Erinnerungen an Martin Gladigau
 

2014 habe ich meinen besten Freund verloren. Genau wie ich hat auch er gemeint - wenngleich mit anderen Methoden - die Natur der Welt entschlüsseln zu können. Wobei er den Begriff der 'Welt' weiter fasste, weil für ihn das Denken und mentale Phänomene einen dem Physikalischen gleichrangigen Platz im Kosmos einnahmen. Daher hat er Philosophie studiert und über viele Jahre an seinem geisteswissenschaftlichen Projekt gearbeitet.

Jetzt, wo er nicht mehr da ist, sind praktisch keine Spuren von ihm geblieben. Er schweigt, und was er gesagt hat, werden vielleicht andere in anderen Worten neu erzählen, so wie auch vor ihm schon manches Ähnliche gesagt worden ist. Wir alle sind nur Klumpen mikroskopischer Anregungen, die sich auf dem Hintergrund einer scheinbaren Unendlichkeit bewegen.

14 Milliarden Jahre und eine Welt, welche damals zu unbekannter Größe kondensiert ist, sind viel im Vergleich zur Lebenszeit eines Menschen, doch nur wenig im Vergleich zur wahren Unendlichkeit. Dennoch will ich hier von meinem Freund erzählen, der neben meiner Familie der wichtigste Bezugspunkt meines Selbst gewesen ist und der sich, da ich nun alt werde, kaum mehr ersetzen lässt. Man verliert im Laufe des Lebens immer mehr essentielle Bestandteile seines Ich, bis man selber ganz verloren ist in einer vollständig regenerierten Menschheit, zu der man nur noch wenig Bezug hat. Doch ich schweife ab, will von Martin erzählen, der mich immer begleitet und meine Ideen mit wertvollen Anmerkungen ergänzt hat.

Wir waren so gut befreundet wie 2 Männer in ihren unterschiedlichen Wesenheiten befreundet sein können. Er fehlt mir heute fast jeden Tag. Bei vielen interessanten Fragen gibt es in meiner Umgebung niemanden, den sie ähnlich interessieren würden. Eine engere Bindung hatte ich in meinem Leben nur zu meiner Familie. Mein Universum ist und war immer relativ klein. Außer ihm hatte ich noch ein paar andere Freunde, doch nie über so viele Jahre.

Wann immer wir uns trafen, unternahmen wir philosophische Wanderungen, durch Wälder und Felder, aber auch durch die Städte, in denen wir lebten, und unsere Worte kämpften gegen die Geräusche des Verkehrs und der Winde an. Ich erinnere mich an lange Spaziergänge in schattigen Wäldern, wo die warmen Blätter der Zweige uns übers Gesicht strichen und die Sonne sich immer mal wieder durchstahl, während wir uns über Hegel austauschten, über Hölderlin, Sartre, Adorno - all die Namen, die der deutsche Intellektuelle zu Stützpunkten seines Denkens erklärt.

Ich liebte Sartre am meisten, und sprach über Platon, Aristoteles und besonders auch Heidegger mit größerer Verachtung als er. Denn im Verlauf seines Philosophiestudiums, das er nie abschloss, brachte er den gesamten Kanon der alten Philosophen ins Spiel. Ich ging meist voraus, und hörte mir seine weitschweifigen Reden an, lernte und unterbrach ihn doch oft, um eigenen Senf dazu zu tun, meist aus der Perspektive eines, der wenig Respekt vor den Klassikern hat.

Last but not least wurde auch Naturphilosophisches ausführlich diskutiert, wo ich meine Kenntnisse als Physiker einbringen und gleichzeitig durch Martin meinen Horizont erweitern konnte. Es gab nichts Stimulierenderes als diesen Freund. Alle meine Werke sind von mir selbst, doch ihre Weite, die über die Enge der bestehenden Lehrmeinungen hinausgeht, haben sie von seinen verbalen Erörterungen. Denn die meisten forschenden Physiker sind in ihrem Schaffen äußerst beschränkte Beamtenseelen. In den Diskussionen mit Martin habe ich gelernt, solcherlei Enge zu überwinden.

Die Phasen unserer Freundschaft:

13-18 (1968-1974) - Schulzeit am Gymnasium Lübbecke
zuerst eine Zweckfreundschaft zwischen zwei Schülern, die sich in der Klasse eine Bank teilen, entwickelten sich unsere Interessen in identische Richtungen und ist später über viele Jahre eine sich dynamisch entwickelnde Wahlverwandtschaft gewesen. Martin war aus Kassel hergezogen, während mein alter Schulfreund Reinhard Selmke die Quarta freiwillig wiederholt hat und ich ihn dadurch aus den Augen verlor. Martin war zuerst ziemlich angepasst, das änderte sich radikal, als er in die Pubertät kam. Er hat viel ausprobiert, Marihuana und LSD, eine Jesuspeople-Kommune in Stockhausen öfter besucht, ließ in der Schule nach und war vielleicht auf der Suche nach etwas, was die Scheidung seiner Eltern kompensieren konnte, während ich vorsichtiger war, im rationalistischen Milieu blieb und relativ viel für das Abitur paukte.
Gemeinsame Reise: 1973 nach Schottland, Wales, England bzw Edinburgh, Aberystwith, London in dieser Reihenfolge. Damals habe ich noch gern Städtereisen gemacht.

19-32 (1975-1986) - Studienzeit
ich in Berlin, Göttingen, Hamburg; Martin bleibt bis etwa 1995 in Berlin, um der Bundeswehr zu entgehen, zieht dann zwecks Betreuung seiner Mutter nach Bielefeld, später nach deren Tod (etwa 2010) nach Kassel. Ich studiere ebenfalls zuerst in Berlin, entscheide mich für ein naturwissenschaftliches Studium, weil ich an die Wahrheit in der Natur glaube. Martin studiert Philosophie und, vielleicht weil er aus einer Familie von Pfarrern kommt, Religionswissenschaft. Ich finde in jenem Winter 1974/75 in Berlin keinen rechten Anschluss und ziehe nach nur 1 Semester nach Göttingen, und nach dem Vordiplom nach Hamburg weiter, auch aus einer inneren Unruhe heraus, die wohl für einen Teil der Jugendlichen typisch ist. Schon in Berlin haben Martin und ich uns etwas aus den Augen verloren. Er wohnt dort über die Jahre in verschiedenen recht chaotischen Wohngemeinschaften und reist öfter zu Bekannten nach Spanien, die ich nicht kenne. Wir treffen uns in meiner Göttinger und Hamburger Zeit nicht allzu oft, nur wenn wir zufällig beide in Ostwestfalen sind, und vielleicht einmal im Jahr bei gegenseitigen Besuchen. Dennoch bleibt der Kontakt bestehen, weil wir uns bei unseren Treffen immer etwas zu sagen haben. Ich habe in der ersten Zeit in Hamburg meine ersten Freundinnen.
Gemeinsame Reisen mit Martin: 1975 nach Griechenland, 1976 nach Sizilien (mit Sigrid, Elvira, Reinhard), 1978 Mittenwald (mit Reinhard zum Wandern), irgendwann Anfang der 80er in Südtirol

32-52 (1987-2007)
ich in Hannover, Genf, Leiden, München. Meine Kinder werden geboren, und ich ziehe beruflich oft um. Trotzdem sehe ich Martin mindestens zwei bis dreimal im Jahr, denn er besucht mich und ich komme nach Bielefeld, wenn ich meine Eltern und Großeltern in Lübbecke besuche, und er kommt dann auch mal mit der Regionalbahn nach Lübbecke. Er hat keinen Führerschein, all die Jahre nicht, während ich es immer wieder schaffe, mir einen Gebrauchtwagen zu organisieren; in jüngeren Jahren übernehme ich oft die abgelegten Autos meines Vaters. Wir haben nach wie vor unglaublich viel zu besprechen. Es gelingt mir, ihn in naturphilosophische Diskussionen hereinzuziehen, die die moderne Physik betreffen, obwohl er sich mehr für die philosophischen Aspekte von Religion (der er kritisch gegenübersteht), Mystik, Psychologie usw interessiert. Wir bleiben definitiv nicht wie Heisenberg bei Platon stehen. Sein Hang zur Metaphysik ist teilweise schwierig für mich, aber ich gebe zu, dass erstens auch der Geist der Utopie metaphysisch und zweitens die Welt ein Schattenspiel, ein reiner Schein ist, der außerdem noch durch die Defizite des Denkens und der Wahrnehmung verzerrt wird. Einmal verreisen wir 1 Woche zusammen zum Kaisergebirge, wo ich meine Familie vermisse.

53-58(2008-2014)
Reisen: nachdem die Kinder aus dem Haus sind, nehmen wir unsere gemeinsamen Reisen wieder auf, sind mehrmals mit Edeltraut in Italien und Kroatien. Am schönsten ist es 2011 in Massa Lubrense bzw in der zweiten Woche in Castellione della Pescaia. Wir verstehen uns nach wie vor sehr gut, doch haben die Gespräche ihre Leidenschaft und ihren Tiefgang etwas verloren.

Ich will es noch einmal sagen: wahrhaft legendär müssen unsere philosophischen Spaziergänge genannt werden. Zahlreich sind sie gewesen, ob in Hamburg, am Limberg, auf Berliner Avenuen oder in den Tavernen südlicherer Gefilde. Unsere Gespräche waren philosophisch von Anfang an und hörten nicht auf, philosophisch zu sein, bis unser Geist zur Nacht hin ermüdete. Auf diese Art bin ich mit Martins Hilfe der naiven, berauschenden, anspornenden Idee einer dialektischen Wahrheit schon früh sehr nahe gekommen.

Ich habe durch ihn etwas vom Kanon der Philosophie mitbekommen, der an den Hochschulen gelehrt wird, von Platon, Aristoteles über Spinoza bis Kant, Hegel und Heidegger. Um all diese Namen, die es geschafft haben, auch noch nach Jahrhunderten im Bewusstsein der Menschheit eine Rolle zu spielen, zentrierte sich unser Denken. Die meisten dieser Ideengeber, von Hegel abgesehen, also eigentlich den gesamten Kanon, habe ich allerdings damals als vormodern abgelehnt.

Indem ich sie ablehnte, hatten wir ganz herrliche Rededuelle, die aber - befördert durch die Anerkennung und Achtung des anderen Selbst als ebenbürtig - nur selten aggressiv entgleisten. Martin ließ sich nicht leicht aus der Ruhe bringen, und auch ich bin normalerweise eher der harmlose Typ. Es war das Rauchen, das ihn mir am Ende genommen hat.

hier ein paar Bilder von unseren Reisen Anfang der 10er Jahre


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