuelles oder gesellschaftliches System definiert, und auch letztlich nur im Hinblick auf die Funktion der Aufrechterhaltung dieses Systems. Obwohl eine solche Definition für viele Bereiche unserer Existenz durchaus überzeugend ist, stellt sie doch einen stark eingeschränkten Denkansatz dar. Um das zu erkennen, muss man den Systemtheoretiker nur fragen, worin der Sinn besteht, gemeinschaftlich zu arbeiten und das System aufrecht zu erhalten. Er wird dann vielleicht sagen, damit es den Menschen materiell gut und möglichst immer besser geht, damit sie sich frei entfalten oder fortpflanzen können o.ä. Im Grunde läuft es auf die sich im Kreis bewegende Behauptung hinaus, der Sinn des Menschen sei der Mensch selbst. Im Einklang mit allen philosophischen und soziologischen Strömungen, die den Menschen, sei es als Individuum oder als Gattung für das Maß aller Dinge halten und z.B. der Natur kein eigenständiges Existenzrecht einräumen. Viele dieser Philosophen würden sicherlich darin übereinstimmen, dass der Naturschutz ein hohes Gut ist - jedoch im Rahmen ihrer anthropozentrischen Sicht nur insofern er Leben und Lebensgefühl der Menschen verbessert.

Andere, ebenso unbefriedigende Versuche der Letztbegründung knüpfen an die subjektiv erfahrene Lebenswelt des Menschen an, die als primordiale Sphäre unserer Existenz und also auch des Denkens den Nährboden und angeblich auch die Determinante für jede Art der Letztbegründung darstellt. Abgesehen davon, dass sich die wahrgenommene physikalische Natur heutzutage von der Lebenswelt des Menschen ziemlich weit entfernt hat, landen diese Philosophen mit ihrem Ansatz aber entweder wieder nur bei den irdischen Zwecken und Interessen, die unser Denken zugegebenermaßen oftmals leiten, oder sie meinen eigentlich nur Vergewisserung statt (Letzt)-Begründung. Denn als Beispiele betrachten sie oft scheinbar absolut einleuchtende Gewissheiten, wie etwa den Satz vom Widerspruch oder die Unbezweifelbarkeit der Existenz meines Ich, weil sie wohl meinen, dass es für derartige Gewissheiten eine Letztbegründung ja geben müsse. In Wirklichkeit existieren verallgemeinerte Logiken und auch alltägliche Erfahrungen, etwa Streitigkeiten in der Familie, wo der Satz vom Widerspruch nur eine sehr begrenzte Gültigkeit hat, und kann man die Existenz des eigenen Ich durchaus auch anzweifeln. Da sie leicht täuschen kann, ist unsere Lebenswelt daher kaum als höchste Letztbegründungsinstanz geeignet.

Es ist bisher unmöglich für unseren beschränkten Verstand zu erkennen, ob es eine letzte Begründung allen Seins gibt, d.h. eine Begründung sowohl des physikalischen Kosmos samt seiner großen und kleinen Bestandteile als auch des menschlichen Bewusstseins selbst, das sich anscheinend nach chemischen Grundsätzen aus biomolekularen Stecksystemen entwickelt hat. Im Grunde geht es um die Frage, was 'dahinter' steht, aus welcher 'Substanz' sich alles zusammensetzt und welche Dynamik diese Substanz antreibt. Solange wir die Antwort nicht kennen und nicht einmal wissen, was die Vielfalt der Elementarteilchen - von den Neutrinos bis zum top-Quark - verursacht, enthält diese Frage jedenfalls eine metaphysische Komponente.

Kant hat versucht, seine Transzendentalphilosophie, also die Erkenntnistheorie, als eine oberste Instanz zu inaugurieren, die solche letzte Begründungen liefern kann und daher Vorrang vor allen Wissenschaften haben muss. Gegen Kants Vorgehen lässt sich trivialerweise einzuwenden, dass gerade die von ihm zu recht hervorgehobenen Folgen der Einschränkugen unserer Erkenntnisfähigkeit dem Erkennen von letzten Gründen nicht eben förderlich sind. Es stellt sich also die Frage, ob die Konzentration auf die Möglichkeitsbedingungen der menschlichen Vernunft und überhaupt der gesamte Bereich der Erkenntnistheorie wirklich einen essentiellen Beitrag zur Letztbegründungsdebatte leisten können.

Anders gesagt ist an dieser Stelle die Kernfrage, ob unsere Vernunft, welcher wir immerhin die edelsten Erkenntnisse über den Aubau der Welt und das Verhalten unserer Bewusstseine verdanken, als Letztbegründerin tauglich sein kann. Ihre Existenz mag zwar notwendig sein, doch sicherlich ist sie nicht hinreichend. Denn da die Vernunft beschränkt und fehlbar ist, gebührt eher der Natur solche Ehre. Diese ist immer die letzte Instanz, sie setzt die Skalen der Wahrheit, die für-sich nicht weiter begründet werden müssen.

Dass sie in dem Sinne unfehlbar ist, weil sie den Ausgang eines Experiments diktiert, heißt natürlich nicht, dass sie 'wahr' in einem logischen oder sozialen Sinn ist. Im Gegenteil ist sie oft eher unmenschlich kalt und wenig empathisch, und sie ordnet sich weder dem menschlichen Sozialkosmos noch seinem analytischen Verstand letztendlich unter. Um hier weiterzukommen, soll zunächst auf den bekannten Unterschied zwischen physikalischer und theoretischer (z.B. mathematisch-logischer) Erkenntnis eingegangen werden. Während die theoretische Erkenntnis nach Belieben haufenweise Implikationen und Tautologien aus vorgegebenen Axiomensystemen zu generieren vermag, werden die Wege der physikalischen Erkenntnis und Wahrheit zu einem Gutteil von der Natur selbst festgelegt.

Um sie dem menschlichen Verstand zugänglich zu machen, müssen allerdings die Phänomene-an-sich der Natur durch Begriffe erfasst und auf dieser Basis Experimente ersonnen und durchgeführt werden, die den Wissenschaftlern nähere Informationen über diese Erscheinungen geben sollen - ein Vorgang, der einen gewissen Stand der Technik und der Naturerkenntnis voraussetzt. Von Modellvorstellungen gespeiste Begriffe und Pointer sind hier unabdingbar, um die Experimente zu konzipieren und auszuwerten, weil es ja keine andere Möglichkeit gibt, in und aus unserem Bewusstsein zu gelangen als nach den Regeln und Pfaden des Verstandes. Der Verstand stellt via Experiment Fragen an die Natur, und die Antworten gibt die Natur im Idealfall völlig unabhängig vom Menschen.

Im Normalfall hängen diese Antworten allerdings von der Art und Weise ab, wie und mit welchen Hintergrundvorstellungen die Frage gestellt worden ist, doch im Kern zielt die Gesamtheit der Experimente darauf, sich der Natur aus verschiedenen Richtungen zu nähern und dadurch eine gewissermaßen begriffs-unabhängige Wahrheit über die Natur zu gewinnen, also einen Blick auf die Dinge-an-sich. Obwohl sich auf dieser Grundlage viele natürliche Vorgänge ingenieurstechnisch steuern und verwerten lassen, kann man dies kaum als 'Herrschaft' über die physikalische Natur bezeichnen.

Zusammen mit bereits vorhandenen Modellen und Hypothesen über den Aufbau der Welt helfen die theoretischen Wissenschaften (Logik, Mathematik und Philosophie), die davon unabhängig selbstverständlich auch ein eigenes Existenzrecht haben, als eine Art formaler Rahmen, die physikalischen Ergebnisse auszuwerten und einzuordnen. Dabei parallelisiert die innere Konsistenz des theoretischen Denkens eine entsprechende Kohärenz und Verlässlichkeit im Verhalten der Natur.

Kraft ihrer Faktizität wird diese in allem immer das letzte Wort behalten, sei es durch die Bestätigung einer bekannten Theorie oder durch überraschende sich aus den experimentellen Ergebnissen ergebenden Wendungen. Hierbei ist die nicht immer in ausreichendem Maße vorhandene Bereitschaft der Forschenden einzufordern, in entscheidenden Situationen auf altbewährtes Modellinventar zu verzichten und neue Sichtweisen zuzulassen.

Ein teilweise berechtigter Einwand gegen diese 'naturalistische' Interpretation des wissenschaftlichen Vorgehens kommt daher, dass die Qualität der Naturerkenntnis durch psychosoziale Faktoren beeinflusst werden kann. Ich habe an anderer Stelle in diesem Werk mehrere Unterschiede zwischen physikalischer und geisteswissenschaftlicher Erkenntnis herausgearbeitet - als Beispiel seien die Gesetze der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gesellschaften, etwa im Bereich der Ökonomie oder der Kultur erwähnt, die einen ganz anderen Charakter haben als die Naturgesetze. Die Beeinflussung der Naturerkenntnis durch psychosoziale Faktoren erfolgt denn auch nicht so, dass unter anderen psychosozialen Bedingungen ganz andere Gesetze herauskommen würden. Sondern es hängt die Aussagekraft der Experimente a) von dem historisch erreichten Stand der Begriffsbildung, etwa der Erfindung der Quantentherie sowie b) von den technischen Möglichkeiten / dem Stand der Produktivkräfte in der sich ständig höher entwickelnden Gesellschaft ab, und auch c) von dem zur Verfügung stehenden analytisch-mathematischen Handwerkszeug der Wissenschaften und dem sonstigen Weltbild der Forscher.

Neben dem logischen und dem physikalischen gibt es noch einen weiteren Sinn, dem wir dem Begriff der Wahrheit gelegentlich beigeben, nämlich den, in dem wir vom 'wahrhaft' Guten, 'wahrhaft' Schönen o.ä. sprechen. Dies führt in die angewandte Philosophie der Ethik und der ästhetischen Theorien, von denen in diesem Abschnitt jedoch nicht die Rede sein soll. Auch muss man Abstand davon nehmen, aus dem Absolutheitsanspruch der Wirklichkeit und der daraus sich ergebenden Konkordanz von Wirklichkeit und Wahrheit im Bereich der physikalischen Erkenntnis zu schließen, das 'wahrhaft' Gute oder Schöne lasse sich nur in der Natur finden. Denn Ethik und Ästhetik sind menschliche Kategorien, die mit der Natur nur insofern zu tun haben, als der Mensch ein Naturwesen ist. Er empfindet gewisse natürliche Umgebungen als schön, d.h. ordnet ihnen ein ästhetisches Merkmal zu, weil er gelernt hat, dass sie nicht mit Erfahrungen von Gefahr, sondern von Freude oder Entspannung korreliert sind. Analog ist die ethische Wahrheit in allem Anfang mit dem Überleben (in) der Gemeinschaft korreliert, und also mit jenem anthropozentrischen Sinnbegriff, über den die Metaphysik hinausgelangen will.

In der modernen Erkenntnistheorie wird oft versucht, die Einsichten von Kant um die diesen an sich entgegenstehenden Bedenken des englischen Pragmatismus und Positivismus in der Nachfolge Humes und Poppers zu erweitern. Diese besagen, es sei nicht möglich, für irgendeine Aussage Letztbegründung zu beanspruchen. Und also sei sicheres Wissen unmöglich.

Darauf ist zu erwidern, dass sich der Letztbegründungsgedanke im Bereich der Metaphysik auf die Dinge-an-sich und bestenfalls noch um die Verortung der menschlichen Rolle im Kosmos bezieht, während er im Bereich der Erkenntnistheorie, wo es nur um die Strukturbedingungen unseres Wissens und Begreifens geht, ohnedies eigentlich nichts verloren hat. Denn was soll Letztbegründung im Bereich der Erkenntnis überhaupt heißen? Dass die überwältigenden Einsichten des Kopernikus in ziemlich weitgehender Form ein absolutes Wissen-an-sich darstellen, ohne aber einen metaphyischen Charakter aufzuweisen, ist spätestens seit den Tagen klar, als die ersten Astronauten die Erde über dem Mond aufgehen sahen. Es handelt sich hier, wie auch bei vielen anderen weniger bedeutenden physikalischen Einsichten, durchaus um sicheres Wissen (sic!), ohne dass aber Letztbegründungsansprüche erhoben werden.

Natürlich kann man mit Hume immer argumentieren, dass gar nichts sicher sei, so wie wir unseres Selbst und der Existenz unseres Bewusstseins auch nie hundertprozentig sicher sein können. Doch geht es bei Wissen und Erkenntnis gar nicht vorrangig um die Frage der äußersten Sicherheit oder Begründung, sondern darum, wie gut beziehungsweise wie genau sie sind.

Letzte Sicherheit in Bezug auf das Wissen wäre allenfalls in gewissen Bereichen der Metaphysik von Bedeutung; in der Wissenschaft geht es vielmehr hauptsächlich darum, Eigenschaften und Verhalten von theoretischen oder materiellen Untersuchungsgegenständen möglichst gut zu verstehen. Wie an anderer Stelle dargelegt, kann man zwar die Dinge-an-sich niemals vollständig begreifen; doch kommen die Bilder, die etwa Kopernikus entworfen hat, indem er die Bewegung von Sonne und Planeten in eine richtige Relation zueinander setzte, dem hier favorisierten absoluten Verstehensideal schon ziemlich nahe. Der nächste Schritt ist dann die Mathematisierung, um zu einer quantitativen Beschreibung zu gelangen. Hier ist Newton nennen, dem es gelang, aus seinem Gravitationsgesetz ma=Kraft=GMm/r2 die Ellipsenbahnen der Planeten abzuleiten.

Jedoch sollte man sich hüten, in dem Prozess der Mathematisierung, genau wie in anderen analytischen Methoden etwa der Logik, mehr als eine wenngleich hocheffiziente und bei komplexen Problemen mitunter ungemein hilfreiche Plausibilisierung zu sehen. Die beiden entscheidenden Newtonschen Annahmen,

-die Gravitationskraft linear mit Masse und Raum und

-Kräfte überhaupt linear mit Masse und Beschleunigung

zu korrelieren, sind von bestechender mathematischer Simplizität. Auch andere und sogar fast alle grundlegenden physikalischen Erscheinungen wie etwa der Elektromagnetismus, dessen Lagrangewechselwirkung für ein geladenes Fermion E und ein Photon A sich durch einen Term e*Ebar*Aslash*E beschreiben lässt, wobei e die Stärke der Kopplung angibt, folgen linearen Gesetzmäßigkeiten, und man kann daraus mit Recht auf eine entsprechend simple Eigenschaft und Qualität der Materie schließen.

Es ist zwar durchaus denkbar, dass wir die einfache Form dieser Gesetze zum Teil der Tatsache zu verdanken haben, dass die diskrete Tetronstruktur, die unserer Welt zugrunde liegt, bei den für uns im Kosmos sichtbaren/erreichbaren Temperaturen/Energien/Abständen praktisch nicht auszumachen ist, i.e. weil diese sehr klein/groß gegen die Planckskala sind. Doch wird auch die künftige Beschreibung der Tetrondynamik dem Wesen nach auf mathematisch einfachen, plausiblen Modellen basieren.

In den übrigen Wissenschaften ist die Situation etwas anders als in denen der Natur. Während man in den Geisteswissenschaften meist nicht umhin kommt, den historischen Entwicklungsinhalt möglichst vollständig nachzuzeichnen und dafür die 'Gesetze' einen weniger zwingenden Charakter haben, kann man es sich in Logik und Mathematik formal einfach machen und von festen, wie vom Himmel gefallenen Axiomensystemen ausgehen, die nicht hinterfragbare Dogmen repräsentieren, auf die sich eine Theorie widerspruchsfrei, also logisch wahr, aufbauen lässt. Allerdings fehlen dabei die Gründe und die Motivation, warum man gerade dieses und nicht ein anderes Axiomensystem in das Zentrum des Interesses stellt. Auch in der theoretischen Physik gibt es axiomatische Ansätze, doch in ihrer scheinbaren Rigorosität sind sie meist nicht in der Lage, mehr als nur einfache Sonderfälle zu untersuchen, und weichen darüberhinaus der zentralen metaphysischen Frage aus, welche Substanz und besonders welcher Sinn letztlich alle Phänomene der Natur zusammenhält. Außerdem lehnen sich solche Axiomensystem notgedrungen an den aktuellen, mitunter unzureichenden statt an einen absoluten Stand des Wissens an.

So ist denn auch seit Jahrhunderten das effektivste Vorgehen der Naturwissenschaften erwiesenermaßen ein anderes: die Suche nach immer neuen Effekten und neuen Ebenen von Kleinheit (und Größe) in der Materie. Zuerst die Atome, dann die Elementarteilchen, und schließlich angesichts der Vielzahl von Quark- und Lepton-Arten noch eine weitere Schicht der Realität, das Tetronkontinuum.

Die Geschichte der Physik ist also die eines ENDlichen Regresses, dessen Endpunkt trotz Endlichkeit möglicherweise nie benannt werden kann, einfach weil uns Menschen auf der Erde die experimentellen Ressourcen fehlen, um die Ebene der Tetronen genau genug analysieren. Unter anderem in dieser Unsicherheit drückt sich die metaphysische Komponente aller Erkenntnis aus. Die von Kritizismus und kritischem Rationalismus gemachte Anmerkung, dass die Fruchtbarkeit einer Theorie im Mittelpunkt stehen sollte statt ihre metaphsische Bedeutung, bleibt unbezweifelt; liegt aber auf einer anderen Ebene.

Das gilt auch für Theorien der Psyche und der Gesellschaft, die ohnehin keine immanente Letztbegründung besitzen können, weil menschliches Verhalten von immerzu changierenden Interessen und Weltbildern angetrieben wird und daher eigentlich kein fester Grund des Ich-Bewusstseins auszumachen ist. In der Soziologie wird versucht, allgemeine Sätze und Theorien für die Dynamik des sozialen Verhaltens aufzustellen (z.B. den Sozialdarwinismus als Triebfeder der o.g. Interessen). Doch haben diese vielfach den Charakter von qualitativen Näherungen, die nur TENDENZEN statt Prinzipien beschreiben! Dies liegt unter anderem daran, dass in der Entwicklung von Individuen, Gesellschaften und Arten der Zufall eine allzu große Rolle spielt.

Der schon mehrfach erwähnte angelsächsische Pragmatismus hat an dieser Stelle die wenigsten Probleme, weil er im engeren Sinne keine theoretische Philosophie von Natur oder Gesellschaft darstellt. Andererseits beharrt er auf der Spitzfindigkeit, dass man sich der Wirklichkeit und Kausalität nie ganz sicher sein könne. Darin liegt eigentlich eine wenngleich ungewollte Anerkennung der Metaphysik, nur dass behauptet wird, man müsse hierbei stehenbleiben und solle eben keine weitergehende Metaphysik treiben. In Wirklichkeit ist es aber so, dass die Wissenschaft selbst nie stehenbleibt und metaphysische Spekulationen existieren. Grundlagenforscher werden teilweise von metaphysikalischen Annahmen motiviert, auch wenn sie am Ende nach erfolgreicher Arbeit oft feststellen, dass ihre Ergebnisse am Ende von ziemlich prosaischer Natur sind.

Jene Art des Pragmatismus will auch nicht einsehen, dass der wissenschaftliche Fortschritt keineswegs immer vernünftig oder geradlinig verläuft. Sie fordert, alle möglichen Behauptungen und Modelle seien insofern gleich zu behandeln, dass alle überprüft und nach ihrer Fruchtbarkeit/Erklärungskraft beurteilt werden. Schon richtig, man soll ein offenes Auge für unkonventionelle Ideen haben, doch alle Modelle gleich zu behandeln oder abwegige Hypothesen sogar zu bevorzugen ist ein ziemlich umständliches Prinzip, das an der Wirklichkeit der Forschung außerdem vollständig vorbeigeht. Forscher lassen sich von Vorurteilen leiten, oft in Gestalt von allgemein anerkannten, auf dem Marktplatz des Denkens quasi-totalitär herrschenden Modellen, eben jenen, die sich eines guten Rufes erfreuen und von einflussreichen Marktteilnehmern gepusht werden. Erst wenn es gar nicht mehr anders geht, wendet man sich von ihnen ab.

Der cleverste Schachzug, um zu einer wahren Koryphäe aufzusteigen, besteht oft darin, Modelle auf den Markt zu bringen, die sich kaum oder gar nicht verifizieren/falsifizieren lassen. Das ist in der Geschichte der Wissenschaften öfter vorgekommen, und heutzutage wieder weit verbreitet. Nicht unähnlich einem Hollywoodfilm verkaufen sich solche Modelle um so besser, je exotischere Ideen und Träume sie bedienen. Wenn ihnen die Mehrheit der Mitläufer in der Wissenschaftscommunity folgen, kann dies den Fortschritt der Wissenschaft über Jahrzehnte lähmen. Dabei ist noch zu bemerken, dass bereits die klassische Physik einschließlich Quanten- und Relativitätstheorie ein gigantisches Wissenssystem darstellt, das jungen Forschern immer aufs Neue Affirmation und Konformismus abverlangt.

In der aktuellen Fundamentalphysik heißt es seit Jahren: die Arbeit von Witten muss gut sein, Supergravity muss richtig sein, GUTs müssen richtig sein, Strings müssen richtig sein usf. In Wahrheit bestehen in Bezug auf die zu erforschenden Ränder unserer Weltwahrnehmung erhebliche Unsicherheiten. Statt diese zu benennen und mitzudenken, einigt man sich auf einen für absolut erklärten Kodex (z.B. der Superstrings), an den sich fast alle halten, obgleich er mehr Fragen offen lässt als er Antworten gibt. Es besteht ein offenkundiges Missverhältnis zwischen dem tatsächlichen Wissen der Forscher und ihrem Glauben an den Kodex.

Obwohl es sich um absolut ungesicherte Hypothesen handelt, treten sie in Vorträgen und auf Kongressen als mehr oder weniger einzige Wahrheit auf. Das nur, weil mehrere Gruppen von einflussreichen Forschern zu einem bestimmten Zeitpunkt beschlossen haben, ihre im Grunde einfallslose Theorie nach vorne zu bringen - mit der Aussicht, dass diese Seilschaften besonders von den staatlichen Fördertöpfen profitieren. Das System funktioniert um so besser, je mehr Mitläufer sich dieser Theorie, die alsbald zum Mainstream avanciert, anschließen. Mit deren Liberalität ist es nicht weit her, weil jedes alternative Weltmodell eine potenzielle Bedrohung für ihre Geschäftsidee darstellt. Die Bequemlichkeit des wissenschaftlichen Fußvolks kommt ihnen entgegen. Damit alle Konformisten mitmachen, überlässt man es ihnen, sehr spezielle Teiltheorien bis in Details auszufeilen, die in Wahrheit auf nichts als jenen wolkigen, unbewiesenen Hypothesen basieren.

Die Situation ist hier ziemlich analog zu den Geisteswissenschaften, die ebenfalls von ein paar Klassikern und im übrigen von jeweils mächtigen Modeströmungen dominiert werden.